Das dicke Ende: Maybach ist Geschichte

Rezension | Stefan Schlögl, 11. Jänner 2013, 13:19

Pracht und Hybris prägten die Präsentation der Über-Luxuslimousine im Jahr 2002, nun wurde die Produktion des Feudalherrschers aus dem Hause Mercedes ersatzlos eingestellt - Eine Aufarbeitung

Er war eine Inkarnation von gravitätischem Edelsinn und überbordender Potenz. Der ultimative Riegel für den Besserverdiener mit dem finalen Anspruch. Eine Yacht für die Straße, verfertigt von Mercedes-Benz, dem Premium-Hersteller schlechthin: der im Jahr 2002 präsentierte Prachtbau namens Maybach. Bis zu 6,2 Meter lang, eine halbe Million Euro teuer, aufgeladen mit modernster Technik, der kompletten Edelholz-Packung und vollmotorisierten Leder-Récamieren im Fond. Die Ansprüche waren hoch, das Auto dementsprechend total - den High Potential ereilte dennoch ein schleichender Tod.

Am 31. Dezember 2012 wurde der einstige Stolz von Mercedes-Benz mangels Nachfrage eingesargt.

Die Grabrede war zumindest bemüht charmant: "Im letzten Jahr seiner Verfügbarkeit war auch der Maybach bei den Kunden sehr beliebt. Insgesamt wurden 234 Luxusmodelle an neue Besitzer ausgeliefert, 12 % mehr als im Vorjahr." So stand es vor wenigen Tagen in der mit Erfolgsmeldungen für das Jahr 2012 gespickten Presse-Aussendung von Mercedes-Benz zu lesen.

Doch "sehr beliebt" ist angesichts der bei der Präsentation des Maybach angepeilten Zahlen relativ: Zumindest 1.000 Luxus-Kaleschen sollten Jahr für Jahr ihre Kunden finden - so lauteten die ehrgeizigen Prognosen, als die Stuttgarter den imposanten Leistungsträger im Juni 2002 vom Stapel ließen.

An Ego war in jenen Tagen kein Mangel: Auf dem Deck des Luxusliners "Queen Elizabeth II", vertäut in einer eigens gefertigten Glasvitrine, expedierte man den Maybach Number One vom englischen Southampton gen Vereinigte Staaten. Begleitet von Honoratioren, potenziellen Kunden und handverlesenen Edelfedern wurde die QE II vom freudvoll erregten Publikum in New York empfangen. Ein Hubschrauber transportierte den Glaskobel samt Inhalt medienwirksam gen City (dass der Luftraum wenige Monate nach den Anschlägen auf das World Trade Center gesperrt war, spielte für die Weltmacht Daimler keine Rolle), die eigentliche Präsentation hob an der Adresse Wall Street, Manhattan an.

Zu erleben gab es nominell eine prächtige Hervorbringung deutschen Automobilbaus in zwei Ausführungen: den Maybach 57 ( 5,7 Meter Länge, 2,7 Tonnen Gewicht) und den 62 (6,2 Meter, 2,9 Tonnen), die von einem V12-Biturbomotor mit 550 PS und 900 Nm maximalem Drehmoment akzeleriert wurden.

Schlechtes Timing

New York erlebte eine pompöse Inszenierung deutscher Ingeniosität - ein durchorchestriertes Muskelspiel, das den Hauptabsatzmarkt USA auf die Ankunft des neuen Luxusriegels einstimmen sollte. Allein: Der Maybach wurde in eine Welt entlassen, die sich noch tief in der Schockstarre nach den Anschlägen vom 11. September befand. Zudem hatte das Platzen der Dotcom-Blase die potenzielle Kundschaft deutlich dezimiert.

Als in Stuttgart im Jahr 1997 das "Go" für das Projekt Maybach gegeben wurde, ploppten die Start-up-Millionäre noch wie die Krokusse aus dem Boden. Fünf Jahre später waren die einst gefeierten Stars Fälle für den Staatsanwalt oder einfache Pixelschieber auf Amphetaminentzug - bloß keine Kunden für einen Superluxuswagen, der irgendwie in der falschen Zeit abgeladen schien.

Dabei gab sich Mercedes redlich Mühe: Erzählerisch aufgeladen wurde die revitalisierte Marke mit der Historie des legendären Wilhelm Maybach, eines findigen Motorenbauers, der Ende des 19. Jahrhunderts als Assistent von Gottlieb Daimler einer der Mitbegründer des Mythos Daimler-Benz werden sollte. Die von ihm entwickelten Aggregate waren echte Innovationsträger, ein Know-how, das er später als Unternehmer und Konstrukteur von Großmotoren für Luftschiffe und Flugzeuge verfeinerte.

Generierte Historie

Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm Sohn Karl die Geschicke des Unternehmens, das fortan Luxus-Automobile fertigte. Der Erfolg war eher verhalten, richtig legendär wurden bloß einige von Karosserie-Couturiers veredelte Maybach-Chassis. 1941 war Schluss mit Luxusauto, man konzentrierte sich nach 1945 auf den Motorenbau, die Marke dockte Jahre später über Umwege bei Mercedes an.

Wilhelm und Karl Maybach: gewaltige Leistung, große deutsche Technikgeschichte, sehr wichtig und richtig. Allein: Was konnte der gemeine Petro-Dollar-Texaner mit dem Namen anfangen? Nothin'. Maybach war kein selbsterklärender Mythos, hatte nicht die Story, nach der Japaner seit Jahrzehnten fahnden und die Marken wie Ferrari, Lamborghini, Aston Martin, Rolls-Royce oder Bentley einem ätherischen Glanz gleich abstrahlen. Da konnten die Mercedes-Mannen beim Chrom-Concours in Pebble Beach noch so viele Vorkriegs-Maybachs auffahren: Der Markenname blieb ein matter Gruß aus der Vergangenheit - und löste bei der anvisierten Kundschaft keine Begehrlichkeiten aus.

Aseptisches Image

Ganz anders Volkswagen und BMW: Gezielt angelten sie im Jahr 1998 nach den beiden klingendsten Namen des europäischen Automobilbaus, so es um Luxus und Image ging - Bentley und Rolls-Royce. Ersterer wurde von VW ab Anfang des Jahrhunderts zu einem Edelhersteller mit einem Hauch Bodenhaftung umgebaut, bei Rolls-Royce setzte BMW mit dem neuen Phantom voll auf die Gaga-Karte - und stach Maybach auf allen Märkten nach Belieben aus.

Was Wunder: Die neoimperialen Deutschen griffen gekonnt den Zitatenschatz der englischen Traditionshersteller ab. Der Feudal-Stuttgarter hingegen sah aus wie eine aufgebackene S-Klasse. Noch dazu wie der formal sehr dezente 1998er-Jahrgang, Code W220. Als 2005 die äußerst benzige, kräftig gezeichnete S-Klasse W221 ein echter Erfolgstyp der Oberklasse wurde, sah das Maybach-Duo plötzlich sehr gewöhnlich aus. Trotz nicht weniger als 90 Elektromotoren, die unter dem Blech ihren Dienst versahen. Trotz der exaltierten Preisgestaltung. 431.520 Euro für den "Kurzen", 501.102 Euro für den "Langen" inkl. Steuern. (Im österreichischen Finanzministerium ploppten die Sektkorken übrigens nur selten. Die Klientel kaufte lieber abgabenschonend in Monaco oder anderen verdächtigen Zweitwohnsitzen.)

Was ihr wollt

Kaufmännisch war das Projekt Maybach - das zeichnete sich schon zwei, drei Jahre nach dem Start ab - nicht zu retten. Zwar wurde die erste 1.000er-Tranche im Jahr des Debüts verkauft, danach blieben die Absatzzahlen jedoch weit hinter den Erwartungen zurück. Trotz eines elegischen Komforts im Fond, trotz des eigens hochgeziegelten "Excellence Center" in Stuttgart, in dem sich der Kunde der völligen Individualisierung hingeben konnte. Edelhölzer, Farben, Ledertexturen - alles war auf Wunsch erhältlich. Gerade einmal 3.300 Limousinen fanden ihren Weg auf die Straße. Immerhin der angepeilte Produktionszyklus von elf Jahren wurde erreicht.

Von Walter Röhrl, dem Ex-Rallyechampion und großem Driftwinkelphilosophen, ist folgender Merksatz überliefert: "Ein Sportwagen muss so stark sein, dass du Angst hast, wenn du drauf zugehst". In der automobilen Oberklasse gibt es ebenso eine Hartwährung: Respekt. Der kam Maybach mehr und mehr abhanden. Deutliches Indiz: Als die Stuttgarter bereits drei Jahre nach dem Start ein Facelift und die S-Versionen nachreichten, trat zur Präsentation in Dubai nur noch die zweite Garde der Schreiberlinge an. Der letzte Rest an Glanz war endgültig verblasst. Gern gesehen blieben die Maybachs bestenfalls als Edeltransporter zwischen Privatjet und Chalet-Hotel. Kein lohnendes Geschäftsmodell.

Teures Vergnügen

Der Versuch von Mercedes, sich selbst - den qua Historie ersten aller Premium-Hersteller - zu überholen, scheiterte grandios. Wie das britische Automagazin Car vorrechnete, pulverte Stuttgart insgesamt eine Milliarde Euro in die Revitalisierung der Marke. Die 3.300 abgesetzten Maybachs gegengerechnet, verbrannte Mercedes mit jeder Unterschrift unter einem Maybach-Kaufvertrag 330.000 Euro.

Ungemach, das per Jahresende 2012 aus dem Daimler-Portfolio gelöscht wurde. Zurück bleibt die Erinnerung an eine perfekte Luxuslimousine. Nicht mehr. (Stefan Schlögl, derStandard.at, 11.1.2013)

Ansichtssache

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foto: daimler

Überfahrt Richtung USA im Glaskobel: Maybach schickt sich im Juni 2002 an, die Neue Welt zu erobern. Nur eine "Queen Elizabeth II" ist als Trägerrakete gut genug.

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Schade. Ich habe diese Autos immer gemocht. Hoffentlich ist die Ersatzteilversorgung und Service gewährleistet.

Feines Auto mit viel Extras ausgestattet, z.B. gabs in den Sitzen eingebaute Schaszutzler ...

das ist jetzt ein scherz...

oder???

haha was ist denn ein schaszuzler?
sitzbelüftung?

eher das Gegenteil - eine Absaugvorrichtung

gibts aber ned wirklich?

Der Maybach war ein sehr unstimmiges gezeichnetes Auto. Das kommt davon wenn man einen Mercedes plant und dann vereinfacht gesagt, ein paar Maybach Badges draufpickt. Das fehlende Verständnis für Stil und Design (zwar hochwertige Materialen, aber in einer schrecklichen Zusammensetzung - bspw: weißes Leder mit Carbon Oberflächen) tat ihr übriges. Ein Rolls Royce passt halt vor einem englischen Country Club, der Maybach sieht aus als wäre er für High School Kids designt, die zum Abschlussball müssen. Viel Geld ausgegeben für nichts. Schade um die eigentlich tolle Marke.

Ich denke das Auto war technisch sicher perfekt, das Problem war nur dass man um den Preis eben auch 4 S-Klassen bekommt, die ebenfalls technisch perfekt sind und zudem deutlich moderner waren.

Ich konnte mich schon bei der Präsentation 2002 nicht wirklich mit dem Design anfreunden - zu Vieles deutete Außen wie Innen auf die S-Klasse hin.
Dies ist bei den Konkurrenzprodukten Rolls Royce und Bentley anders. Menschen die dermaßen viel Geld für ein Auto ausgeben wollen Exklusivität und nicht eine zu groß geratene S-Klasse.

Grandioser Artikel

Herr Schlögl, danke für diesen meisterhaft formulierten Artikel. Standard as its best!

Der Autor dieses Artikels tituliert dreist andere Journalisten als die "die zweite Garde der Schreiberlinge" und verrät ein paar Zeilen später mit folgenden sinnfreien Sätzen welcher Garde der Schreiberlinge er selbst angehört:

"Wie das britische Automagazin Car vorrechnete, pulverte Stuttgart insgesamt eine Milliarde Euro in die Revitalisierung der Marke. Die 3.300 abgesetzten Maybachs gegengerechnet, verbrannte Mercedes mit jeder Unterschrift unter einem Maybach-Kaufvertrag 330.000 Euro."

Ihm dürfte scheinbar entgangen sein, dass wohl eher das Gegenteil der Fall ist: dass sich nämlich der Verlust mit jedem verkauften Stück verringert hat und nur die Gewinnschwelle nicht erreicht wurde.

Sorry, wer austeilt muss auch einstecken können.

"Sorry, wer austeilt muss auch einstecken können."

Schönes Eigentor. Von Ihnen.

Kein Wunder

um das Geld darf man halt kein Kia-Design verwenden....

http://trialx.com/curetalk/... irus-1.jpg

als kombi mit dachreling hätte ich den gekauft

...ja emotionslos kommt hin. Das Ding war eine technisch perfekt konstruiert Fassede, ohne das DB irgendeine Emotion damit transportieren hätte können.
Ein Leopard II in schwarzem Klavierlack, hätte wohl fast mehr Käufer gefunden...

(P.S.: Und ich mag die Kettenlimousinen ohne Bordkanone lieber, als mit. Stört die Ästhetik massiv!!)

In Stuttgart ist ein Sack Geld umgefallen

Total emotionsloses Auto.
Konnte damit nie was anfangen.

dann doch lieber diesen:

http://www.youtube.com/watch?fea... _jaY#t=16s

Zu "total emotionslos" fällt mir vor allem der VW Phaeton ein. Und Audi: Das trifft doch eher den Geschmack der Neureichen.

...ich empfinde auch eine tiefe Abneigung gegen den VW/AUDI Konzern, und würde mich (mit 3 - 4 Ausnahmen) nie in einen der Kübel dieses Konzerns setzen. Aber man muss neidlos zugestehen - Was PR und Marktpositionierung angeht hat VW/AUDI die "Hausaufgaben" tadellos erledigt. Mercedes war die letzten 15 bis 20 Jahre ein Trauerspiel.

als CEO limo?
wohl kaum

Waren's auf der Vienna Autoshow?

Dort steht der
http://www.youtube.com/watch?v=ljHZO-bSGZM

Also wenn man die Wahl zwischen emotionslos und geschmacklos hat dann würd ich mich wohl für emotionslos entscheiden.

Und tschüss!!!

Schön langsam spricht es sich herum...

Das Auto als Zeichen von Geld Ruhm und Macht ist Geschichte.
Solche Dinge kaufen jetzt nur mehr Ewiggestrige, oder Verbrecher aller Art.
Ernstnehmen kann man solche Typen auf gar keinen Fall.

Ich mag grosse Autos

Sie koennen noch so laut und oft posten sie werden doch in der Minderheit bleiben. Es gibt ueberall in der Welt verrueckte und manche glauben auch dass die Welt untergeht.

Manche denken dass die Internationale bald ueberall gesungen wird und manche wollen das Essen von Fleisch verbieten. Andere moegen keine Pelze und wieder andere verkratzen Autos.

Es gibt ueberall Verrueckte und man muss miteinander auskommen. So ein V12 ist doch schon geil? Mit Wasser und Karpfen angetrieben natuerlich.

Die Menschen sind eitel und werden immer den Nachbarn uebertrumpfen wollen. Der eine hat eine dritte Bremse am Fahrrad und der andere ueber 20 Follower im Standard. Eitel, eitel ...

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