Der ganz normale Wahnsinn im Spital

11. Jänner 2013, 10:14
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Drei Mediziner erzählen von der "Front des Klinikalltags" - Sie sind sich einig: Vor allem die erste Zeit im Spital war alles andere als einfach

Was man nicht alles falsch machen kann als frischgebackenerAssistenzarzt: Die streng hierarchische Sitzordnung im Ärztezimmer missachten, Patienten aufgeschwatzt bekommen die eigentlich auf die Intensivstation gehören oder ein Blutbad anrichten kurz bevor der Chefarzt ins Zimmer platzt. Der Internist Florian Teeg berichtet in "Von Bluterguss bis Exitus" über die alltäglichen Probleme im Spital, auf die ihn das Medizinstudium nicht im geringsten vorbereitet hatte. 

Seine Schilderungen sind meist komisch, manchmal traurig, vor allem aber schonungslos ehrlich. Schon bald erfährt man, dass Ärzte alles andere als "Götter in Weiß" sind und mehr Fehler machen, als man ahnen würde; ganz besonders eben Teeg, der frisch von der Uni kommt, aber schon im ersten Nachtdienst die volle Verantwortung für die ganze Station trägt. Da immer auf Anhieb die richtige Entscheidung zu treffen ist schwierig bis unmöglich. 

Zusätzlich zum ganz normalen Stress kommt freilich noch das Zwischenmenschliche. Man leidet förmlich mit, als der junge Assistenzarzt das erste Mal ein Todesurteil (unheilbarer Krebs) überbringen muss: "In diesen Momenten kam es mir so vor, als würde sich der ganze schäbige Mief des Lebens auflösen und plötzlich das große Ganze sichtbar werden. Ich war nicht mehr der geschäftige, wissende Arzt - ich war ein kleines Menschlein wie er, das seinen eigenen großen Kampf genauso verlieren würde irgendwann. Es waren starke, große Momente. Auch wenn mir dabei immer zum Heulen zumute war." 

Trotz manch traurigen Schicksals überwiegt trotz allem der Humor. Teeg zeichnet ein lebendiges, locker geschriebenes und spannendes Bild des Spitalslebens, bei dem man nebenbei auch viel lernt. So erfährt man, dass der Hippokratische Eid von angehenden Ärzten schon lange nicht mehr abgelegt wird, dass man an einem wegen Diabetes abgestorbenen Zeh lieber nicht zu fest ziehen sollte und dass es nicht schadet, eitrige Pickel sofort auszudrücken. Lesenswert.

"Lesen Sie mich durch, ich bin Arzt"

"Mein Name ist Moor, Dr. Marco Moor. Ich bin 31 Jahre und arbeite als Assistenzarzt in einem der größten Krankenhäuser des Landes. 1,80 groß, braunhaarig, Single, aber in eine Kollegin aus der Chirurgie verliebt." Wie Teeg hat auch Moor ein Buch über seine Erfahrungen an der "Front seines Klinikalltags" geschrieben. Viel besser als seinem Leidensgenossen ergeht es ihm dabei nicht nicht - auch er muss sich mit missgünstigen Kollegen, mühsamen Patienten und schwierigen Entscheidungen herumschlagen. 

In 49 knappen Erzählungen, etwa "Adventsdepression", "Suicide isn't Painless" oder "Der Sex-Appeal eines Arztkittels" schildert Moor, warum es zwar für die Patienten heute viel angenehmer ist als früher, für Mediziner aber nicht unbedingt. Technik und Forschung hätten zwar gewaltige Fortschritte gemacht, dafür gibt es jetzt aber Probleme wie Personalmangel, enorme Dokumentationspflichten und ständigen Konkurrenzkampf durch Ärzte-Rankings. 

"Lesen Sie mich durch, ich bin Arzt" ist ähnlich leichtfüßig wieFlorian Teegs Buch , durch die abgeschlossenen kurzen Geschichten fehlt aber ein durchgehender Spannungsbogen. Die vielen aufschlussreichen Beobachtungen und die feine Ironie machen das aber wieder wett. 

"Auch Ärzte haben Gefühle"

Im Gegensatz zu seinen jungen deutschen Kollegen hat der Wiener Orthopäde Hans Tilscher (77) schon alles erlebt. In seinem Buch "Auch Ärzte haben Gefühle" erzählt er aber weniger vom Ärztealltag als vielmehr vom Leben. Er erinnert sich, wie er als junger Bursch auf dem Motorrad seinen Onkel bei Visiten im oberösterreichischen Sauwald begleitet hatte, wie er bereits an der allerersten Prüfung im Medizinstudium verzweifelte und wie ihm Exkanzler Bruno Kreisky höchstpersönlich ein Pflaster aufgeklebt hatte. Tilscher war zu ihm gerufen worden und hatte sich vor lauter Aufregung beim Rasieren geschnitten. 

Aber auch die Medizin kommt nicht zu kurz. Tilscher schildert seine Gedanken zur täglichen Visite, Beipackzetteln und Alkohol, vor allem aber zu den großen Themen wie Krankheit und Tod, aber auch Liebe. Über sie philosophiert er etwa: "Rezeptiert man Liebe, sollte man natürlich auch die Dosis, die Form der Einnahme, die Wirkungsdauer genauer definieren. Bei den Komplikationen wäre vor allem der Schmerz zu diskutieren, den man sich selbst oder anderen zufügt."

Seinen jungen Ärztekollegen rät er, sich nicht zu sehr von der Fließbandmedizin und der modernen Diagnostik vereinnahmen zu lassen: "Der Glaube an die Hochtechnologie schläfert die Aufmerksamkeit und das Können der klinisch tätigen Ärzte ein", schreibt Tischler. Er appelliert, den Blick wieder vom Befund in das Antlitz des Gegenübers zu heben und mehr Gefühl füreinander zu haben. Am meisten würden sich die Patienten schließlich immer noch Zuwendung, Beratung, Hoffnung wünschen. (Florian Bayer, derStandard.at, 11.1.2013)

  • Florian TeegVon Bluterguss bis ExitusAus dem Alltag eines AssistenzarztesHeyne Verlag, Taschenbuch, 304 Seiten, ISBN: 978-3-453-60254-010, 30 Euro 
    foto: heyne, randomhouse

    Florian Teeg
    Von Bluterguss bis Exitus
    Aus dem Alltag eines Assistenzarztes
    Heyne Verlag, Taschenbuch, 304 Seiten, ISBN: 978-3-453-60254-010, 30 Euro 

  • Marco Moor 
Lesen Sie mich durch, ich bin Arzt
Echte Geschichten aus dem Krankenhaus 
Heyne Verlag, 220 Seiten, ISBN: 978-3-453-60257-1, 9,30 Euro
    foto: heyne, randomhouse

    Marco Moor
    Lesen Sie mich durch, ich bin Arzt
    Echte Geschichten aus dem Krankenhaus
    Heyne Verlag, 220 Seiten, ISBN: 978-3-453-60257-1, 9,30 Euro

  • Hans TilscherAuch Ärzte haben GefühleAnekdoten aus einem MedizinerlebenMaudrich, 120 Seiten, ISBN 978-3-85175-944-0, 14,90 Euro
    foto: maudrich

    Hans Tilscher
    Auch Ärzte haben Gefühle
    Anekdoten aus einem Medizinerleben
    Maudrich, 120 Seiten, ISBN 978-3-85175-944-0, 14,90 Euro

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