Die Sollbruchstellen der Vorschuldiskussion

Nicht nur zwischen der roten Unterrichtsministerin und dem schwarzen Integrationsstaatssekretär, auch zwischen Rot und Grün in Wien gibt es Dissonanzen rund um das Thema Sprachförderung

Wien - Die Diskussion um die Vorschule, die Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) und Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) derzeit führen, nahm ihren Ausgang in Wien - dort hat Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ) vergangene Woche verordnet, Deutschkenntnisse zum Kriterium für die Schulreife zu machen. Beim Koalitionspartner stößt das auf wenig Verständnis. Die Trennung der Kinder "ist pädagogischer Unsinn und widerspricht allen Expertisen", sagte die Bildungssprecherin der Wiener Grünen im Landtag, Martina Wurzer, am Mittwoch dem Standard.

Rot und Grün hätten sich in der Bundeshauptstadt "intensivst" mit dem Status quo der Bildungsforschung auseinandergesetzt, umso weniger versteht Wurzer die Order des Stadtschulrates: "Das wird den Wiener Kindern nicht helfen." Wurzer plädiert vielmehr für eine "Wertschätzung der Vielsprachigkeit", es gehe darum, die Erstsprachen der Kinder als Potenzial zu begreifen, sagt sie.

Das könne man umsetzen, in dem man etwa die Mehrsprachigkeit von pädagogischem Personal berücksichtige und fördere. Außerdem müssten Kindergärten und Schulen enger bei der Bewertung der Sprachkompetenz kooperieren - anstatt diese wie derzeit nur den Direktoren zu überlassen. Fehlende Sprachkompetenz gibt es übrigens längst nicht nur bei ausländischen Kindern. Im Wiener Stadtschulrat geht man davon aus, dass ein Viertel der Betroffenen in Wien einen ausschließlich österreichischen Background hat.

Wien als Hebel

Kurz hat die Wiener Order als Hebel benutzt, um eine Diskussion über Schulreife und Förderung von Kindern außerhalb des Regelschulwesens loszutreten - und damit die Bildungsministerin unter Zugzwang gebracht, die laut einem Ministerratsbeschluss bis Ende März Zeit haben sollte, ein Gesamtpaket zu dem Thema zu erarbeiten. Nach dem sich die Ministerin anfänglich nicht zu Kurz' Vorstoß äußern wollte, räumte sie dann ein, es müsse von Standort zu Standort entschieden werden, ob Kinder in eigenen Vorschulklassen oder im Rahmen von "normalen Klassen" gefördert werden sollen. Eine "differenzierte Herangehensweise" nennt Schmied das.

Das sehen viele als Abkehr von der bisherigen Politik der Ministerin, alle Kinder mit einem möglichst integrativen Ansatz gemeinsam zu unterrichten; Tatsächlich stand das Thema Vorschule bisher kaum auf ihrer Agenda. Auf eine endgültige, von Expertisen gestützte Position muss man ohnehin noch bis März warten. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 10.1.2013)

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