"Vertrauen in die Regierung verloren"

Interview9. Jänner 2013, 18:57
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Dass es niemals zu einer Volksbefragung hätte kommen dürfen, sind sich die Schüler Tizian Rupp und Thomas Buocz einig. Warum sie unterschiedlich abstimmen werden, erklären sie im STANDARD-Gespräch

STANDARD: Am 20. Jänner werden Sie erstmals direkt über Ihre Zukunft bestimmen. Wurden Sie ausreichend in der Schule informiert?

Rupp: Bei mir kam vonseiten der Lehrer gar nichts. Erst als ein Schüler von sich aus einen Zeitungsartikel mitgenommen hat, wurde das Thema im Unterricht aufgegriffen. Die Debatte war aber nicht aufschlussreich, weil sich die Lehrer selbst nicht so genau informiert haben. Ich hätte mir gewünscht, dass die uns nicht nur ihre eigene Meinung schildern, sondern handfeste Informationen mitgeben, also Zettel, die man sich zu Hause noch einmal durchlesen kann.

Buocz: Bei uns hat die Geschichtslehrerin die Debatte in den Unterrichtsstoff als politische Bildung integriert. Am Ende der Diskussion waren rund zwei Drittel der Klasse für eine Beibehaltung der Wehrpflicht.

Rupp: Bei uns sind eigentlich alle für ein Berufsheer. Ich glaube, dass die Jugendlichen ganz anders abstimmen werden als die anderen Altersschichten, nämlich mehr fürs Berufsheer. Das ist eine ganz andere Sichtweise, ob man die Wehrpflicht noch vor sich oder schon hinter sich hat. Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Leute sagen: "Ich habe das ja schließlich auch gemacht, warum also sollen die das nicht auch müssen?" Andererseits: Mein Bruder hat so schlechte Erfahrungen beim Zivildienst gemacht, dass er jetzt für das Berufsheer stimmt, weil er das den anderen nicht antun will.

Buocz: Da ist er aber eher die Ausnahme. Laut dem Chef des Roten Kreuz haben 90 Prozent beim Zivildienst gute Erfahrungen gesammelt.

STANDARD: Wie werden Sie bei der Volksbefragung abstimmen?

Buocz: Ich werde für eine Reformierung des Heers unter Beibehaltung der Wehrpflicht stimmen - auch weil ich das Vertrauen in eine kompetente Umsetzung des Berufsheers durch die Regierung verloren habe. Das liegt konkret am 180-Grad-Schwenk der SPÖ: Vor zwei Jahren meinte Verteidigungsminister Darabos noch, dass man das Budget fürs Berufsheer verdoppeln müsste, um den Katastrophenschutz so aufzustellen, wie er jetzt ist. Heute behauptet er das Gegenteil. Das Modell von so jemand kann ich nicht ernst nehmen. Außerdem glaube ich, dass er damals recht hatte: Ein Berufsheer würde teurer kommen.

Rupp: Die Kosten sollten nicht das vorrangige Kriterium sein. Ich stimme fürs Berufsheer, weil ich die Angst habe, dass sich sonst am System gar nichts ändern wird. Das Heer sollte sich auf den Katastrophenschutz konzentrieren und nicht so viel auf die Landesverteidigung setzen, weil wir seit einem halben Jahrhundert schon keinen Krieg mehr hatten. Für das Restrisiko braucht man natürlich noch ein reduziertes Heer, aber das sollte besser von professionellen Leuten gemacht werden.

STANDARD: Sie sind 17 und 18 Jahre alt. Können Sie überhaupt zuverlässig planen, ohne zu wissen, wie die Volksbefragung ausgehen wird?

Buocz: Ich habe im Februar meine Stellung, bin aber noch sicher im " Zwangsdienst". Erst der Jahrgang nach mir wird freigestellt sein, sollte es ein Berufsheer geben.

Rupp: Ich würde niemals zum Heer gehen und werde versuchen, ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland zu absolvieren. Wenn man dadurch einen Vorteil bekäme, etwa bei der Studieneingangsprüfung, dann könnte das freiwillige Jahr auch für viele richtig attraktiv werden. Ich stimme jedenfalls nicht damit überein, dass der Staat einen Bürger dazu zwingen kann, etwas auszuüben, auch wenn man das nicht will. Viele wählen ja das Heer als kleineres Übel, einfach weil das nur sechs Monate statt neun dauert.

Buocz: Ich finde es gut, wenn man eine Zeitlang dem Staat auch etwas durch seine Arbeit zurückgibt. Jeder in Österreich erhält schließlich überdurchschnittlich viele Sozialleistungen, daher ist das gerechtfertigt.

STANDARD: Sollte so ein wichtiges Thema überhaupt per Volksabstimmung beschlossen werden?

Buocz: Auf keinen Fall. Das ist das Grundübel der ganzen Diskussion: Politiker, die dafür bezahlt werden, solche Entscheidungen zu treffen, schaffen es nicht, auf einen Konsens zu kommen und schieben das dann ans Volk ab. Das Volk hat aber nicht das Wissen, um sich eine Meinung bilden zu können. Wenn man zu den politischen Parteien aufsieht, um sich zu orientieren, bekommt man nur widersprüchliche Informationen oder gar keine.

Rupp: Außerdem kann man nicht über konkrete Modelle abstimmen. Dadurch ist die ganze Diskussion im Grunde spekulativ. Für mich wäre die sinnvollste Lösung, ein unparteiisches Komitee zu bilden, das sich dieses Themas annimmt und dann entscheidet. (Fabian Kretschmer, DER STANDARD, 10.1.2013)

Tizian Rupp (17) geht in die 7. Klasse der Neulandschule Grinzing und wird für ein Berufsheer stimmen.

Thomas Buocz (18) besucht die 8. Klasse des Gymnasiums Kundmanngasse und will die Wehrpflicht beibehalten.

  • Das Heer sollte sich vor allem um den Katastrophenschutz kümmern, findet
 Tizian Rupp (li.) und spricht sich für ein Berufsheer aus. Thomas Buocz
 glaubt, dass diese Variante wesentlich teurer käme.
    foto: standard/cremer

    Das Heer sollte sich vor allem um den Katastrophenschutz kümmern, findet Tizian Rupp (li.) und spricht sich für ein Berufsheer aus. Thomas Buocz glaubt, dass diese Variante wesentlich teurer käme.

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