"Kunst zu machen verlangt nach religiösem Glauben"

Interview9. Jänner 2013, 17:54
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Kelly Copper und Pavol Liska präsentieren Teil V ihres mit dem Burgtheater produzierten "Life & Times"-Epos in Buchform

Margarete Affenzeller traf die Nature-Theater-Leiter in ihrem Atelier in New York.

Die Arbeiten des Nature Theater of Oklahoma entstehen in Queens, New York. Dort proben Kelly Copper und Pavol Liska in einer riesengroßen Küche mit ihrer freundschaftlich zusammengefunden habenden Theatergruppe an jenen Stücken, die seit Jahren auf europäischen Festivals Furore machen. 2008 haben sie bei den Salzburger Festspielen den Young Directors Award erhalten; mit dem Burgtheater ging es zum Berliner Theatertreffen.

Es war einer der großen Coups von Direktor Matthias Hartmann, die englischsprachige Theatergruppe mit dem Ensemble und den Vorzügen seines Hauses kurzzuschließen, um an dem insgesamt zehnteiligen Epos Life & Times zu arbeiten. Die Teile eins bis vier waren bereits im Burg-Kasino zu sehen. Teil fünf wurde soeben fertiggestellt, und das überraschenderweise in Buchform.

Basis dieser Theaterserie sind aufgezeichnete Telefongespräche mit Kristin Worrall (40), einer der Schauspielerinnen der Gruppe, die auf diese Weise ihr Leben nacherzählt hat. Von den ersten Erinnerungen ans Kleinkindalter und den recht durchschnittlichen Schuljahren in Providence (Rhode Island) über die Teenager-Jahre, den ersten Sex und das junge Erwachsenenleben wird es heraufreichen bis in die Gegenwart.

Dabei wird Kristin Worralls gesprochenem Wort mit allen Ähs und Hms, mit allen Gedankensprüngen und Erinnerungslücken jene Aufmerksamkeit zuteil wie gemeinhin einem echten Tschechow. Für jeden Serienteil gibt es eine eigene formale Lösung. Auf ein Musical (Teil eins), ein Tanzstück (Teil zwei) und ein zweiteiliges Mystery-Drama (Teil drei und vier) folgen in Teil fünf nun Visual Arts bzw. die Buchform. Europa-Premiere ist am 21. Mai beim Norfolk- und Norwich-Festival in Großbritannien. Das Burgtheater steigt wieder bei Teil sieben ab der Saison 2014/15 ein. Teil sechs wird derzeit bereits als Radiostück realisiert.

STANDARD: Warum haben Sie als Theatergruppe die Form eines Buches gewählt?

Liska: Wir knüpfen immer an der jeweils vorangegangenen Episode an. Teil zwei handelte beispielsweise vom ersten Tanzabend. Deshalb sind hier Tanz und der Highschool-Show-Choir die bestimmende Form geworden. Jetzt in Teil fünf geht es um den ersten Sex und um das heimliche Tagebuch, in dem aufregende Dinge stehen, auch Dinge, die in Wirklichkeit gar nicht so aufregend waren, also auch um Erfundenes. Die Tagebuchform hat uns zum Buch an sich geführt.

STANDARD: Wie kann ein gezeichnetes Buch zum Theaterabend werden?

Liska: Die eigentliche Quelle von dem, was schlussendlich auf der Bühne landen wird, ist ein Buch. Aber es gibt ein performatives Element. Wir verstehen uns als Theatermacher, weil wir vor Livepublikum spielen. Die entscheidende Frage ist doch immer, wie geht man mit dem Publikum um. Auch Episode sechs, ein Radiostück, wird ein Theaterprojekt sein.

STANDARD: Um welche Art von Buch handelt es sich?

Copper: Wir haben dafür die mittelalterliche, sehr liebevolle Art der Buchgestaltung gewählt, die Art und Weise, wie Mönche in Klöstern geschrieben haben. Wir wollten die Alltagssprache ins Mondäne erheben. Wir haben uns also gefragt, wie kreieren wir eine epische Form, die jenseits des Durchschnittlichen ist. Und da kamen wir auf die religiösen Texte beispielsweise des Kamasutra oder die japanischen Pillow-Books, wo man Spiritualität und Sexualität verbindet.

STANDARD: Die ersten Sexerfahrungen- und -fantasien eines Teenagers wurde transformiert in eine mittelalterliche Handschrift?

Copper: Ja. Wir haben versucht, das sehr genau zu übersetzen. Ich habe Zeichnen gelernt, Kelly hat Kalligrafieunterricht genommen. Und in eineinhalb Jahren manueller Arbeit haben wir die Handschrift fertiggestellt.

STANDARD: Was ist dabei die Herausforderung?

Liska: Wie präsentiert man Visual Arts einem Theaterpublikum, das etwas anderes erwartet.

STANDARD: Damit löst sich auch das Problem von gespielten Sexszenen auf der Bühne.

Copper: Ja, schon. Denn wie kann man erotische Liebe in einer nichtironischen Form auf der Bühne überhaupt präsentieren? Wenn zwei Schauspieler einen Liebesakt vorspielen, so sind sie ja nicht wirklich in einer Liebesbeziehung. Man kann es auf die Bühne stellen, aber es ist immer voyeuristisch.

STANDARD: Sie selbst und nicht die Schauspieler sind die Protagonisten dieses Buches. Warum?

Copper: Uns wurde oft der Vorwurf gemacht, die Geschichten anderer zu exponieren, dabei aber selber kein Risiko einzugehen. Deshalb sind wir jetzt dran. Und wenn wir schon das Thema einer romantischen Liebe bearbeiten, so gibt es in unserer Compagnie eigentlich nur ein wirkliches Paar - und das sind wir.

STANDARD: Das Nature Theater of Oklahoma hat großen Zuspruch in Europa. Kriegt die New Yorker Szene davon etwas mit?

Liska: Nein, die meisten sind in ihrer eigenen kleinen Welt. Das interessiert hier niemanden.

STANDARD: Bedeutet der Name Burgtheater gar nichts?

Copper: Er bedeutet nichts. Leider!

STANDARD: Kelly, Sie wurden in Florida geboren, und Sie, Pavol, in Tschechien. Was haben Sie erwartet, als Sie Mitte der 1990er-Jahre nach New York gekommen sind?

Liska: Wir haben erwartet, die Welt zu verändern. Und das erwarten wir immer noch. Wenn man Soldat ist, will man schließlich dort sein, wo der Kampf stattfindet.

STANDARD: Wie finanzieren Sie Ihre Arbeit?

Copper: Europa ist der einzige Platz auf der Welt, der uns Geld für unsere Arbeit gibt. Hier, in New York, gibt es kein Subventionssystem. Es gibt zwar ein wenig kommunale Unterstützung für ältere, traditionsreiche Einrichtungen wie das Metropolitan Museum of Modern Art oder das New York City Ballet. Aber unsere Generation ist gänzlich ohne öffentliche Gelder aufgewachsen.

STANDARD: Sie sind viel auf Tour, da müssen die Burgtheaterschauspieler dann passen, oder?

Copper: Ja, wir müssen viel performen und auf Tour gehen, um Geld zu verdienen. Unsere Gruppe hat expandiert, darum müssen wir uns kümmern. Wir waren in den letzten Jahren selten in New York, sondern neben Europa auch in Australien, Singapur, Japan und zuletzt Korea unterwegs. Burgtheater-Ensemblemitglieder können nicht mitreisen, sie sind nicht so oft verfügbar, wie wir es benötigen würden.

STANDARD: Was wäre, wenn auch das Geld in Europa versiegt?

Liska: Auch dann machen wir weiter. Um Kunst unter diesen Bedingungen zu machen, braucht man ohnehin geradezu religiösen Glauben. Da ist niemand, der dir sagt, dass das wichtig ist, was du machst. Man muss sich vom eigenen Tun selbst überzeugen, daran glauben, dass eine Art Mandat Gottes existiert. Er ist die einzige Person, die dir sagt, mach weiter. Es ist entweder Gott, der sagt, mach weiter, oder Matthias Hartmann. (lacht) (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 10.1.2013)

Kelly Copper (41) und Pavol Liska (40) haben 1996 das Nature Theater of Oklahoma in New York gegründet, benannt nach der wild zusammengetrommelten Schauspieltruppe aus Franz Kafkas "Amerika"-Roman. Ihre Performances heimsten insbesondere in Europa wichtige Preise ein. Ein Marathon der ersten vier Teile ihres Epos "Life & Times" läuft derzeit bis 20. Jänner erstmals in New York, im Rahmen des "Under the Radar"- sowie des "Soho Rep"-Festivals am Public Theater.

oktheater.tumblr.com

www.oktheater.org

  • Sexuelle Fantasien eines Teenagers - in eine mittelalterliche Handschrift 
transformiert.
    foto: nature theater of oklahoma

    Sexuelle Fantasien eines Teenagers - in eine mittelalterliche Handschrift transformiert.

  •  Kelly Copper und Pavol Liska präsentieren Teil V der 
Lebensgeschichte-Serie "Life & Times" als Buch und Installation.
    foto: standard / heribert corn

    Kelly Copper und Pavol Liska präsentieren Teil V der Lebensgeschichte-Serie "Life & Times" als Buch und Installation.

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