Amnesie-Patient in Bregenz: Detektivarbeit im Spital

9. Jänner 2013, 19:07
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Ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, landet in einem Bregenzer Krankenhaus. Erst nach sechs Wochen kann seine Identität geklärt werden. Die Zukunft des Deutschen ist ungewiss

Bregenz - Er sei zu Fuß von Lindau (Deutschland) nach Bregenz gegangen, an mehr konnte sich der Mann in Wanderkleidung, der am 19. November 2012 im Landeskrankenhaus Bregenz auftauchte, nicht erinnern. Wochen später, nachdem der Gedächtnisverlust des Mannes anhielt, wandte sich die Polizei an die Medien. Seit wenigen Tagen hat der Mann wieder einen Namen, man weiß nun, dass es sich um einen 48-Jährigen aus dem Raum Stuttgart handelt.

Frühere Arbeitskollegen und seine Ex-Frau hatten den unter Amnesie Leidenden auf den veröffentlichten Fotos erkannt. Vermisstenanzeige hatte niemand erstattet. Der Alleinstehende hatte nur sporadisch Kontakt zu Familie und Bekannten, ging auch zu Weihnachten keinem ab. Weitere Details zum in Vorarlberg Gestrandeten und seinen Lebensumständen gibt die Polizei aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht preis.

Zukunft ungewiss

Da nun die Identität des Mannes bekannt ist, kann abgeklärt werden, ob eine Versicherung die wochenlange Behandlung bezahlt oder der Patient selbst die Krankenhauskosten übernehmen muss, sagt Andrea Bachmann, Sprecherin der Krankenhausbetriebsgesellschaft. Ein üblicher Vorgang, " wie bei allen ausländischen Patienten". Bleibt die Rechnung auch "nach Ausschöpfung aller Rechtsmittel offen", dann muss das Krankenhaus auf das Geld verzichten. "Da geht es uns gleich wie anderen Dienstleistern."

Wie lange der Mann noch in Vorarlberg bleiben wird, ob er in ein deutsches Krankenhaus oder in einen Betreuungseinrichtung überstellt wird, ist noch ungewiss. Über die Dauer der Behandlung entscheiden die behandelnden Ärzte, sagt Bachmann. Mit seinem Namen konfrontiert, sei die Erinnerung des Mannes nur in kleinen Bruchstücken zurückgekommen, heißt es aus der Landespolizeidirektion.

Behutsam erinnern

Bei der Behandlung von Menschen, die Teile ihres Gedächtnisses verloren haben, müsse man sehr behutsam vorgehen, sagt Sandra Lettner, Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychologie. Weder Reisepass noch Familienalbum oder die Gegenüberstellung mit vertrauten Personen bringen die Erinnerung schlagartig zurück. Lettner: " Im Gegenteil, wenn man solche Patienten zu rasch und aggressiv mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, kann sich ihr Zustand verschlimmern." Vor allem dann, wenn ein seelisches Trauma Ursache für den Verlust des autobiografischen Gedächtnisses ist.

Grundlage für die Therapie müsse eine sorgfältige Diagnose in Zusammenarbeit von Neurologen und Klinischen Neuropsychologen sein, sagt Lettner. Es gelte zu klären, welche Gedächtnisart, welche Hirnregion betroffen sei, denn für die Störung gebe es "viele Ursachen und viele Gründe". Verletzungen, entzündliche oder demenzielle Erkrankungen könnten Amnesien auslösen, aber auch traumatische Erlebnisse. Ob das Gehirn wieder seine frühere Leistung erreiche, hänge ganz von der individuellen Erkrankung ab.

Bei der Therapie müsse die Betreuungsperson "Detektivarbeit" leisten, um Details zur Vergangenheit, zum Leben, Beruf des Patienten herausfinden. Sandra Lettner: "Mit diesem Wissen im Hintergrund versucht man dann behutsam Erinnerungen auszulösen." (Jutta Berger, DER STANDARD, 10.1.2013)

  • Gedächtnisverlust kann viele Ursachen haben: Neuropsychologen und Neurologen müssen sanft vorgehen, damit das Gehirn der betroffenen Patienten wieder volle Leistungsfähigkeit erreicht.

    Gedächtnisverlust kann viele Ursachen haben: Neuropsychologen und Neurologen müssen sanft vorgehen, damit das Gehirn der betroffenen Patienten wieder volle Leistungsfähigkeit erreicht.

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