Großer Erzähler kleiner Dinge

9. Jänner 2013, 17:24
posten

Norbert Schwontkowski verbreitet in der Galerie Thoman in Wien Melancholie und Nachdenklichkeit

Wien - Drei ausgehängte Wohnungstüren, die, ihrer Funktion beraubt, unnütz an einer Wand lehnen. Eine Situation, ebenso absurd wie bekannt, ebenso selten wie alltäglich. Und doch erzählen diese banalen Drei Türen (2012) mit den Spionen in Norbert Schwontkowskis großformatigem Gemälde von einem Raum jenseits des Darstell- und Greifbaren: Der Künstler macht den Schatten hinter den Türen, jene flüchtige Dunkelheit von pyramidaler Form, zum eigentlichen Gegenstand seines Bildes. Das Abwesende wird zum - sich buchstäblich nicht in den Vordergrund drängenden - Motiv seiner kargen Komposition. Und obwohl jede Vernunft dagegen spricht, so sagt das Gefühl, man sei irgendwann einmal in diesem kleinen dunklen Winkel hinter der Tür gehockt.

Schwontkowski ist ein Künstler, der diese Grenze zwischen Wirklichem und dem, was ins Reich der Fantasie oder in eine andere Zeitebene gehört, gerne überschreitet. Und so spielen Erinnerungen in den Bildern seiner Ausstellung The Balance of an Unknown Structure in der Galerie Thoman in Wien eine besondere Rolle. In der nächtlichen Szene von Yesterday Allee (2012) sind es die des Künstlers, gestützt von den Seherfahrungen des Betrachters: Geblieben ist von der Allee nur der sanfte Schwung der Lichter, den die runden Lampen in den Himmel zeichnen. Alles andere ist der Düsternis des Vergessens anheimgefallen. Ein Bild, das an Melancholie und Tristesse des 2005 entstandenen Vorort erinnert: Das diffuse Licht einer einzigen über der Straße baumelnden Laterne spiegelt sich in einer dunklen, öligen Pfütze.

Schwontkowskis besondere Technik - er bringt Metalloxyde auf die Leinwand auf - schafft nicht nur spannende Effekte, sondern integriert über unkalkulierbare Veränderungen der Farbe auf eine Art auch den Faktor Zeit.

Der 63-jährige Schwontkowski, dem die Berlin-Biennale 2006 viel Aufmerksamkeit bescherte, zählt zu den späten Durchstartern der Kunstszene. Erst mit Mitte 50 entdeckte ein Berliner Galerist dessen Talent für das Erzählen der kleinen, aber poetischen Dinge. Den Irrsinn unseres Daseins (zum Beispiel in Kafka reloaded, 2012) konserviert er in Bildern, die naiv und entlarvend, sanft und karikierend zugleich sind. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 10.1.2013)

Bis 16.2.
Galerie Elisabeth & Klaus Thoman
Seilerstätte 7, 1010 Wien
www.galeriethoman.com

  • Jenseits der Zivilisation türmen sich Orte, die auf rätselhafte Weise 
unheimlich sind: "Kafka reloaded", 2012. 
    foto: galerie thoman

    Jenseits der Zivilisation türmen sich Orte, die auf rätselhafte Weise unheimlich sind: "Kafka reloaded", 2012. 

Share if you care.