Für Deutschkurse vor der Volksschule fehlen einheitliche Standards

10. Jänner 2013, 11:04
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In Wien entscheidet der Direktor, ob ein Kind gut genug Deutsch spricht

Apfel, Birne, Kirsche, Traube und Zwetschke. Was ist hier der gesuchte Oberbegriff? Richtig, "Obst". Um festzustellen, wie gut die Deutschkenntnisse von Kindergartenkindern sind, hat das Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (Bifie) ein Verfahren entwickelt, mit dem Kindergartenpädagoginnen 15 Monate vor Schuleintritt feststellen sollen, wie weit die Kinder in ihrer Sprachentwicklung sind. Während es für den Kindergarten dieses Verfahren seit 2008 gibt, sind solche Unterlagen für die Einschreibung in der Volksschule noch ausständig.

Keine einheitlichen Verfahren

Nun plant die Regierung, dass Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen ein Jahr lang eine Vorschule besuchen müssen, ehe sie in die Schule dürfen. Wie die Deutschkenntnisse festgestellt werden sollen und wo die Grenze für die Schulreife liegt, wurde noch nicht geklärt.

Kriterium für die Schulreife sind laut Gesetz derzeit nur motorische, soziale und kognitive Fähigkeiten und nicht die Deutschkenntnisse.

Fördermodell in Wien

In Wien gibt es trotzdem bereits seit dem Jahr 2008 das "Fördermodell 1+1". Kinder, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, werden bereits im letzten Kindergartenjahr gefördert. Sind bei der Schuleinschreibung für die Volksschule immer noch Defizite vorhanden, müssen Kinder eine Vorschulklasse in der Volksschule besuchen. Welche Kinder in diese Klassen kommen, entscheiden die Direktoren der einzelnen Schulstandorte. Ein einheitliches Verfahren, nach dem die Kenntnisse der Schüler getestet werden, gibt es auch in Wien nicht.

Gesetzlich seien keine Standards vorgeschrieben, sagt Matias Meissner, Sprecher des Wiener Stadtschulrats, im Gespräch mit derStandard.at. Die Direktoren müssten feststellen, ob die Kinder in der Lage sind, dem Unterricht zu folgen. "Das passiert durch Malübungen, die Bennenung von Dingen", so Meissner. Es liegt also an den Direktoren an den einzelnen Schulstandorte, die Schulfähigkeit festzustellen.

Im aktuellen Schuljahr gibt es wienweit bereits 117 Vorschulklassen mit insgesamt 1.658 SchülerInnen.

Sprachwissenschaftlerin gegen "Ausschluss"

Sprachwissenschaftler halten von der Idee der Vorschulklassen für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen prinzipiell wenig. Auch Inci Dirim, Professorin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Wien, ist gegen den "Ausschluss" von Kindern vom Unterricht. Deshalb spricht sie sich gegen eine Sprachstandsfeststellung vor Schuleintritt aus.

Wenn so etwas trotzdem stattfinde, müsste erst festgestellt werden, was "gut" überhaupt ist, so Dirim. Dazu sei eine breit angelegt empirische Studie nötig. Erst dann könne man festlegen, wie gut die Kinder Deutsch können müssen, um schulreif zu sein.

Durchgängige statt einmaliger Sprachbildung

Dirim schlägt statt punktueller Sprachstandsfeststellungen vor dem Schuleintritt eine "durchgängige Sprachbildung" während der gesamten Schulzeit vor. "Internationale Studien zeigen, dass die Aneignung der Bildungssprache Deutsch sechs bis acht Jahre dauert", erklärt Dirim. "Damit, die Kinder nur ein Jahr lang zu fördern, ist es also nicht getan."

Schüler sollten deshalb während der gesamten Schullaufbahn in ihrer Sprache gebildet werden, so die Sprachwissenschaftlerin.

Lehrer aller Fächer einbeziehen

Es sei zudem ein Fehler, dass man sich in Österreich immer nur auf den Deutschunterricht konzentriere, sagt Dirim. Besser wäre es, alle Lehrer einzubeziehen. So könnten sich die Lehrer aller Gegenstände beispielsweise darauf einigen, im Monat Mai Nebensätze mit der Konjunktion "dass" mit ihren Schülern zu üben. "Die Schüler werden aufgefordert, viele dieser Sätze zu verwenden, und die Lehrer können sie dabei auf Fehler aufmerksam machen." Dirim entwickelt an ihrem Institut derzeit die "Unterrichtsbegleitende Sprachstandsbeobachtung", in der solche Verfahren angewendet werden sollen.

Ein großes Thema, das Dirim in der aktuellen Diskussion fehlt, sind die "Seiteneinsteiger". Das sind Schüler, die nicht vor dem Schuleintritt, sondern etwa erst mit 14 in die Schule kommen. Sie werden derzeit als "außerordentliche Schüler" geführt und bekommen parallel zum Regelunterricht elf Stunden Deutschunterricht pro Woche.

Staatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) will für die Seiteneinsteiger Kurse vor dem Schuleintritt einführen, die drei bis sechs Monate dauern sollen. Dirim glaubt, dass auch diese von einer durchgängigen Sprachbildung während der gesamten Schulzeit mehr profitieren würden: "Bei Schülern, die nicht regelmäßig gefördert werden, verschwinden die Fördereffekte wieder." (Lisa Aigner/Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 10.1.2013)

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  • Deutschkenntnisse sollen künftig über die Schulreife entscheiden.
    foto: standard/newald

    Deutschkenntnisse sollen künftig über die Schulreife entscheiden.

  • Inci Dirim hält nichts von punktuellen Sprachstandsfeststellungen, die die Schüler vom Unterricht "ausschließen".
    foto: dastandard.at

    Inci Dirim hält nichts von punktuellen Sprachstandsfeststellungen, die die Schüler vom Unterricht "ausschließen".

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