Feines Feedback vom Fisch

8. Jänner 2013, 19:37
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Die "Prinzessin vom Tanganjikasee" ist ein besonders sozialer Buntbarsch - Bei der Brutpflege helfen nicht nur Eltern und ältere Geschwister, sondern auch nichtverwandte Tiere mit

Wenn von Sozialkompetenz die Rede ist, denkt man an Zeitgenossen, die gut darin sind, die Wünsche und Gefühle anderer wahrzunehmen und entsprechend darauf zu reagieren. Wissenschaftlich untersucht wurde diese Fähigkeit bislang denn auch fast ausschließlich an Menschen. Zunehmend kristallisiert sich jedoch heraus, dass Sozialkompetenz auch bei vielen Tieren eine Rolle spielt. Dort kann sie sogar über Leben und Tod entscheiden.

Der in Ostafrika gelegene Tanganjikasee beherbergt rund 250 Arten von Buntbarschen. Eine davon ist die sogenannte "Prinzessin vom Tanganjikasee", Neolamprologus pulcher. Die acht bis neun Zentimeter langen Fische haben eine spezielle Art der Jungenaufzucht: Mit dem Nachwuchs befassen sich nicht nur die Eltern, sondern auch ältere Geschwister und sogar nichtverwandte Tiere.

Barbara Taborsky vom Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern arbeitet seit Jahren an der Art und kann die Brutgemeinschaften erklären: "Die Fische verteidigen ein kleines Territorium um eine Bruthöhle. Auch Nichtbrüter brauchen Versteckmöglichkeiten, um sich vor Räubern zu schützen, aber ein dominantes Paar, das über ein solches Territorium verfügt, toleriert Artgenossen nur, wenn sie bei der Brutpflege helfen."

Typischerweise leben ein bis 14 Helfer in einem Territorium, in Einzelfällen können es sogar bis zu 36 sein. Auf diese Weise haben sie Zugang zu einem Versteck und profitieren selbst vom kollektiven Schutz durch die anderen. Im Gegenzug verzichten sie auf eigene Fortpflanzung, bis sie groß genug sind, selbst ein Territorium zu beanspruchen, oder aber bis sie das Brutpaar beerben können.

Unerwünscht und verjagt

Allerdings haben Brutpaare nicht immer Lust darauf, neue Helfer zu rekrutieren. Wer nicht erwünscht ist, wird verjagt und läuft Gefahr, im Magen eines Räubers zu landen. Unter diesen Umständen sollte man sich die Bruthöhlenbesitzer möglichst gewogen machen. Wie geschickt sich junge Tanganjika-Prinzessinnen dabei anstellen, untersuchten Taborsky und ihre Mitarbeiter mit finanzieller Unterstützung durch den Wissenschaftsfonds FWF.

Dafür wählten sie Fische aus demselben Gelege, von denen die eine Hälfte mit Eltern, zwei älteren Helfern und gleichaltrigen Geschwistern aufwuchs, während die anderen nur mit ihren Brutgeschwistern zusammenlebten.

Zunächst wurden jeweils zwei gleich große Fische in ein Aquarium gesetzt, das durch eine Trennwand geteilt war und in beiden Hälften einen halben Blumentopf als Unterschlupf enthielt. Nachdem jeder Fisch seine "Höhle" besetzt hatte, wurden die Trennwand und die Töpfe entfernt und eine gleich große Blumentopfhälfte genau in die Mitte des Behälters platziert.

Da sich nun beide Fische als rechtmäßige Eigentümer derselben Behausung fühlen mussten, war ein Konflikt unausweichlich. Nahe der Wasseroberfläche hatten Taborsky und ihre Gruppe allerdings eine halbe Plastikflasche als Zusatzversteck angebracht, um dem Verlierer eine Ausweichmöglichkeit zu geben. Wer sich dorthin zurückzog, gab damit auch seinen Anspruch auf das Territorium auf.

In einem zweiten Experiment wurden die Fische in eine völlig neue Situation gebracht: Sie wurden einzeln zu einem dominanten Paar gesetzt, das sie nicht kannten und das den einzigen Unterschlupf im Aquarium beherrschte. Wie sich herausstellte, spielte bei dem Ein-Topf-zwei-Besitzer-Szenario der soziale Background keine Rolle, vielmehr entschieden selbst minimale Größen- und Gewichtsüberlegenheiten über den Ausgang der Tests.

Nach der Entscheidung jedoch zeigten die Verlierer, die mit Eltern und Helfern aufgewachsen waren, deutlich mehr unterwürfiges Verhalten als die "Waisenkinder" und wurden vom Territoriumseigner viel eher toleriert.

Auch im Umgang mit dem dominanten Paar erwiesen sich die mit älteren Fischen aufgewachsenen Tiere als geschickter: Sie wurden von diesem viel seltener verjagt. Keinerlei Unterschied zwischen beiden Gruppen zeigte sich hingegen bei sozialen Verhaltensweisen, die in der entsprechenden Situation falsch oder unangebracht gewesen wären.

Sich beschützt fühlen

Was genau dazu führt, dass die sozial reichere Umgebung in der Jugend sich positiv auf die Sozialkompetenz der Fische auswirkt, ist noch ungeklärt. "Es kann ganz einfache Ursachen haben", meint Taborsky. "Wenn Eltern und Helfer anwesend waren, fühlten sich die Jungen vermutlich besser beschützt. Wir beobachteten, dass sie in dieser Situation mehr Begegnungen mit ihren Geschwistern hatten und so in verschiedenen Kontexten ihr Verhalten öfter üben konnten."

Jedenfalls ist Neolamprologus pulcher nicht die einzige Art, für die höhere Sozialkompetenz aufgrund der Jugendbedingungen nachgewiesen ist: Forellen, die in Bächen aufwachsen und dort häufig ihr Territorium verteidigen müssen, lösen Konflikte mit viel weniger Energieaufwand als solche, die aus einer Zuchtanstalt stammen. Rhesusaffen, die ihre Kindheit ausschließlich mit ihrer Mutter verbringen, reagieren später oft unangebracht auf Kontaktversuche von Altersgenossen. Und Mäuse, die in einem Gemeinschaftsnest mit mehreren Weibchen und deren Jungen aufwachsen, zeigen sich in einer unbekannten Umgebung weniger ängstlich und investieren als Mütter mehr Zeit und Energie in ihren Nachwuchs als Tiere, die ihre Kindheit nur mit Mutter und Geschwistern verbringen.

Wie das Beispiel von Neolamprologus pulcher zeigt, können schon sehr kleine Unterschiede im Sozialverhalten einen großen Einfluss auf die Überlebenschancen, also die Fitness der betroffenen Individuen haben. " Aus evolutiver Sicht wurde Sozialkompetenz bisher aber weitgehend ignoriert", bemerkt Taborsky. In einem Artikel in der Dezemberausgabe des Wissenschaftsjournals Trends in Ecology and Evolution (Vol. 27, No. 12) erklärt die Wissenschafterin, dass sozial kompetentere Tiere sich möglicherweise häufiger sozialen Situationen aussetzen, weil sie mehr davon profitieren könnten als diesbezüglich weniger begabte.

Durch den vermehrten Sozialkontakt würde der Vorteil, noch bessere Kompetenz zu erwerben, wiederum steigen. Taborsky: "Dieses positive Feedback könnte die evolutive Entwicklung des Gruppenlebens vorangetrieben haben." (Susanne Strnad, DER STANDARD, 09.01.2013)

  • Die Gesellschaft der Buntbarsche: rechts oben das dominante Brutmännchen, links 
oben das dominante Brutweibchen, darunter ein Brutpflegehelfer.
    foto: michael taborsky

    Die Gesellschaft der Buntbarsche: rechts oben das dominante Brutmännchen, links oben das dominante Brutweibchen, darunter ein Brutpflegehelfer.

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