Verdichtete Aufzeichnungen aus der Gegenwart

8. Jänner 2013, 17:39
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Die ebenso umfangreiche wie sehenswerte Zeitzeugen-Chronik "Vergessene Opfer" ist auf DVD erschienen

Wien - Ein weißhaariger Mann sitzt auf einer Holzbank unter freiem Himmel. Um ihn ist zartes Grün und Bäume, hinter ihm ist ein ferner steiler Berghang zu sehen. Die Lichtstimmung wechselt manchmal.

Der Mann, der in diesem fast idyllischen Setting Einblicke in seine Lebensgeschichte gibt, ist Franz Smrtnik, geboren 1933 in eine Kärntner slowenische Bauernfamilie. 1942 erlebt er die Deportation, nur durch eine unerwartete Intervention kann die Familie auf den Hof zurückkehren. Der Alltag und vor allem der heimliche Umgang mit Partisanen bleiben gefährlich. Das Kriegsende erlebt der Teenager als "Neugeburt". Seine Erzählung - und die Erfahrung von Diskriminierung - ist damit aber noch nicht am Ende.

Vergessene Opfer heißt das nun auf DVD veröffentlichte Langzeitprojekt der beiden österreichischen Dokumentarfilmer Angelika Schuster und Tristan Sindelgruber (Operation Spring, 2005). In sieben Teilen durchmisst die ursprünglich um die Jahrtausendwende entstandene Reihe österreichische Zeitgeschichte. Jeder besteht aus einem Interview mit einem Zeitzeugen, welcher jeweils eine lange "vergessene" Opfergruppe repräsentiert - Wehrmachtsdeserteure ebenso wie Roma oder die der Kinder- und Jugendfürsorge am Wiener Spiegelgrund Ausgesetzten.

Weshalb es sich ausschließlich um Männer handelt, erklären Schuster und Sindelgruber im Directors' Statement auf ihrer Homepage damit, dass Bemühungen um weibliche Beiträge ergebnislos verlaufen seien - in Kärnten sei es seinerzeit aufgrund der Volkszählung fast unmöglich gewesen, überhaupt Gesprächspartner zu finden, die vor eine Kamera treten wollten. Die Filmemacher verweisen jedoch auch auf bereits existierende verwandte Projekte, die Frauen ins Zentrum rücken, etwa Karin Bergers Dokumentarfilme mit und über Ceija Stojka.

Der Interviews wurden bereits 2001 aufgezeichnet, die zeitliche Distanz von einem weiteren Jahrzehnt nimmt ihnen jedoch nichts von ihrer Relevanz. Die Kamera ist fix montiert und bleibt unbewegt, in Nahaufnahme ganz auf den Sprecher konzentriert.

Sparsam eingesetzte, für die DVD aktualisierte Zwischentexte liefern Eckdaten und Hintergrundinformationen wie diese: "Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung inhaftiert sind, werden nach Kriegsende nicht freigelassen. Sie müssen ihre von der NS-Justiz verhängten Haftstrafen zu Ende verbüßen. Erwin Widschwenter wird erst im Mai 1946, ein Jahr nach Kriegsende, aus dem Gefängnis entlassen."

Der inzwischen über neunzigjährige Herr Widschwenter sitzt in Pyjama und grünem Morgenmantel in seinem Wohnzimmer und sagt Ovid auswendig auf: " Aurea prima sata est ...", dann übersetzt er auch gleich. Seine Homosexualität sei immer schon da gewesen - "das ist eine angeborene Sache, man kann durch niemanden verführt werden" -, gravierende Probleme hat er deswegen nie gehabt. 1942 wird er zur Wehrmacht eingezogen. Während er in Wien stationiert ist, wird er von Gestapo-Spitzeln vor einer bekannten Sauna abgefangen - das führt zu jener Gefängnisstrafe, die erst im Mai 1946 endet.

Das Gespräch entwickelt sich in seinem Fall stärker im Dialog, alte Fotos kommen ins Spiel. Auch Herrn Widschwenters Erzählung entfaltet sich über den Zeitraum der unmittelbaren Verfolgung hinaus. Insgesamt begegnet man in den rund elf Stunden Film bemerkenswerten Protagonisten und individuellen Lebensgeschichten. Herr Smrtnik sagt am Ende noch, dass er sich wünsche, dass "die Leute über Südkärnten etwas erfahren (.. .), dass das in die Schulen kommt (...), dass die Jugend erfährt, was wirklich ist". Und: "Jetzt gemma wos essen." (Isabella Reicher, DER STANDARD, 9.1.2013)

Hintergrundinformationen und Bezugsmöglichkeit der DVD auf www.standbild.org

  • Herr Smrtnik erzählt sein Leben als Kärntner Slowene - er ist eines von sieben "Vergessenen Opfern", die für die gleichnamige Filmreihe Auskunft gaben.
    foto: standbild aus "vergessene opfer"

    Herr Smrtnik erzählt sein Leben als Kärntner Slowene - er ist eines von sieben "Vergessenen Opfern", die für die gleichnamige Filmreihe Auskunft gaben.

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