ORF schickt Manager nach ganz unten

8. Jänner 2013, 17:03
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In "Undercover Boss" setzen sich vier Firmenchefs den Mühen der Ebene aus: Ab 16. Jänner, 21.05 Uhr, ORF 1, packen sie so an, wie sie selbst es von ihren Mitarbeitern verlangen. Am Ende fließen Tränen. Der ORF hofft auf einen überfälligen Quotenerfolg

Wien - Als Vorstandschef arbeitet Manfred Denner 60 bis 80 Stunden. In der Gemüseabteilung scheitert er kläglich: "Er ist zu langsam, er schaut zu lang", tadelt die Chefin. "Eine große Chance, zu erfahren, was in den Märkten wirklich los ist", hatte er vor dem Experiment, den Undercover Boss zu machen, noch gesagt. Jetzt geht es ihm nur um eins: "Können wir auf Pause gehen?".

Ab 16. Jänner schickt der ORF vier Topmanager in fünf Folgen nach ganz unten: Die Chefs müssen unerkannt so zupacken, wie sie selbst es von ihren Mitarbeitern verlangen. Den Anfang macht Klaus Schierhackl von der Asfinag, Denner, Manager bei Merkur, folgt, danach Hannes Lechner von Accor Hotels und Georg Ketzler von Brantner. Am Schluss jeder Sendung erfahren die Kollegen, dass sie ihren eigenen Chef eingearbeitet haben.

Optisch angepasst, tauschen die Chefs Anzug und Krawatte mit Bärtchen, Lederjacke, Wollhaube, Arbeitshandschuhen und Namen. Als "Albert König" will Denner "am Puls der Zeit sein, mehr direkt im Laden stehen".

Erschöpfter Chef

Recht bald stößt er dabei an seine Grenzen, und das ist der Moment, an dem das Fernsehpublikum jubeln soll: Dass sich der Chef patscherter anstellt als so mancher Hilfsarbeiter, ermöglicht Momente der Häme und Identifikation mit den Schwachen. Er könne nicht schwer tragen, jammert er: "Bissl Rückenschmerzen." Die Vorgesetzte interessiert das nicht: Um halb acht Uhr morgens muss alles fertig sein: "Gemma!" Bis zum Vormittag wird Albert "ungefähr 16-mal fragen, wann er endlich ein Päuschen einlegen könne".

Der britische Channel 4 versuchte den Tausch erstmals, inzwischen gab es die verdeckten Chefs schon in USA, Kanada, Australien, der Schweiz und in Deutschland bei RTL. In Österreich ist Undercover Boss ein weiterer Beitrag zur bisher mäßig erfolgreichen Programmreform von Fernsehchefin Kathrin Zechner. Die Dokusoap löst Armin Assinger im Einser Team ab, der zwar gute inhaltliche Noten, aber enttäuschende Quoten lieferte. Spiele mit der versteckten Kamera endeten nach kurzer Laufzeit. Stermann/Grissemann im Hauptabend starteten mau. Der Verschub der Donnerstagnacht auf Dienstag funktioniert bis dato mehr schlecht als recht. Und auch der solide gemachte Undercover Boss steht auf wackligen Beinen aufgrund eines schwierigen Programmumfelds. Parallel zum Boss, mittwochs, 21.05 Uhr, ORF 1, laufen etwa Kaliber wie Villacher Fasching und eine TV-Premiere mit Klaus Maria Brandauer als Alzheimer-Patient.

Handwerklich gut gemacht

Das wäre schade, denn das Format ist handwerklich gut gemacht und vor allem als Phänomen spannend: Wenn Fernsehen als Ausdruck seiner Zeit gewertet werden kann, dann wäre Undercover Boss das typische Produkt der Krise. Während in Jahren der Hochkonjunktur Lehrlinge in Shows wie The Apprentice die dünne Luft des Spitzenmanagements schnuppern durften, zählt jetzt Solidarität als menschliche Qualität.

Die ist freilich trügerisch: Die Untergebenen dürfen sich am Ende im dicken Schlitten in die Firmenzentrale fahren lassen, sich dankbar über Lob von höchster Stelle, Geschenke wie Kochen mit Jamie Oliver, Hundefutter für ein Jahr, Fortbildung, Kroatienurlaub und Beförderung freuen. Der Druck, den ein inspizierender Undercover Boss auf seine Mitarbeiter ausüben könnte, wird entschärft, aber Chef bleibt eben Chef: Hierarchien halten danach umso fester. (Doris Priesching, DER STANDARD, 9.1.2013)

  • In der ORF-Dokusoap "Undercover Boss" schnuppern Topmanager Arbeitsluft: Manfred Denner arbeitet ganz unten bei Merkur.
    foto: orf

    In der ORF-Dokusoap "Undercover Boss" schnuppern Topmanager Arbeitsluft: Manfred Denner arbeitet ganz unten bei Merkur.

  • Klaus Schierhackl wird Straßenarbeiter bei der Asfinag.
    foto: orf

    Klaus Schierhackl wird Straßenarbeiter bei der Asfinag.

  • Georg Ketzler von Brantner (schnuppert als Müllmann.
    foto: orf

    Georg Ketzler von Brantner (schnuppert als Müllmann.

  • Hannes Lechner von Accor Hotels versucht sich als Haustechniker: ab 16. Jänner, 
jeweils 21.05 Uhr auf ORF eins.
    foto: orf

    Hannes Lechner von Accor Hotels versucht sich als Haustechniker: ab 16. Jänner, jeweils 21.05 Uhr auf ORF eins.

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