Weltbilderpuzzle und Pornomosaik

8. Jänner 2013, 17:30
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Die Ausstellung "Privat" in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main zeigt die diffuse Wechselwirkung von Privatem und Öffentlichkeit. Das öffentliche, "postprivate" Sein enthält Nützliches und Fragwürdiges

Ist heutzutage der Sinn des Wörtchens "privat" noch irgendwem unter den Jüngeren bekannt? Heute, in Zeiten von Handyfotos und Intimfilmchen, die in Echtzeit im Internet kursieren? Heute, wo Tagebücher zu allen zugänglichen öffentlichen Blogs geworden sind, in denen Intimes allzeit und global verbreitet wird?

An dieser soziologisch, gesellschaftspolitisch und psychologisch höchst aktuellen und diffusen Schnittstelle setzt die neue Ausstellung der Frankfurter Schirn Kunsthalle an, die sich in aufreizender Schlichtheit Privat nennt - und dabei alles andere ist, nur keine Privat-Vorstellung.

In sechs Kapitel hat Kuratorin Martina Weinhart die windungsreiche, in dem überhohen Hallentrakt der Schirn etwas gedrängte, fast atemlos anmutende Ausstellung mit überwiegend in den letzten Jahren entstandenen Positionen von 30 Künstlerinnen und Künstler unterteilt. Diese Sektionen sind jedoch durch keinerlei erklärende, abschließende oder zusammenfassende Überschriften voneinander geschieden, sondern ausschließlich durch unterschiedliche Wandfarben, hier Anthrazitgrau, dort Hellgrün, Weiß und Türkisblau. Was signalisieren soll: Eine rigide Trennlinienziehung kann nicht mehr aufrechterhalten werden. Alles geht ineinander über, wird durchlässig, transparent, löst sich auf.

Daher zeigt der erste Raum auch Unkünstlerisches: Ausschnitte aus Amateurfilmen der Zwanziger-, Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts, die Kindergeburtstage zeigen, Weihnachten im Familienkreis, Treffen im Schrebergarten, Freizeitvergnügungen und von Hand geschriebene Tagebuchkladden. Die Exponate stammen, erste ironische Volte, jedoch aus öffentlichen Sammlungen, aus dem Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen und aus der Landesfilmsammlung Baden-Württemberg. Durch das Übereignen ist das Eigene öffentlich geworden, wird das Eigene zum Partikel eines quasiethnologischen Panoramas.

In der folgenden Sektion konstruiert Fiona Tan mit einer wandhohen Fotoinstallation ein ganzes Land, während Gabriel de la Mora, Jörg Sasse und die Fotografen Jenny Michel und Michael Hoepfel in ihren Arbeiten Gesichter auskratzen, Klischees aushebeln, Hehres dekonstruieren. Was, wie zu sehen, bereits die Vorläufer der Facebook-Generation taten: Martha Rosler und Birgit Jürgenssen mit bissig-bösen feministischen Montagen, Andy Warhol mit seinem stundenlangen Film Sleep von 1963, Stan Brakhage mit Window Water Baby Moving (1959), in dem er eine Kindsgeburt hautnah zeigt, und Michel Auder mit dem verspielt hippiesken, anrührend dilettantischen Streifen Keeping busy.

Auf diese Eins-zu-eins-Überführung von gelebtem Alltag in Kunst, der Deklarierung von Punktmomenten zur Ewigkeitskultur beziehen sich einerseits Sophie Calle mit ihren verspielt-gestellten Hochzeitsfotos, andererseits Ryan McGinley, Dash Snow, Mark Morrisroe und Nan Goldin, die Paare beim Kopulieren zeigt. Diese vier dokumentieren, rauschhaft festgehalten - im Fall von Dash Snow mit einer Polaroidkamera -, sich und ihr engstes Umfeld: beim Feiern, Trinken, Chillen, Lieben.

Mama beim Sex

Der Brite Richard Billingham, als Scharnier auf halber Strecke fungierend, machte schon vor 20 Jahren Furore mit Fotos seiner dysfunktionalen Familie. Dabei war ihm das rein Exhibitionistische fremd. Das rückt bei Tracey Emin, Marilyn Minter mit ihren Hinterhoffensterfotos, bei Leigh Ledare, für den seine Mutter beim Sex posierte, und als poppig pornofizierte Teenie-Selbstporträts bei Evan Baden ins Zentrum.

In Mark Wallingers 24-teiliger Serie Unconscious mit in der U-Bahn Eingeschlafenen herrscht kommentarloser stiller Voyeurismus. Clever ist die letzte Arbeit, Mike Bouchets raumgreifende, Untitled Video benannte Vier-Kanal-Videoprojektion. Zehn Minuten lang bilden immer wieder wechselnd eingeblendete Minifotografien ein großes Weltbilderpuzzle. Aus nächster Nähe entpuppt es sich als Pornomosaik mit eindeutigen Darstellungen. Clever auch die Gestaltung des Begleitkatalogs mit einem spiegelnden Umschlag, in dem mittig in Umrissen das Wort "Privat" steht - und man sich so selber in den Buchstaben spiegelt. Und auch die erste, ebenfalls spiegelnde Seite im Buch reflektiert das öffentlich-postprivate Sein in all seiner fragilen Ambivalenz. (Alexander Kluy aus Frankfurt, DER STANDARD, 9.1.2013)

Bis 3. Februar

  • Ein Hinterhoffenster-Foto von entwaffnender Direktheit: Marilyn Minters Bild "Mom Smoking" aus der Serie "Corel Ridge Towers" (1969-1995).
    foto: andréhn-schiptjenko

    Ein Hinterhoffenster-Foto von entwaffnender Direktheit: Marilyn Minters Bild "Mom Smoking" aus der Serie "Corel Ridge Towers" (1969-1995).

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