"Vorschuljahr für Kinder mit Deutsch-Problemen ist Diskriminierung"

8. Jänner 2013, 15:20
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Die Sprachwissenschaftler Rudolf de Cillia und Hans-Jürgen Krumm sprechen sich gegen den Vorschlag der Regierung aus

Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) will ein neues Konzept zur Sprachförderung entwickeln, zu dem sie auch Experten zu Rate ziehen will. Dazu zählen der Sprachwissenschaftler Rudolf de Cillia und der Germanist Hans-Jürgen Krumm von der Universität Wien. Sie sprechen sich im Gespräch mit derStandard.at jedoch klar gegen den Plan aus, Kinder, die Probleme mit der deutschen Sprache haben, in Vorschulklassen zu geben, was Integrations-Staatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) und seit kurzem auch Ministerin Schmied befürworten.

"Diskriminierung nach sprachlichen Kriterien"

De Cillia und Krumm erklären, in welche Richtung sie arbeiten möchten. Dazu verweisen sie auf ein Maßnahmenpapier von SOS Mitmensch mit dem Titel "Migration, Integration und Gleichstellung in Österreich", an dem beide mitgearbeitet haben. Es enthält viele bildungspolitische Vorschläge zur Förderung der deutschen und anderer Sprachen - allerdings keine Deutsch-Crashkurse in Vorschulklassen.

De Cillia ist dagegen, Kinder nach sprachlichen Kriterien zu trennen. "Wenn jetzt Schulreife so definiert wird, dass man die Bildungssprache gut genug beherrschen muss, dann ist das pädagogisch nicht sinnvoll. Das ist eine Diskriminierung nach sprachlichen Kriterien. Das kann außerdem auch deutschsprachige Kinder betreffen, die Dialekt sprechen." 

Probleme bei Jobsuche

Derselben Meinung ist Germanist Hans-Jürgen Krumm, der ebenfalls das Bildungsministerium hinsichtlich der Sprachförderung beraten soll. Er sagt, es wirke diskriminierend auf Kinder, wenn ihnen gesagt wird, sie dürften aufgrund der Sprachkenntnisse noch nicht in die Schule gehen. Probleme könnte es auch bei der späteren Jobsuche geben, wenn sich Jugendliche rechtfertigen müssen, warum sie mit sechs Jahren noch nicht in die Schule gehen durften.

Krumm und de Cillia setzen stattdessen auf Sprachförderung im Kindergarten. Man sollte zwei verpflichtende Kindergartenjahre kostenlos einführen und die Mittel für die Kindergärten wesentlich erhöhen. Eine Pädagogin mit 25 Kindern, wie es derzeit oft der Fall sei, könne bei der Sprachförderung nicht viel erreichen. Zurzeit kämen vom Bund fünf Millionen Euro im Jahr für 200.000 Kindergartenkinder, also 25 Euro pro Kind. Damit könne man nicht viel anfangen. 

Auch nichtdeutsche Muttersprachen fördern

Man müsste also viel mehr Geld in die Hand nehmen, um hier sowohl die deutsche als auch die jeweilige Familiensprache der Kindergartenkinder zu fördern. Das heißt: mehr KindergartenpädagogInnen und mehr Betreuung in den Muttersprachen wie Türkisch, Serbisch und Bosnisch. Das setze allerdings voraus, dass die im Regierungsprogramm schon lange versprochene Ausbildung von KindergartenpädagogInnen auf tertiärem Niveau durchgeführt wird, also an Hochschulen.

De Cillia setzt die geringen Mittel für Kindergärten in Relation zu "Sprachförderkursen für außerordentliche SchülerInnen mit einer anderen Erstsprache als Deutsch", für die die Bundesregierung 23,9 Millionen Euro und 440 Lehrerplanstellen für das Schuljahr zur Verfügung stellt. Der Sprachwissenschaftler: "Wenn man diese Summen vergleicht, sieht man sehr schnell, wo man mit einem differenzierten Modell ansetzen könnte."

"Früher beginnen und den Kindern Zeit für den Spracherwerb lassen"

Die Devise von de Cillia: "Früher beginnen und den Kindern Zeit für den Spracherwerb lassen." Wenn man in zwei Kindergartenjahren effizient Sprachförderung betriebe, würden die Kinder dem Unterricht folgen können. "Dann spart man sich die ganze Aufregung um eine punktuelle Maßnahme, die so in den Vordergrund gestellt wird, statt dass man mit nachhaltigen differenzierten Maßnahmen den Spracherwerb von Beginn des Kindergartens an bis zum zehnten Lebensjahr unterstützt." Eine solche Herangehensweise sei jedoch nicht so einfach und plakativ zu vermarkten. (Rainer Schüller/Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 8.1.2013)

  • Sprachwissenschaftler Rudolf de Cillia: "Wenn jetzt Schulreife so definiert
wird, dass man die Bildungssprache gut genug beherrschen muss, dann ist das pädagogisch nicht sinnvoll. Das ist eine Diskriminierung nach sprachlichen
Kriterien."
    fotos: schiffl, standard/newald

    Sprachwissenschaftler Rudolf de Cillia: "Wenn jetzt Schulreife so definiert wird, dass man die Bildungssprache gut genug beherrschen muss, dann ist das pädagogisch nicht sinnvoll. Das ist eine Diskriminierung nach sprachlichen Kriterien."

  • Germanist Hans-Jürgen Krumm: "Es wirkt diskriminierend auf Kinder, wenn ihnen gesagt wird, sie dürfen 
aufgrund der Sprachkenntnisse noch nicht in die Schule gehen. Probleme 
könnte es auch bei der späteren Jobsuche geben."
    foto: wilke

    Germanist Hans-Jürgen Krumm: "Es wirkt diskriminierend auf Kinder, wenn ihnen gesagt wird, sie dürfen aufgrund der Sprachkenntnisse noch nicht in die Schule gehen. Probleme könnte es auch bei der späteren Jobsuche geben."

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