Alltagsgeschichten eines Spira-Assis

Glosse8. Jänner 2013, 14:07
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"Die Spira" feiert ihren Siebziger in einem Ottakringer Wirtshaus und ist aufgeladen wie eine fabrikneue Autobatterie

Die Spira mag man oder nicht. Doch wenn der ehemalige "Krone"-Hausdichter Wolf Martin zum Thema Spira mehr als eine Absonderung tätigt, ist das Feindesehr' vom Feinsten in unserer Republik. Mir ist sie ein witziger, sprühender Mensch, im Besitz der fast unmöglichen Kombination, gleichzeitig das absolute Gehör für das Abgründige und für die Gerechtigkeit zu haben.

A Gangl is' ang'sagt!

Die Neunzigerjahre gehen in die zweite Hälfte, das Handy/PC/Laptop-Zeitalter ist noch jung und die "Alltagsgeschichten" sind das Aushängeschild der Kulturabteilung im nationalen Fernsehen der Republik Österreich. Diesmal sind der Kameramann Peter, sein Assi Ferdinand und ich als Tonis Assi fünf Wochen lang auf der sommerheißen Autobahn unterwegs und erforschen das Biotop Raststätte.

Im Grunde machen wir es wie die Kollegen von "Universum": Wir verschmelzen mit der Umgebung und warten mit betriebsbereiter Kamera auf die besondere Spezies. Oft auch nachts, weswegen literweise Kaffee und das Bauernschnapsen zum Warteritual gehören. Für mich ist dieses autochthon österreichische Kartenspiel nicht nur ein "Integrationsschritt", sondern Quelle unendlicher Heiterkeit. Weil der Kameramann es geradezu neurotisch ernst nimmt und ich es eher anarchisch angehe. Der Höhepunkt ist erreicht, als ich trotz Bettler-Blatts einen Gang ansage. Sein Wutausbruch beendet unsere bis dahin relativ gute zwischenmenschliche Beziehung für immer. Und ist gleichzeitig der Beginn meiner eineinhalbjährigen Regieassistenz bei "der Spira".

Das Glück ist ein Vogerl

Für sie zu arbeiten ist ein ermüdendes Vergnügen. Die Spira ist meistens eine Arbeitsmaschine, ihr Treibstoff die Freude an der Tat. Und die Tat ist jede neue "Alltagsgeschichte". Oft beginnen wir eine Recherche bei einem Frühstück in ihrem Heim. Oft entsteht die Idee schon beim letzten Dreh oder Schnitt, weil da jemand etwas sagt oder wir etwas sehen, das eine Geschichte ergeben kann, die es wert ist, erzählt zu werden.

So gelangen wir anschließend mit Kamera und Ton in den Wohnwagen einer Autobahnprostituierten, verbringen Wochen auf dem Markt, bei Kleintiermessen, in Fabriken und Flüchtlingslagern. Unvergessen sind mir die Stunden, die ich bei Tierärzten, die auf Vögel spezialisiert sind, verbringe. So finde ich die "Vogelmutter von Graz". Sie lebt in einem Doppelkeller, wo sie eine Art Vogelhospiz betreibt. Meist gelingt die Gesundung, doch manchmal stirbt ein Patient. Dann kommt er auf den kleinen Vogelfriedhof im Garten. Heute ist so ein trauriger Tag, und die Vogelmutter will mir das Begräbnisritual zeigen. Ich überzeuge sie nur mit Mühe, die tote Amsel im Kühlschrank einzufrieren, bis wir mit Kamera, Ton und Spira wiederkommen.

Frauen in der Fabrik

Das ist der Titel der traurigsten der "Alltagsgeschichten", an der ich mitarbeite. Akkordarbeit in einer Fabrik ist die trostloseste Art, jene Zeit zu verbringen, die Fabriksarbeiterinnen ihren Kindern jeden Morgen beim Abschied mit "Mama geht arbeiten" tröstend erklären. Wir verbringen fast fünf Wochen in den Hallen von Elektronikfirmen und Lebensmittelherstellern.

Da ist eine Gastarbeiterin der ersten Generation, die ihren Lohn seit dreißig Jahren in einem Haus in Serbien verbaut. Das Haus ist lange fertig, doch unbewohnt. Die Tochter hat ein eigenes Leben, ohne viel vom Leben ihrer Mutter in der Fremde wissen zu wollen. Eine Zeitschaltuhr lässt die Lampen im leeren Haus leuchten und verlöschen. Wegen der Einbrecher.

Und da sind noch viele andere Frauen, die jeden Tag dieselbe stumpfe Routine abarbeiten. Manche haben niemanden, der daheim auf sie warten würde, manche haben ein vaterloses Kind, das die längste Zeit des Tages auch auf die Mama verzichten muss, dafür aber den Wohnungsschlüssel um den Hals tragen darf. Auf alle Fälle eine unglaubliche Verschwendung menschlicher Gefühle und Lebenszeit. Manchmal stimmen die Klischees halt, und das ergibt dann eine fast schon banal traurige "Alltagsgeschichte". Diese ist meine liebste Folge.

Liebesg'schichten und Heiratssachen

Die geniale, weil einfache Idee zu einer genuin Spira'schen "Herzblatt"-Version ist nur logisch. Bei den Recherchen und Dreharbeiten für die "Alltagsgeschichten" stoßen wir eben auf so viel Einsamkeit. Egal ob als geballte Trostlosigkeit in einer Villa oder verstaut in den Winkeln einer Gemeindebau-Garconniere. Und wie zuvor ist auch hier das Abgründige kein seltener Fund.

Der fast 90-Jährige ist so kreuzfidel, dass er durchaus eine Gefährtin will, die es nicht verschmäht, mit seinem "Zauberstab" Bekanntschaft zu machen. Während wir Kamera, Ton und Licht aufbauen, erzählt uns der Greis aus seiner Jugend als Soldat der Wehrmacht auf dem Balkan, wo er mit gewisser Freude an den "Partisanensäuberungen" teilnimmt. Ein anderer Mann ist in der Mitte seines Lebens, sehr reich, sehr einsam und homosexuell. Das im ORF zu bringen ist bei den gewöhnlichen "Herzblatt"- und Kuppelshows am Widerstand der Bigotterie gescheitert. Doch die Spira ist eben auch noch subversiv.

Leider endet meine Zusammenarbeit mit Toni Spira nach der ersten Staffel der "Liebesg'schichten und Heiratssachen". Der Kameramann wird Produzent und erinnert sich mit ungebrochenem Zorn an jene Nacht auf der Autobahn eineinhalb Jahre zuvor, als ich mit Bettler-Blatt den Gang ansage. Ich verlasse das Team freiwillig und fliege mit meiner Freundin nach Kuba.

Moritaten, Schweinsbraten und Bier

Nun feiert die Spira ihren Siebziger in einem Ottakringer Wirtshaus, und ein kleiner Teil des ORF - jener mit Witz, Humor und Hirn - ist da, um mitzufeiern. Der Burgschauspieler Hermann Schmid, Ehemann und "die Stimme der 'Alltagsgeschichten'", führt durch ein spritziges Programm, in dem der Wiener Dialekt die Verkehrssprache ist und das Wienerlied der Soundtrack. Ursula Pasterk, sozialdemokratischer Kulturpanzer und legendäre Stadträtin, ist ebenso hier wie Barbara Coudenhove-Kalergi, die Grande Dame der Ost-Politikberichterstattung. Sowie weitere Burgschauspieler, Familie, Studienfreunde und jede Menge angenehmer Weggefährten der Spira. Darunter, bescheiden, aber zum Platzen stolz, auch ich.

Wer nicht da ist, ist entweder krank oder ein glühender Fan von Wolf Martin. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 8.1.2013)

  • Die Spira: Mir ist sie ein witziger, sprühender Mensch, im Besitz der fast 
unmöglichen Kombination, gleichzeitig das absolute Gehör für das 
Abgründige und für die Gerechtigkeit zu haben.
    christian fischer

    Die Spira: Mir ist sie ein witziger, sprühender Mensch, im Besitz der fast unmöglichen Kombination, gleichzeitig das absolute Gehör für das Abgründige und für die Gerechtigkeit zu haben.

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