In der Bruthöhlen-WG zahlen Mitbewohner "Miete"

8. Jänner 2013, 19:33
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Bei Buntbarsch-Art duldet dominantes Paar viele "Helferleins" im Territorium, wenn sie in Form von Brutpflege zahlen

Wien/Bern - Wenn sich im Tierreich einzelne Individuen um den Nachwuchs von Artgenossen kümmern, statt sich selbst fortzupflanzen, dann handelt es sich meist um Tiere mit zumindest teilweise identer Erbsubstanz. Daher wird dieses Phänomen mit dem Begriff der "Verwandtenselektion" erklärt: Demnach geht es primär darum, erfolgreich Gene an die nächste Generation zu übertragen - ob dies die eigenen oder die eines Verwandten sind, ist zweitrangig. An der Universität Bern tätige österreichische Wissenschafter haben nun erstmals eine Art Wohngemeinschaft von Fischen in Bruthöhlen nachgewiesen, bei der nicht verwandte Individuen "Miete" in Form von Brutpflege zahlen, um im Territorium geduldet zu werden. Ihre Arbeit wurde in der Wissenschaftszeitschrift "Nature Communications" veröffentlicht.

Bei der "Prinzessin vom Tanganjikasee" (Neolamprologus pulcher), einer Buntbarsch-Art, die ausschließlich im zentralafrikanischen Tanganjika-See vorkommt, unterstützen bis zu 25 Helfer das Elternpaar bei der Brutpflege. Sie fächeln den Eiern sauerstoffreiches Wasser zu, säubern das Gelege, verteidigen das Territorium gegen Fressfeinde und sorgen dafür, dass die Bruthöhle nicht von Sand zugeschüttet wird. Einige davon pflanzen sich niemals selbst fort, erklärte der österreichische Verhaltensbiologe Markus Zöttl, der im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Universität Bern (Schweiz) die Motivation dieses Verhaltens untersucht hat.

Dienstleistungen gegenüber dem Brutpaar

Das Phänomen von Bruthelfern, die ganz oder teilweise auf eigenen Nachwuchs verzichten, gibt es nicht nur bei den Buntbarschen. Auch bei sozialen Insekten wie Bienen und Ameisen, bei Vögeln wie Schwanzmeisen und Bienenfressern, oder bei Säugetieren wie den Erdmännchen ist es bekannt. Warum sich auch nicht verwandte Helfer an der Aufzucht beteiligen, könnte mit der Hypothese "pay-to-stay" ("zahlen, um zu bleiben") erklärt werden. Demnach fordert das Brutpaar von seinen Helfern diese Dienstleistung ein, um sie im Territorium zu dulden. Zöttl und seine Kollegen konnten für diese Theorie nun den ersten experimentellen Nachweis liefern.

Dazu ließen die Forscher die Fische im Labor brüten, jeweils ein dominantes Brutpaar und ein subdominantes Helferweibchen teilten sich ein Aquarium. Das "Helferlein" hatte entweder keine verwandtschaftliche Beziehung zum Brutpaar oder war als Tochter oder Schwester mit dem dominanten Weibchen zu 50 Prozent verwandt. Zur Überraschung der Wissenschafter engagierten sich die mit dem Brutpaar nicht verwandten Helfer stärker bei der Aufzucht als die Verwandten.

Höhere Überlebenschance in der Bruthöhlen-WG

Die Forscher schließen daraus, dass bei dieser Tierart nicht Verwandtenselektion, sondern ein anderer Mechanismus für das Gruppenleben verantwortlich ist, der in menschlichen Gesellschaften an der Tagesordnung steht: ein Geschäft zwischen zwei Parteien mit gegenläufigen Interessen. Die untergeordneten Tiere müssen die Kosten ausgleichen, die dem Brutpaar durch ihre Anwesenheit entstehen. Schließlich nutzen die fremden Tiere Ressourcen wie Verstecke oder Futter und legen bisweilen auch selbst Eier in der Bruthöhle ab. Nur wenn sie dafür eine Gegenleistung erbringen, werden sie im Territorium geduldet. Als Gegengeschäft bietet ihnen die Bruthöhlen-WG eine wesentlich höhere Überlebenschance.

Das dominante Paar geriert sich dabei durchaus hausherrenmäßig und fordert die Mithilfe von seinen "Untermietern" aggressiv ein. "Wenn sie nicht genug Einsatz zeigen, droht ihnen der Rauswurf", so Zöttl, der nach dem Abschluss seines Dissertation beim österreichischen Verhaltensökologen Michael Taborsky an der Uni Bern seit kurzem als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Cambridge arbeitet. Nepotismus ist bei den Vermietern gang und gäbe: Verwandte "Mieter" müssen offensichtlich weniger "zahlen" als nicht verwandte, so Zöttl. Üblicherweise führt Verwandtschaft dazu, dass mehr Hilfe geleistet wird. Die Ergebnisse im aktuellen Projekt zeigen allerdings, dass unter gewissen Umständen, "nämlich dann, wenn Hilfe nicht freiwillig geleistet wird, sondern von dominanten Tieren erzwungen werden muss, Verwandtschaft die Hilfeleistung verringern kann". (APA/red, derStandard.at, 12.01.2013)

  • Die Buntbarsch-Art Neolamprologus 
pulcher lässt Untermieter in der Bruthöhle mitarbeiten.
    foto: archiv

    Die Buntbarsch-Art Neolamprologus pulcher lässt Untermieter in der Bruthöhle mitarbeiten.

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