"Es heißt nicht, dass wir in einer brutaleren Gesellschaft leben"

Interview |
  • Übergriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln: Mehr Überwachung und strengere Strafen sind kein Allheilmittel, sagt die Kriminalsoziologin Veronika Hofinger.
    foto: maurizio gambarini dpa/lno

    Übergriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln: Mehr Überwachung und strengere Strafen sind kein Allheilmittel, sagt die Kriminalsoziologin Veronika Hofinger.

Die Kriminalsoziologin Veronika Hofinger über den Eindruck, dass die Zahl der Gewalttaten steigt

Mitte Dezember schockierte ein brutaler Übergriff die Öffentlichkeit: Ein Mann schlug während der Rushhour eine Frau in einem Waggon der Wiener U-Bahn-Linie U6 bewusstlos und vergewaltigte sie. Noch ehe die Polizei Informationen über einen entlang der U6-Trasse aktiven Serienvergewaltiger veröffentlichte, war eine Lehrerin in derselben Linie von mehreren Burschen niedergeschlagen worden.

Zuletzt sorgte ein Mann für Schlagzeilen, der eine Frau kurz vor Einfahren des Zuges auf die Gleise der U2 stieß. derStandard.at fragte Veronika Hofinger vom Wiener Institut für Kriminalsoziologie, ob der Eindruck haltbar ist, dass die Hemmschwelle bei Gewalttaten sinkt.

derStandard.at: Lassen sich die Übergriffe in den Wiener U-Bahnen noch als punktuelle Häufung ohne signifikanten Anstieg erklären? 

Hofinger: Man darf diese schrecklichen Fälle auf keinen Fall verharmlosen - aber aus drei oder vier Ereignissen lässt sich kein allgemeiner Anstieg der Gewaltkriminalität ableiten. Das wäre zu einfach. Es gibt immer wieder Wellen, bei denen man anhand dramatischer Fälle den Eindruck gewinnt, die Gewalt würde zunehmen. Wenn von solchen Begebenheiten in einer medialen Gesellschaft intensiv berichtet wird, ist es nicht überraschend, dass auch die Furcht davor zunimmt.

derStandard.at: Diese Furcht lässt sich also bloß auf eine subjektive Wahrnehmung zurückzuführen?

Hofinger: Selbst wenn die Anzeigenstatistik im Bereich der Gewaltkriminalität steigt, heißt das noch nicht, dass wir in einer brutaleren Gesellschaft leben. Umgekehrt bedeuten weniger Anzeigen nicht, dass die Gesellschaft friedvoller geworden ist.

Wenn es nun heißt, dass die polizeilichen Anzeigen bei Gewaltdelikten im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sind, so lässt sich daraus noch kein langfristiger Trend ablesen. Weil so schwere Gewaltdelikte vergleichsweise selten vorkommen, sind solche statistischen Schwankungen in der Regel dem Zufall geschuldet. Außerdem ist ja bekannt, dass es ein Dunkelfeld gibt - wenn die Anzeigen steigen, kann das auf eine gestiegene Sensibilität zurückzuführen sein. Gerade im Bereich familiärer und sexueller Gewalt spielt diese Sensibilisierung und auch die Emanzipation der Opfer eine wichtige Rolle.

derStandard.at: Die öffentliche Forderung nach Maßnahmen kocht im Anlassfall immer hoch; wenn länger nichts passiert, verebbt die Debatte wieder. In Deutschland war das nach brutalen Exzessen im Jahr 2011 bis Anfang 2012 zu beobachten. Ein zielloser Kreislauf, der ohnehin immer wiederkehrt?

Hofinger: Grundsätzlich lassen sich schon gewisse Wiederholungen in dieser Debatte beobachten. Die einen fordern dann von Neuem härtere Strafen, die anderen relativieren. Meist wissen beide Seiten recht wenig über die "wirkliche" Gewalt, die es in einer Gesellschaft gibt. Repräsentative Befragungen zu Viktimisierungserfahrungen, also ob man Opfer von Straftaten wurde, können da ein bisschen Licht ins Dunkel bringen.

derStandard.at: Würden höhere Strafandrohungen jemanden, der kurz davor steht, eine Frau zu vergewaltigen, wirklich von der Tat abhalten?

Hofinger: Gerade bei solchen Verbrechen ist es stark zu bezweifeln, dass sich jemand rational überlegt, ob er mit drei oder fünf Jahren Haft zu rechnen hat. Dass harte Strafen Verbrechen nicht generell verhindern, weiß man in der Kriminologie längst.

derStandard.at: Erwarten Sie nun dennoch eine Anlassgesetzgebung, ähnlich wie sie Justizministerin Karl  nach der Fußfessel-Debatte angekündigt hat? Oder dass Richter Strafrahmen weiter ausschöpfen?

Hofinger: Freilich entstehen Gesetze und Urteile nicht im luftleeren Raum. Der gesellschaftliche Diskurs wirkt auch auf den Gesetzgeber und die Gerichte. Das lässt sich beispielsweise an den jüngsten gesetzlichen Verschärfungen bei Gewalt gegen Kinder beobachten. Oder an den stetig steigenden Einweisungen in den Maßnahmenvollzug. Gröbere Änderungen bei den angedrohten Sanktionen oder in der Rechtsprechung aufgrund der aktuellen Vorfälle erwarte ich aber nicht.

derStandard.at: Die Wiener Linien haben angekündigt, mehr in die Überwachung zu investieren. Wird das helfen, Gewalttaten zu verhindern?

Hofinger: Die jüngsten Fälle haben gut gezeigt, dass durch die Videoüberwachung in einigen Fällen immerhin die Täter gefasst werden können, die Taten aber nicht verhindert werden konnten.

derStandard.at: In einigen der auf derStandard.at nicht freigeschalteten Postings rufen User dazu auf, den mutmaßlichen Täter mit Fleischerhaken und Ähnlichem zu foltern. Steigt mit zunehmenden Berichten über Gewaltdelikte auch die Bereitschaft zur Lynchjustiz?

Hofinger: Ich glaube, dass diese Bereitschaft bei einigen Menschen latent immer vorhanden ist. Sie springt dann reflexartig an, wenn das Thema hochkocht. Ich habe aufgehört, die Postings zu solchen Artikeln zu lesen. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 9.1.2013)

Veronika Hofinger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie in Wien.

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und das hat sich mittlerweile geändert, weil Gewalt kulturell geächteter ist.

Dass Gewalt kulturell geächteter ist, glaube ich weniger.
Vielmehr könnte ein Grand für obiges darin liegen, dass der Bedarf an professioneller Intervention und Dienstleitung bei allen Lebenslagen gestiegen ist.

Stimmt genau.

Gewalt ist nicht geächteter als früher, Gewalt ist noch nie so verherrlicht worden wie heute. Gewalt macht Profit. Und nicht gerade wenig.

Man will hier nur den Eindruck erwecken, dass man da zu genau hinsieht. Man will das Märchen von prosperierenden Mega-Städten nicht beflecken. Wen es interessiert, wie unsere Großstädte in 30 Jahren aussehen werden, der muss sich nur Los Angeles oder Jakarta ansehen. Wo viele Menschen sind wird's einfach unerträglich. Die Gewaltexzesse der Filmindustrie tun ein Übriges. Betrug, Totschlag, Vergewaltigung werden zum Normalfall erklärt. Gewalt ist mittlerweile das, was das zeitgenössiche Kulturgut ausmacht. Ich weiß nicht, in welcher Welt der Herr Mathenberger lebt, aber ist anscheinend alles gewöhnt.

Welche(n) Indikator(en) für Änderungen bei "Gewaltdelikten" gibt es ?

„Wenn es nun heisst, dass die polizeilichen Anzeigen bei Gewaltdelikten im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sind, so lässt sich daraus noch kein langfristiger Trend ablesen. (..) wenn die Anzeigen steigen, kann das auf eine gesteigerte Sensibilität zurückzuführen sein.“

Wenn eine Steigerung der Anzeigen wg. Delikte gegen Leib und Leben – der Aussage von Frau Hofinger zufolge – kein brauchbarer Indikator für steigende Gewalt ist (mehr Anzeigen wegen steigender Sensibilisierung), dann kann auch eine steigende Anzahl von gerichtl. Verurteilungen (aufgr.diese Anzeigen) kein Indikator für steigende Gewalt sein.

Es stellt sich d. Frage, welches „Messinstrument“ für eine Steigerung / Senkung von Gewaltdelikten dann überhaupt in Frage kommt.

Hat sie doch gesagt: Unmittelbare Erhebungen, die repräsentativ für die Gesamtgesellschaft sind, wären gefragt.

Mehr Medienberichte, mehr Anzeigen und mehr Verurteilungen sind vielleicht Indizien aber eben (insbesondere bei Taten mit einer sehr kleinen und damit leicht schwankenden Zahl) keine Beweise.

Fiktives Beispiel: Vielleicht hat man früher bei einer Wirtshausschlägerei einfach nicht gleich die Polizei gerufen und das hat sich mittlerweile geändert, weil Gewalt kulturell geächteter ist.

Wenn das Haus raucht, ist noch gar nicht sischer, das es abbrennt.

Und wenn's abbrennt, ist noch gar nicht sicher, das wir auch umkommen, und wenn wir umkommen, ist noch gar nicht sicher, dass usw. usw.

Am 5.1.2013 um 23:40 wurde eine Kenianerin von einem ...

... inländischen Mann auf die U2-Geleise in der Station Taborstraße gestoßen weil ihre Freundin telefonierte.

http://kurier.at/chronik/w... /2.357.425

Nein, nein, nein. Er wollte sie RETTEN! Und ist schon wieder auf freiem Fuss!

Das hätte es früher überhaupt nicht gegeben!

Da fuhr gar keine U-bahn in der Taborstraße.

Du sagst es gar nicht verkehrt..

nur sollte man das aber etwas genauer und allgemeiner formulieren:
Mit der Entwichklung der Gesellschaft (technisch, soziologisch usw.) wird es immer mehr und mehr Anlass zur Kriminalität geben. Ohne Auto kann man nicht Fahrerflucht begehen...
Ohne Handy kann die organisierte Kriminalität
sich schwieriger organisieren... usw.
Der Begriff "Waffe" sollte viel allgemeiner definiert werden als es heute wird.

wieso? der is ja nicht mit der ubahn sondern zu fuss geflüchtet.

Zu meiner Zeit

...hätts des net geben, des hätt ma uns nie traut..

Was für unredliche Verniedlichung.

Sitzt vermutlich auch auf einem politisch beeinflussten Posten!
js

Die Anzahl der Gewaltdelikten und die Brutalität der Täter steigt jährlich um 5-6%

Gewaltdelikte: Gefähriche Drohung, Schwere Körperverletzung, Nötigung, Mord, Raubmord usw.

Anzahl Gewaltdelikten 2011 in Öst.: 26.235,
2012: 27.662

Mehr als ein Drittel derer wird in Wien verübt:
2011: 9.366, 2012: 10.243

Wie kann man das anders verstehen,
als "die Brutalitöt steigt" ?

Raubmord gibt es nicht als Delikt.

Die Kriminalität steigt jährlich um 5-6%.

Die Brutalität der Täter steigt noch stärker.
Das soll man und kann man nicht verschönern.

das stimmt so nicht. sie verwechseln anzeigen mit tatsächlicher kriminalität. dies könnte man auch aus obigen artikel entnehmen, so man ihn richtig lesen würde.

Tatsächliche kiminalität ist natürlich höher, es gibt dunkle Zahlen...

Das Vertrauen daran, das die Anzeige etwas bringt wird immer weniger. Ein Fahraddiebstahl anzuzeigen hat keinen Sinn, du verplemperst nur deine Zeit damit.
Das sagen die Polizisten dir selber.
Schwere Verkehrsdelikte (Opfer in Stich lassen usw.)
ist auch stark im Steigen.
Die allgemeine Mißdeutung der Freiheitsgedanke
inkludiert die Verantwortung für die anderen und die Rechte anderer immer weniger. Freiheit wird immer mehr so verstanden, dass ICH meine Rechte und Spaß habe, und alle anderen müssen das zur Kenntnis nehmen, die anderen sind mir sonst wurscht. Die über Gebühr betonte "Freiheit" ohne Betonung auch die Verantwortung und die Rechte anderer, führt psychologisch zwangsweise zu dieser Entwicklung.

Noch etwas wichtiger Nebeneffekt dazu...

die schwindende Kohesion/Verantwortung/Vertrauen zw. den Bürgern, schwächt sie natürlich als Kollektiv, was den Regierenden soweit gelegen kommt, dass die Gesellschaft dadurch im allgemeinen leichter manipulierbar und ausgelieferter wird.

ich finde nicht dass man daraus nichts schliessen kann

auch wenn es die gleiche Menge der gleichen Delikte sein sollte, so ist die Hemmschwelle eindeutig geringer geworden. Denn in der Oeffentlichkeit in der Rush Hour so eine Tat. Vor aller Augen ein Mordversuch, eine Serienvergewaltigung um die Abendzeit in der Oeffentlichkeit usw......
Ich koennte mir aber auch vorstellen das die Veroeffentlichung solcher Taten die Phantasie anderer Taeter anregen....

gerade die selbsternannten law&order parteien

zeigen regelmäßig, dass es in ihren reihen ständig rechtsüberschreitungen gibt

und nicht nur finanzdelikte, sondern gerade im fpö umfeld gibts immer wieder auch körperliche übergriffe

aber was sagt uns das jetzt über deren wähler

Gewalt

Noch vor 30 Jahren wurden Kinder in vielen Familien ganz natürlich mit Gewalt diszipliniert.

Das Einsperren im Keller war eine normale Erziehungsmaßnahme.

Wenn der Mann seine Frau züchtigte war das sogar gesetzlich gedeckt (und ÖVP + FPÖ hatten sehr lange mit sich zu ringen, dieses doch sehr intime "Recht" des Mannes einzuschränken).

Zeltfeste am Land waren kulturell ohne eingeschlagene Schädel gar nicht denkbar. Schlägereien geradezu Volkskulturgut.

Die Zahl der Morde geht konstant zurück.

Die angeblich noch wohlerzogenen Generationen (zumindest relativ viele "Einzelne") haben v.a. hinter den Linien der Ostfront ab 1940 gezeigt wozu sie wirklich in der Lage sind.

ICH glaube nicht dass die Gesellschaft brutaler wird. Wirklich nicht

Leben Sie in einer geschützten Umgebung?

"Die Zahl der Morde geht konstant zurück. " ???

Lesen Sie mal die Statistik, die ich oben zitiert habe.
Steigung ist jedes Jahr um 5-6% garantiert sozusagen.

@ Bert Brecht

Die grosse Wende brachte das Eherechtsaenderungsgesetz 1974. Da hatte die FPOE noch ueberhaupt nichts mitzureden.

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