Warum es wichtig ist, dass Roboter uns die Jobs wegnehmen

17. Jänner 2013, 10:42
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"Es ist kein Rennen gegen, sondern mit den Maschinen", meint Autor Kevin Kelly

Die industrielle Revolution hat die Wirtschaft grundlegend verändert. In den USA waren im frühen 19. Jahrhundert 70 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft tätig, die auch in Europa der größte Wirtschaftszweig war. Heute ist von diesen Jobs nur noch ein Prozent übrig, die Arbeitskräfte und ihre tierischen Helfer wurden im Laufe der Zeit mit Maschinen ersetzt.

Rise of the Robots

Eine Entwicklung, die sich durch den Fortschritt der Robotik wiederholen wird. Am Ende dieses Jahrhunderts werden 70 Prozent aller heutigen Berufe nicht mehr von Menschen ausgeübt werden, schätzt Wired-Schreiber und Autor Kevin Kelly. Der Gesellschaft steht eine zweite Welle der Automatisierung bevor, die schrittweise ablaufen wird.

Die Maschinen werden ihre Stellung in bereits automatisierten Prozessen ausbauen. Nachdem sie an die Stelle der Fließbandarbeiter getreten sind, werden sie auch die Arbeit jener Menschen übernehmen, die heute noch in Logistikzentren ihren Dienst tun.

Schnelle Roboter, die problemlos den ganzen Tag schwere Kisten heben, sortieren und verladen können, sind dann am Zug. Obst und Gemüse wird von intelligenten Maschinen geerntet werden. Apotheker können sich auf Beratung konzentrieren, weil die Medikamentenausgabe ein Roboter übernimmt. Reinigungskräfte aus Metall und Kabeln sausen durch die Flure von Büros und Schulen, ohne dass Nachtarbeit ein Problem darstellt. Lastwägen bringen selbständig Waren von A nach B. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Mein Mitarbeiter, die Maschine

Gleichzeitig bleibt auch ihre Entwicklung nicht stehen. In vielen Bereichen kommt bereits ausgereifte, künstliche Intelligenz zum Einsatz. Die ersten Maschinen können bereits täuschend menschlich wirkende Nachrichtenartikel über Sportereignisse verfassen.

Menschen und Maschinen werden künftig alltäglich zusammenarbeiten. Firmen wie Rethink Robotics optimieren ihre Produkte bereits heute dafür. "Baxter" zeigt, wohin der Weg geht. Während er repetitive Arbeiten erledigt, erkennt er seine menschlichen Mitarbeiter. Im Gegensatz zu seinen einfacheren Kollegen kann er so direkt unter ihnen arbeiten und muss nicht aufgrund von Verletzungsgefahr abgeschottet werken.

Außerdem lässt er sich für neue Aufgaben trainieren, in dem man ihm einfach neue Bewegungs- und Funktionsabläufe beibringt. Er mag dabei nicht ganz so schnell und präzise arbeiten, wie die bereits etablierten Roboter, dafür kostet er mit 22.000 Dollar nur einen Bruchteil davon.

Lokale Franchise-Fabriken

"Im Moment", erklärt Baxters Designer Rodney Brooks, "denken wir, dass die Herstellung [vieler Güter] nur in China stattfindet. Doch da die Produktionskosten dank der Roboter sinken, werden Transportkosten zu einem immer größeren Faktor." Produktionsstätten in der Nähe werden somit wieder interessant, am Ende könnte ein Netzwerk lokaler Franchise-Fabriken stehen und viele Dinge im Umkreis von wenigen Kilometern hergestellt werden, wo sie benötigt werden. Diese Arbeiten sind nur der Anfang. "In 30 Jahren werden Roboter für uns kochen", meint Brooks.

Vom Können, Nichtkönnen...

Der Aufstieg der Maschinen lässt sich dabei in vier Punkte unterteilen. Am Anfang stehen jene Arbeiten, die Menschen verrichten, die Maschinen aber möglicherweise besser beherrschen. Menschen können Baumwollkleidung auf Webstühlen herstellen, doch Maschinen produzieren bessere Qualität schneller und für weniger Geld.

Es folgen Arbeiten, die Menschen nicht verrichten können, Roboter jedoch schon. Es ist unmöglich, moderne Computerelektronik händisch herzustellen. Unsere organischen Körper sind in ihren Fähigkeiten beschränkt und erreichen die für diese Aufgaben notwendige, mechanische Präzision nicht. Ohne Automatisierung wäre das digitale Zeitalter so nicht denkbar. Wenn wir das Web mit seiner Suchmaschine durchforsten, setzen wir Maschinen und künstliche Intelligenz in Gang.

...und können werden

Danach kommen Aufgaben für Roboter, die wir heute noch gar nicht kennen und die sich aus technischem Fortschritt und neuem Bedarf ergeben. Den Kreis schließen schließlich Tätigkeiten, die - zumindest vorerst - nur von Menschen ausgeführt werden können, bis unsere maschinellen Helfer weit genug entwickelt sind. Und trotzdem wird es weiter Menschen in immer neuen Berufen brauchen, die durch diese Entwicklung bedingt oder ermöglicht werden.

Sinnfrage

Am Ende des Weges sorgen Maschinen dafür, dass die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen erfüllt sind. Die Industrialisierung ermöglichte mehr Menschen die Option, sich nicht auf einem Gemüsefeld, sondern etwa in den Künsten oder der Wissenschaft auszutoben. Die Robotisierung vieler Tätigkeiten gibt uns mehr Raum, uns zu fragen, wofür wir hier sind und was wir eigentlich tun sollten.

Was, einen entsprechenden Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft vorausgesetzt, eine gute Sache sein kann. Oder wie es der Futurist Federico Pistono ausdrückt: "Es ist gut, dass Roboter uns die Arbeit wegnehmen."

Trotzdem wird es weiter Menschen brauchen. Analysten, die aus der steigenden Datenflut Sinn gewinnnen, Techniker, die die Maschinen am Laufen halten. Bis auch diese Tätigkeiten irgendwann von einem Roboter übernommen werden.

Innovation wird wichtig bleiben. Auch wenn jeder über seine eigene kleine "Workbot"-Flotte verfügt, wird es darauf ankommen, wie man sie einsetzt. Es ist kein Rennen gegen die Maschinen, sondern mit ihnen, so Kelly "Wir müssen die Roboter die Arbeit machen lassen, damit sie uns helfen können, neue Tätigkeiten zu finden, die von Bedeutung sind." (red, derStandard.at, 17.01.2013)

  • "Baxter" ist der Vorbote einer neuen Generation an robotischen Helfern.
    foto: rethink robotics

    "Baxter" ist der Vorbote einer neuen Generation an robotischen Helfern.

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    foto: ap
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