Geldkapitäne richten ihren Kompass neu aus

7. Jänner 2013, 18:17
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In den USA und Großbritannien verlassen die Zentralbanken den Pfad der Preisstabilität. Sie wollen die Volkswirtschaft stärker stützen

Es war mehr als nur eine symbolische Geste. Als der ehemalige Bundesbank-Chef Axel Weber frühzeitig von seinem Posten zurücktrat, überreichte er seinem Nachfolger Jens Weidmann einen Kompass. Weber kritisierte bis zu seinem Abgang im Mai 2011 die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) als orientierungslos und riskant. Der Kompass der deutschen Bundesbank aber weise immer den Weg zur Preisstabilität.

"Es war fast eine Religion", sagt Roger Bootle, britischer Ökonom und Gründer von Capital Economics. "Die wichtigsten Notenbanken machten Inflation Targeting. Sie hatten ein Ziel: die Bekämpfung von Inflation. Und sie hatten ein Werkzeug: den Zinssatz." Die EZB will eine Inflationsrate von "unter, aber knapp zwei Prozent", ebenso die US-Notenbank Fed, in London werden zwei Prozent in einem Band (zwischen einem und drei Prozent) anvisiert.

Mittlerweile kämpft die Religionsgemeinschaft aber mit Austritten. In Großbritannien etwa übernimmt dieses Jahr der Kanadier Mark Carney das Ruder in der traditionsreichen Bank of England. Er ist seit der Gründung der Notenbank 1694 der erste Ausländer an der Spitze - und er drängt auf Reformen. Um die schwache britische Wirtschaft, die 2012 geschrumpft ist, zu stimulieren, sollte man "das Politikgefüge" ändern. Und Carney liebäugelt für 2013 mit einem neuen Ziel für die richtige Geldpolitik:

- Wachstum: Statt auf die Inflation sollte die Zentralbank auf das Wirtschaftsprodukt BIP abzielen. Jedes Jahr soll das nominale Wachstum (Inflation plus reales Wachstum) um einen Zielwert zulegen. Damit würden Krisen wie jetzt leichter kontrollierbar, glauben Befürworter wie Carney.

Auch die Politik findet Gefallen an dem neuen Weg. Der britische Finanzminister George Osborne zeigte sich im Dezember "erfreut", dass die britische Zentralbank künftig für mehr Wachstum sorgen könnte. Die Politik folgt damit den Wirtschaftsforschern wie dem einflussreichen US-Professor Michael Woodford von der Columbia University. Er fordert von der US-Notenbank Fed ein Wachstumsziel von etwa fünf Prozent, damit die US-Wirtschaft schneller aus der Krise kommt.

- Beschäftigung: Fed-Chef Ben Bernanke hat in Anlehnung an die Forderung im Dezember einen radikalen Schritt gesetzt. Er visiert nun eine Arbeitslosenrate von 6,5 Prozent an. Bis nicht genügend Amerikaner einen Job gefunden haben (aktuell sind 7,8 Prozent ohne Arbeit), wird die US-Notenbank die Zinsen nicht anheben. Einzige Bedingung: der Inflationsausblick bleibt unter 2,5 Prozent.

- Vermögenspreise: Obwohl sich die Europäische Zentralbank gegen die Ziele der angelsächsischen Kollegen verwehrt, hat die Krise auch in Frankfurt den Glauben an das allein selig machende Inflationsziel erschüttert (siehe Interview links).

Otmar Issing, Ex-Chefvolkswirt der EZB und deutscher Ökonom, fordert die Zentralbanken in einem aktuellen Papier auf, mehr Augenmerk auf die Finanzstabilität zu legen. "Ein traditionelles Inflationsziel ist schwer vorstellbar, wenn der fundamentale Fehler nicht beseitigt wird." Für Issing und die EZB ist der Fehler klar: Vor der Krise haben die Zentralbanken zwar die Inflation im Griff gehabt (siehe Grafik), aber die Vermögenspreise haben die Notenbanker ignoriert.

Mit dem bekannten Ergebnis: Zwischen 1997 und 2007 legten die Immobilienpreise in der Eurozone um 5,4 Prozent jährlich zu, insbesondere in Spanien und Irland. Innerhalb von zehn Jahren stiegen die Häuserpreise in der Eurozone damit um 70 Prozent. Der Immobilienboom löste aber keine steigenden Zinsen in Europa aus, weil die Teuerung der Güter im Konsumentenpreisindex unter der europäischen Zielrate lag, bei 1,93 Prozent. Es folgte eine Bankenkrise, weil die Geldhäuser von faulen Hypotheken-Krediten in den Abgrund gezogen wurden.

Ökonom Bootle fordert von der Geldpolitik daher Reformen und mehr Offenheit: "Wenn man sklavisch auf seinen Kompass starrt, wird man auch die nächste Krise übersehen." (Lukas Sustala, DER STANDARD, 8.1.2013)

  • Die Nadel des geldpolitischen Kompasses schlägt nach der Finanzkrise aus.

    Die Nadel des geldpolitischen Kompasses schlägt nach der Finanzkrise aus.

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