Ankerplätze für junge Dramatik

7. Jänner 2013, 17:57
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Stücke von Laura Naumann und Anne Habermehl feiern ihre österreichischen Erstaufführungen. Worüber schreibt die jüngste Generation und wie reagieren die Theater? Ein Überblick

Wien - Junge Dramatik ist heiß begehrt. Sie ist auf heutigen Spielplänen ein hohes Gut, weil sie junges Publikum bringt und - im Fall von Uraufführungen - überregionale Presseberichte. Die Themen ändern sich. Waren es in den 1990er-Jahren noch sogenannte WG-Stücke, die sich der Beschreibung von Befindlichkeiten junger Erwachsener widmeten, so ist es damit laut Nils Tabert, Chef der Theaterabteilung des Rowohlt-Verlags, jetzt ziemlich vorbei.

"Seit zwei, drei Jahren ist eine Verlagerung von privatistischen zu mehr politischen Themen zu beobachten, wiewohl das nie ganz getrennt werden kann. Da geht es dann um Globalisierung, um die virtuelle Welt, um die Frage, was macht das Internet mit uns. Aber auch um Ich-Entwürfe von heute."

Jede Bühne, die heute etwas auf sich hält, hegt ihren Nachwuchs mit eigenen Workshops und Semesterkursen; das Burgtheater etwa mit den jeweils im Herbst stattfindenden Werkstatttagen. Die Früchte dieser Arbeit macht sich nun erfreulicherweise der reguläre Spielplan zunutze: Die Stücke zweier ehemaliger Teilnehmerinnen, Laura Naumann und Petra Maria Kraxner, feiern demnächst ebenda, im Vestibül, ihre Erstaufführungen.

In Demut vor deinen Taten Baby der 1989 in Chemnitz geborenen Laura Naumann geht es um drei junge Frauen, die aus einem Notfall eine Tugend machen: Das gemeinsame Erleben eines Terroranschlags auf einen Flughafen hat ihr Bewusstsein für das Leben geschärft; das möchten sie nun auch anderen Menschen vermitteln - anhand von ihnen inszenierter Anschläge in Clubs oder in Supermärkten. Dabei werden sie Opfer einer kapitalistischen Vermarktung ihrer Performance. Alexander Ratter inszeniert die österreichische Erstaufführung am 12. Jänner.

Neue Unbehaustheit

Um Unbehaustheit im weitesten Sinn ("Wer jetzt keine Eigentumswohnung hat, wird sich keine mehr leisten") geht es im Stück Die gesetzliche Verordnung zur Veredelung des Diesseits der Tirolerin Petra Maria Kraxner (geb. 1982), erschienen im Thomas-Sessler-Verlag. Die Uraufführung ist für März ebenfalls im Burgtheater-Vestibül angekündigt.

Wo Schauspielhaus Wien draufsteht, ist junge Dramatik drin: Nachwuchsautoren geben sich im Haus in der Porzellangasse die Klinken in die Hand. Gerade eben haben Jörg Albrecht, Anja Hilling, Thomas Arzt und Tine Rahel Völcker Paul Claudels Seidenen Schuh neu bearbeitet, da winkt am 17. Jänner schon eine neue Uraufführung: ein Auftragsstück an die in Deutschland vielfach gefeierte, in Heilbronn geborene Anne Habermehl (31).

Ihr Stück Luft aus Stein erzählt von einschneidenden Erlebnissen zweier Generationen - von Krieg, Unfall und Krankheit, - und das Fortwirken dieser schwerwiegenden Erfahrungen in den Nachkommen. Kaum einen Monat später folgt die Uraufführung der mit dem Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichneten Komödie Ich war nie da des jungen Schweizer Autors Lukas Linder (14. Februar), entstanden im Rahmen des Schauspielhaus-Autorenförderprogramms "stück / für / stück".

Enterte man als angehender Jungdramatiker früher mit wehenden Manuskripten und auf gut Glück die Stuben diverser Theaterdramaturgien oder versorgte hoffnungsfroh die Verlagsbranche flächendeckend mit Abzügen des eigenen OEuvres, so verläuft die Entdeckung und Pflege von Theaterliteratur heute innerhalb wesentlich professionellerer und effizienterer Strukturen.

Schreiben will heute mehr denn je gelernt sein. Universitätsstudien und -lehrgänge sind mit ihren spezifischen Angeboten die neuen Ankerplätze für den Nachwuchs geworden. Und solche Kreativpools machen die Sucharbeit der Verlage und der Theater einfacher. "Don't call us, we call you" heißt es dennoch nicht. "Täglich erreichen uns hier im Verlag zwei bis drei sogenannte unverlangt eingesandte Stücke", sagt Nils Tabert von Rowohlt. Allerdings: "Von denen ist das Allerwenigste brauchbar. In aller Regel finden wir die Autorinnen und Autoren auf Empfehlung hin. Laura Naumann haben wir aufgrund ihres Stipendiats beim Autorenlabor Düsseldorf entdeckt. Wir sind allerdings sehr skrupulös, neue Stücke ins Programm zu nehmen, da es ungeheuer viel Aufwand ist, einen neuen Autor zu platzieren und in weiterer Folge viel Überzeugungsarbeit bei Theatern zu leisten."

Dennoch spricht der Verlagsleiter, der im Übrigen auch Texte Elfriede Jelineks lektoriert, dem Theaterbetrieb großes Lob aus. Hat man den Bühnenbetrieb früher für sein einmaliges, sorgloses Verschlingen junger Talente getögelt, so setzt sich allmählich die Überzeugung durch: lieber ein gutes Stück nachspielen als ein schlechtes neues aufführen. "Das ist eine positive Entwicklung" und trifft im Fall von Laura Naumann und dem Burgtheater bereits zu.

Am Theater tut sich viel

Ein weiterer Trend ist, dass Autoren zunehmend auch die Regiestellen besetzen. Das ist bei Anne Habermehl der Fall. Viele der jungen Schreibenden sammeln - anders als ihre Vorgänger - schon in ihrer Ausbildung praktische Theatererfahrung, das schafft Vertrauen und Verständnis der einen für die andere Seite.

"Theater ist zu einem spannenden Medium geworden", meint auch Nils Tabert. Da tut sich derzeit sehr viel, insbesondere auch durch die Konkurrenz zu Performance. "Beinahe alle jungen Autoren, und Laura Naumann ist mit 23 Jahren eine der jüngsten, treten mit dem Ziel an, Schreiben zum Beruf zu machen", sagt Tabert. Da gehen Drama, Prosa oder Lyrik auch oft Hand in Hand. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 8.1.2013)

  • Anne Habermehl und Laura Naumann (re.) sind gefeierte Dramatikerinnen 
einer jungen Generation. Ihre beiden Stücke haben bald Premiere am 
Schauspielhaus und am Burgtheater.
    foto: antoine turillon, burgtheater

    Anne Habermehl und Laura Naumann (re.) sind gefeierte Dramatikerinnen einer jungen Generation. Ihre beiden Stücke haben bald Premiere am Schauspielhaus und am Burgtheater.

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