Linux, die Zukunft des Spiele-PCs?

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  • Was glauben Sie: Hat Linux eine Chance als Spiele-Plattform?
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    foto: valve; montage

    Was glauben Sie: Hat Linux eine Chance als Spiele-Plattform?

Spielen am Computer - das bedeutete bisher Windows als Betriebssystem. Warum sich das 2013 ändern könnte.

Es gibt eine Rivalität, die beinahe so alt ist wie das Medium Videospiel; eine Rivalität, die sich auf die Spiele, die Spieler, aber auch ganze Designphilosophien erstreckt und das ganze Medium mal mehr, mal weniger fragmentiert. Denn eigentlich sind es zwei Welten: das Spielen auf spezieller Hardware, also auf Konsolen, und jenes auf Computern, die nicht ausschließlich für Spiele gedacht sind - vom C64 und seinen Vorläufern bis hin zum High-End-Gaming-PC der Gegenwart.

Diese Rivalität wird bis heute recht emotional gepflegt - GameStandard-Kollege Zsolt Wilhelm hat etwa erst vor kurzem seinen Frust mit PC-Gaming auf Papier gebracht. Während in diesem Konflikt die Konsolenseite aber wiederum von Fanboy-Diskussionen um die "beste" Spieleplattform beherrscht wird, galt auf PC-Seite seit Unzeiten unangefochten Windows als Betriebssystem der Wahl für Spieler. Lange Jahre galt: Wer auf seinem Heimcomputer spielen will, ist auf eine halbwegs aktuelle Version eines Microsoft-Betriebssystems angewiesen - MacOS und Linux bewegten sich fernab der Spielewelt.

Linux ante portas

All das könnte sich 2013 wandeln, denn es stehen einige interessante Revolutionen für PC-Gamer auf dem Programm. Und schuld daran ist - Windows. Denn Microsofts aktuelles Betriebssystem Windows 8 setzt durch für Spieler fragwürdige Designentscheidungen die Marktführerschaft im Bereich Games aufs Spiel. Vor allem die Hinwendung zur von Apple erfolgreich vorgemachten "walled garden"-Strategie könnte für Spielehersteller und Spieler nichts Gutes bedeuten. Kritik folgte bereits im Sommer von prominenter Seite: Gabe Newell, Chef von Valve und, wichtiger, der Downloadplattform Steam, die die De-facto-Marktführerschaft im Bereich digitaler Games-Distribution innehat, nannte Windows 8 in einem Interview schlicht eine "Katastrophe".

Die Lösung des Dilemmas ist ein Befreiungsschlag: Mit Steam for Linux, das gerade in Beta getestet und vorerst für Ubuntu optimiert wird, versucht der Branchenriese Valve, seine ganze Macht in die längst fällige Öffnung der Open-Source-Welt für Spiele zu erzwingen. Da kommt es nur wenig überraschend, dass auch Valves angekündigte Konsole nicht auf Windows, sondern Linux setzen wird - 2013 könnte somit das Jahr werden, in dem endlich auch das Open-Source-Betriebssystem zur vollwertigen Spieleplattform wird.

Denn wer bislang auf Linux spielen wollte, sah sich mit größeren technischen Hürden konfrontiert. Vor allem die - um es freundlich zu sagen - mangelhafte Unterstützung großer Grafikkartenfirmen brachte einen sichtlich frustrierten Linus Torvalds Mitte des letzten Jahres dazu, Nvidia vor laufenden Kameras den Mittelfinger zu zeigen und ein herzhaftes "Fuck you, Nvidia" folgen zu lassen - Nvidia sei die "schlimmste Firma" in der Zusammenarbeit mit Linux.

Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben

Anscheinend brauchte es das Gewicht eines Riesen wie Valve, um die säumigen Hardwarehersteller dazu zu bewegen, ihre Grafikkartentreiber nicht nur für Windows zu optimieren. Es war ein verfahrenes Dilemma: Spielehersteller wie id-games, aber vor allem die Hardwareriesen Nvidia und AMD verwiesen auf die niedrige Nachfrage für Linux-Gaming - und diese blieb wegen ausbleibender Unterstützung und fehlenden Spielen niedrig. Valve hat nun den Stein ins Rollen gebracht, und siehe da, es geht: Die aktuelle Nvidia-Treibergeneration, im November veröffentlicht, bringt plötzlich das Doppelte der Grafikleistung in Linux-Systeme.

Natürlich wäre es blauäugig, im Engagement von Steam mehr als kühle Strategie zu sehen. So entbehrt es nicht der Ironie, dass just Steam, das von Kritikern zu Recht wegen seiner rigiden und konsumentenfeindlichen DRM-Strategie bekämpft wird, als Verfechter offener Betriebssysteme missverstanden werden könnte. Im Gegenteil: Der "walled garden" Steam sieht sich von Microsofts angekündigter Windows-8-Strategie bedroht - und flieht selbstbewusst nach vorne. Valves Vorstoß in den Konsolenmarkt und die letztjährige Neuerung, auch reguläre Anwendungssoftware via Steam zu verkaufen, zeigen, dass hier im Gegenteil an einem eigenen abgeschlossenen System gearbeitet wird.

Ein dritter Weg

Das offene Linux als Vehikel für einen weiteren Monopolisten: Kann das die Spielezukunft des ideologisch so positiv aufgeladenen Open-Source-Gedankens sein, der der Linux-Philosophie zugrundeliegt? So sehr den Warnern und Mahnern vor einer Totalübernahme durch Valve auch Gehör zu schenken ist - Zuversicht bleibt angebracht. Schlussendlich wird die gesamte Linux-Community davon profitieren, dass sich dank Steam endlich die Hardware-Hersteller gebührend mit dem Thema Linux beschäftigen. Das wird wiederum die Zielgruppe vergrößern, was im Gegenzug bislang absente Spielehersteller auch abseits von Steam zu Linux bringt.

Und überdies ist auch ein Aufblühen jenes Bereichs zu erwarten, der sich in den letzten Jahren als absolutes Alleinstellungsmerkmal der PC-Gaming-Szene erwiesen hat: Auf keiner Konsole gibt es eine derart große, lebendige und offene Independent-Games-Szene wie auf dem PC. Man könnte auch sagen: Das klassische, große Developer-Publisher-Modell der Gamesbranche, das jahrzehntelang die Norm war, wird auf dem PC dank digitalem Vertrieb und kleiner, innovativer Entwickler mehr und mehr aufgeweicht - und damit schwinden auch so manche Flaschenhalse und Gatekeeperfunktionen der klassischen Gamesindustrie.

Neue Entwicklertools, neue Vertriebsmodelle

Diese wachsende Independentszene wird nun von den Entwicklungstools und neuen Distributionskanälen mit offenen Armen in der Linux-Spielewelt empfangen: Auch die extrem populäre Entwicklungsengine Unity ist seit kurzem Linux-tauglich, was die Erstellung lauffähiger Independent-Spiele für das freie Betriebssystem revolutionieren könnte. Immerhin nutzen zahllose der 2012 aus dem Boden geschossenen Kickstarter-Projekte Unity als Entwicklungstool - eine Linux-Version jedes Unity-Spiels ist schon jetzt mit einem einzelnen Mausklick parallel zu Windows- und Mac-Versionen realisierbar.

Auch die neuen Vertriebsmodelle begünstigen eine verstärkte Migration zu Linux, denn die letztjährigen Erfahrungen aus Kickstarter und Humble-Bundle-Modellen zeigen eine weitere, für Linux erfreuliche Gemeinsamkeit: Stets waren es die Linux-User, die überdurchschnittlich tief in die Taschen griffen, um Games auf ihre Plattform zu hieven. Das wiederum macht Linux besonders für kleinere Entwicklerteams populär und steigert so den Anreiz für Windows-Nutzer, zu Linux zu wechseln.

Win-win-win?

Wenn sich Linux dank Steams Engagement endlich zur vollwertigen Games-Plattform etablieren kann, könnten demnach mehrere Gewinner feststehen. Zum einen wäre die ungesunde Monopolstellung von Windows als einzig denkbarem Betriebssystem für PC-Spieler gebrochen - vielleicht ein Anreiz für den Redmonder Giganten, mehr als bisher auch abseits der Xbox an die Spielercommunity zu denken. Zum zweiten würde die Linux-Gemeinde selbst vom Zuströmen bislang skeptischer Neunutzer profitieren, die sich zuvor zähneknirschend wegen ihres Hobbys an Microsoft ketten mussten - ein Zugewinn, der direkt der Verbreitung von Linux zugutekäme.

Und zum Dritten hätten auch die Spieler selbst etwas davon: Neben der dank Steam gesicherten Versorgung mit den "großen", bislang ausschließlich auf Windows anzutreffenden Titeln hätten sich in der innovativen, lebendigen Independentszene mit ihrem starken Community-Charakter, innovativen Bezahlexperimenten und lebhafter Modding-Welt einerseits und der experimentierfreudigen, individualistischen Open-Source-Welt andererseits zwei gefunden, die eigentlich schon längst perfekt zusammenpassen.

Kein Pinguin in Ketten

Drum keine Angst: Steam wird dem Pinguin keine Ketten anlegen - dagegen spricht schon allein die rebellische und kreative Energie der Linux-Welt. Im Gegenteil: Mit ein wenig Glück zieht mit dieser längst fälligen Hinwendung zu Linux sogar eine bislang unbekannte Freiheit in die Gameswelt ein.

Und ein Seitenhieb ist am Ende unausweichlich: Das Spielen am PC hat trotz Konsolen, trotz DRM-Katastrophen und trotz mancher Eigenheiten nicht nur seine selbstverständliche Berechtigung, sondern mehr: eine glänzende Zukunft. Die Rivalität zwischen Konsole und PC wird bleiben - die Faszination und Stärken des PCs als Spielgerät ebenso. Mit etwas Glück in Zukunft vermehr auf Linux. (Rainer Sigl, derStandard.at, 9.1.2013)

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