PocketTV im Test: Per HDMI-Stick vom Fernseher zum Android-TV

20. Jänner 2013, 17:13
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Der per Kickstarter finanzierte Mini-Rechner erschließt auch auf alten Flimmerkisten das digitale Zeitalter.

SmartTVs beherrschen heutzutage vieles. Sie streamen Inhalte von Video-on-Demand-Diensten, vernetzen sich mit Smartphone und Tablet, präsentieren sich als Allround-Multimediaplayer und Kommunikationsgerät. Und trotzdem werden diese Funktionen kaum genutzt.

Ein Stick füllt die Lücke

Die Gründe sind mannigfaltig. Neben nicht vorhandenem Bedarf stört die oft enge Kopplung an die Services des Herstellers, jedes Gerät bringt sein eigenes system und Interface mit, das nicht immer leicht zu durchschauen ist und dann ist dessen Bedienung, die in der Regel mit der konventionellen Fernbedienung erfolgt, nicht selten mühsam. Nicht ohne Grund stehen in vielen Haushalten daher zwar flache LCD- oder LED-Fernseher, die zugunsten den Preises auf derlei Zusatz verzichten.

Andererseits boomen Smartphones und Tablets. Geräte, mit denen wir tagtäglich im Internet surfen, Inhalte herunterladen oder streamen und natürlich kommunizieren. Also all das, was am großen Schirm kaum jemand tun will. Der HDMI-Stick "PocketTV" von Infinitec schickt sich an, eben diese Lücke zu füllen.

Ein Kickstarter-Projekt wird Realität

Ende Mai 2012 stellte das Unternehmen seine Pläne nebst Kickstarter-Kampagne vor. Ein TV-Stick mit Android-System, der die weite Welt des Google-Betriebssystems und des Internets auch auf "dummen Fernsehern" eröffnen sollte. Man sammelte bis Mitte Juli eine halbe Million Dollar, fünf Mal so viel, wie ursprünglich anvisiert.

Die eigentlich für Oktober geplante Auslieferung lief schließlich aufgrund von Verzögerungen bei der Fertigung Ende November an, die ersten "Backer" hielten ihr Gerät Anfang Dezember in den Händen. Auch beim Webstandard ist ein PocketTV eingetrudelt, der in den vergangenen Wochen genauer auf Herz und Nieren getestet wurde. Das Review basiert auf der Firmware-Version 1.02A.

Hardware der Einsteigerklasse

Zur Hardware: Im Inneren des "Taschenfernsehers" werkt ein mit einem GHz getakteter ARM Cortex A9-Prozessor, der auf einen GB RAM zugreift. Als GPU kommt ein Mali-400-Chip zum Einsatz. Der Onboardspeicher fasst acht GB, via microSD-Slot lassen sich bis zu weitere 32 GB hinzufügen. Der Stick ist aus robust anmutendem Plastik gefertigt und misst bei einem Gewicht von 57 Gramm 9,5 x 3,3 x 1,5 cm inkl. Deckel bzw. 8,9 cm Länge ohne.

Strom holt sich das Gerät über einen miniUSB-Port, wofür idealerweise an am TV-Gerät vorhandener Stecker verwendet wird. Ansonsten muss ein USB-Ladegerät verwendet werden. Gleichzeitig bietet der PocketTV einen USB 2.0-Anschluss sowie einen weiteren Stecker für den Infrarotempfänger der normalen Fernbedienung. Ebenso an Bord sind n-WLAN (die Empfangsleistung des Chips lässt leider zu wünschen übrig) und Bluetooth.

Intelligente Fernsteuerung

Erhältlich ist der Stick aktuell nur in Kombination mit einer konventionellen Fernbedienung sowie der "Air Remote". Diese sei hierbei als Steuergerät auch ausdrücklich empfohlen, von einem Kauf eines Bundles ohne ihr - sollt es denn wieder angeboten werden - ist abzuraten.

Die via einem kleinem USB-Empfänger angeschlossene Air Remote besteht aus einem vollwertigen QWERTY-Keyboard inklusive Android- und Multimedia-Funktionstasten mit integriertem Accellerometer. Der Mauszeiger wird einfach durch Neigen des Gerätes über das Display gesteuert.

"Jelly Bean" in Arbeit

Nach dem ersten Start wird ein Dialog zur Einrichtung des Bildschirms eingeblendet, der durchdacht gestaltet und jederzeit wieder aufrufbar ist. Bald darauf findet man sich am Startbildschirm wieder, der aussieht wie auf den meisten Android-Tablets. Vorinstalliert ist Androic 4.0.4 "Ice-Cream Sandwich" auf Basis des mittlerweile angestaubten 2.6er-Linux-Kernels, ein "Jelly Bean"-Update wurde aber bereits angekündigt. Ein Datum dafür gibt es noch nicht. Mit verbesserten Versionen der aktuellen Firmware darf aber bald gerechnet werden.

Für den Test wurde die Ende Dezember veröffentlichte Firmware in der Version "02A" verwendet. Diese verbessert die zu Anfang schreckliche Grafikperformance und hohen Ressourcenhunger des Pocket TV, was das System insgesamt schon recht benutzbar macht.

Erweiterbarkeit per USB, schwacher WLAN-Empfang

Von Anfang an hat der Stick kompletten Zugang zum Play Store, so dass man sich nach Herzenslust am reichhaltigen App-Angebot bedienen kann. Grundsätzlich gilt: Alles was bereits Tablet-optimiert ist, lässt sich in der Regel auch gut am PocketTV bedienen. Wer an den USB-Port einen aktiven Hub anschließt, kann weitere Hardware an den Stick anschließen oder auf diesem Wege auf externe Festplatten zugreifen.

Hier konnte PocketTV positiv überraschen. Obwohl das System nach dem Anschluss einer einfachen USB-Webcam von Logitech keinerlei Meldung von sich gab, funktionierten sowohl Video und Mikrofon unter Skype reibungslos. Dem Videochat vom Wohnzimmersofa aus steht also nichts im Wege.

Bedienkonzept funktioniert

Die Verwendung der Air Remote, die bei längerem Gebrauch etwas schwer in der Hand liegt, benötigt etwas Übung, funktioniert dann aber gut. Wer will kann auch auf Programme zurückgreifen, die das Steuern des PocketTVs zB. via Smartphone und Tablet erlauben.

Denn so schnell unterwegs wie auf einem Touchdisplay ist man mit der Air Remote freilich nicht, außerdem sind diverse Gesten mit ihr noch nicht ausführbar. Sobald etwa viele Bilder ins Spiel kommen, macht sich außerdem die noch nicht ausgereifte Grafikbeschleunigung wieder bemerkbar. HD-Videocontent funktioniert in der Regel aber bereits ohne Probleme. Als Standardplayer sei an dieser Stelle der "MX Player" inklusive ARMv7 Codecpack empfohlen.

Unkompliziert - aber behäbig - in Standardszenarien

Oft genutzte Apps wie YouTube, Gmail, Facebook, Twitter oder Google+ laufen anstandslos, wenn auch aus genanntem Grund teilweise behäbig. In den Supportforen des Herstellers beklagen manche Nutzer jedoch Probleme mit bestimmten Programmen, etwa dem Mediencenter XBMC. Auch beim Streamen von Netflix-Content soll es noch Schwierigkeiten geben.

Davon abgesehen beherrscht der PocketTV Social Networking, Browsen und Multimedia in akzeptabler Qualität. Spielen hingegen klappt nur eingeschränkt. Angry Birds läuft momentan nur ruckelig, die Abfrage des Accellerometers als direkte Steuermethode in anderen Games geht nicht immer, das Erlebnis ist aus Performancegründen außerdem nicht gerade zufriedenstellend. Abgesehen vielleicht von Rundenstrategietiteln und digitalen Brettspielen ist das Gerät im aktuellen Zustand seiner Software noch nichts für Casual Gamer.

Warten auf die Öffnung

Von den Versprechungen eines hackbaren und offenen Gerätes ist Infinitec noch ein großes Stück entfernt. Anscheinend liegt der Fokus erst einmal darauf, ausgereifte Firmware zu entwickeln. Die Verzögerungen hier sorgen bereits bei Einigen für Ärger. Einen Weg, PocketTV zu rooten, hat die Community mittlerweile selbst gefunden. Erste Tüftler arbeiten daran, auf dem Stick andere Linux-Systeme wie Ubuntu lauffähig zu machen.

Fazit: Abwarten

Der PocketTV ist ein noch unfertiges Gadget mit großem Potenzial und hat im Testbetrieb einen drei Jahre alten LCD-Fernseher, der nicht einmal über USB-Anschlüsse verfügt, dank Android um sinnvolle Funktionen bereichert. Das kompakte Format des Sticks ermöglicht gleichzeitig die Mitnahme des eigenen Multimediacenters, etwa, um auch am Hotelfernseher nicht darauf verzichten zu müssen.

Klar ist: Die relativ schwache Hardware wird auch bei ausgereifter Software spätestens bei anspruchsvolleren Spielen an ihre Grenzen geraten. Geht es aber um typischere SmartTV-Verwendungsszenarien - Film, Musik, Internet und Kommunikation -, ist der PocketTV ein durchaus gangbarer Weg, um ein "Dumb TV" aufzurüsten. Insbesondere die leichte Vernetzbarkeit mit anderen Androiden macht dies zu einer verlockenden Option, wenn man schon anderweitige Hardware mit dem Google-OS besitzt.

(Noch) keine Kaufempfehlung

Für eine Kaufempfehlung reicht es derzeit aber nicht, obwohl der PocketTV ein interessantes Produkt ist. Sollte Infinitec in den kommenden Monaten mit fertiger und aktueller Firmware aufwarten können sowie mit der Öffnung des Sticks Ernst machen, lohnt sich mit Sicherheit ein zweiter Blick darauf. Einen kleinen Teil der Versprechen diesbezüglich hat Infinitec kürzlich mit der Veröffentlichung der Firmware in der Fassung 1.03A wahr gemacht. Diese bringt unter anderem drahtlosen ADB-Zugriff.

Die noch kleine, aber aktive Userbasis ist mit Sicherheit auch ein wichtiger Vorteil gegenüber der immer größer werdenden Zahl an Konkurrenzprodukten, insbesondere im Hinblick auf wesentlich günstigere Whitebox-Ware aus China. Abzuwarten bleibt auch, inwiefern Projekte wie die Ouya oder der GameStick sich als Alternativprodukte eignen, die zusätzlich auch noch genug Leistung für Gamer bieten und im gleichen Preissegment angesiedelt sind.

Die in Dubai ansässigen Hersteller verlangen für den Stick samt Air Remote, normaler Fernbedienung, Infrarotempfänger sowie USB-Ladegerät und -kabel 160 Dollar (rund 120 Euro). Weitere 24 Euro macht schließlich die Einfuhrumsatzsteuer aus. (Georg Pichler, derStandard.at, 06.01.2012)

  • Der PocketTV HDMI-Stick von Infinitec.
    foto: derstandard.at/pichler

    Der PocketTV HDMI-Stick von Infinitec.

  • Das TV-Test-Setup. Ein 26 Zoll LCD-Fernseher aus 2009 ohne jeglicher SmartTV-Kapazitäten oder USB-Anschluss. Dazu ein aktiver Hub, über den der Air Remote-Empfänger und eine Logitech-Webcam betrieben und externe Festplatten und andere USB-Datenträger angeschlossen werden können.
    foto: derstandard.at/pichler

    Das TV-Test-Setup. Ein 26 Zoll LCD-Fernseher aus 2009 ohne jeglicher SmartTV-Kapazitäten oder USB-Anschluss. Dazu ein aktiver Hub, über den der Air Remote-Empfänger und eine Logitech-Webcam betrieben und externe Festplatten und andere USB-Datenträger angeschlossen werden können.

  • Liegen die HDMI-Ports des Fernsehers knapp beieinander, kann der Stick eventuell einen weiteren verdecken.
    foto: derstandard.at/pichler

    Liegen die HDMI-Ports des Fernsehers knapp beieinander, kann der Stick eventuell einen weiteren verdecken.

  • Die konventionelle Fernbedienung (oben) erweist sich als etwas umständlich zur Bedienung von Android, die Air Remote (Mitte) ist ihr eindeutig vorzuziehen.
    foto: derstandard.at/pichler

    Die konventionelle Fernbedienung (oben) erweist sich als etwas umständlich zur Bedienung von Android, die Air Remote (Mitte) ist ihr eindeutig vorzuziehen.

  • Die aktuelle Firmware liefert Android 4.0.4 auf Basis des Linux-Kernels 2.6.
    foto: derstandard.at/pichler

    Die aktuelle Firmware liefert Android 4.0.4 auf Basis des Linux-Kernels 2.6.

  • Aktuell ist das Gerät aus Performancegründen zum Spielen ungeeignet. Mit ausgereifter Firmware sollten die meisten Casual Games aber zukünftig problemlos laufen.
    foto: derstandard.at/pichler

    Aktuell ist das Gerät aus Performancegründen zum Spielen ungeeignet. Mit ausgereifter Firmware sollten die meisten Casual Games aber zukünftig problemlos laufen.

  • Stöbern im Play Store geht mit der Air Remote leicht von der Hand.
    foto: derstandard.at/pichler

    Stöbern im Play Store geht mit der Air Remote leicht von der Hand.

  • Auch Facebook läuft, der App fehlt es mangels Tablet-optimierter Anischt jedoch an Übersichtlichkeit.
    foto: derstandard.at/pichler

    Auch Facebook läuft, der App fehlt es mangels Tablet-optimierter Anischt jedoch an Übersichtlichkeit.

  • Auch Google Maps läuft, über ein GPS-Modul verfügt der PocketTV allerdings nicht.
    foto: derstandard.at/pichler

    Auch Google Maps läuft, über ein GPS-Modul verfügt der PocketTV allerdings nicht.

  • Via NewsRepublic lassen sich angenehm aktuelle Nachrichten vom Sofa aus konsumieren.
    foto: derstandard.at/pichler

    Via NewsRepublic lassen sich angenehm aktuelle Nachrichten vom Sofa aus konsumieren.

  • PocketTV versteht sich komplikationsfrei mit USB-Datenspeichern, aber auch Zusatzhardware wie den Webcams gängiger Hersteller, zB. Creative oder Logitech.
    foto: derstandard.at/pichler

    PocketTV versteht sich komplikationsfrei mit USB-Datenspeichern, aber auch Zusatzhardware wie den Webcams gängiger Hersteller, zB. Creative oder Logitech.

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