Komödienklassiker mit Kreisarzt und Korruptkin

6. Jänner 2013, 18:31
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Jede Menge Jubel und ziemlich gute Laune in München: Herbert Fritsch hat sich am Residenztheater Gogols "Revisor" vorgenommen - und die Komödie schrill überzeichnet

Herbert Fritsch war schon als Schauspieler höchst erfolgreich - als besonders flottes Pferdchen in Frank Castorfs Dekonstruktionsarena. Dann machte er aus seiner Lust zur subversiven Improvisation einen Beruf und wechselte vom Schauspieler zum Regisseur. Seither heimst er landauf, landab Preise und Jubel ein. Wobei er sich den lustbetonten Beifall durch die stets mitinszenierte Applausordnung gleich selbst organisiert.

Vor kurzem hat er sich in Köln Brechts Puntila vorgenommen und in Bremen Offenbachs Banditen. Mit der (S)panischen Fliege und dem Einwortstück Murmel, Murmel hat er auch seinem früheren Arbeitgeber am Ostberliner Rosa- Luxemburg-Platz, der Volksbühne, seine aktuellen, saalfüllenden Kultproduktionen beschert.

Hätte man einen Herbert Fritsch als Hausregisseur, würde sich das Publikum wohl im Dauerfeuer seiner Beschleunigung beim Reden und Plappern, beim Fallen und Slapstick, der puren Alberei und der Lust an der scheinbaren Improvisation vermutlich irgendwann totlachen. Aber als singuläre Zugabe, als greller Farbtupfer, als originelle körperbetonte Sicht auf die Stücke aus der Position eines Hofnarren des Stadttheaters ist eine Fritsch-Inszenierung allemal ein Gewinn.

Am Residenztheater in München hat er sich jetzt Gogols Revisor vorgenommen. Auch dieser Komödienklassiker aus dem Jahre 1835 erweist sich als Steilvorlage für diese Art von Überzeichnung. Da setzt in einer Kleinstadt irgendjemand die "höchst unerfreuliche Mitteilung" in die Welt, dass ein Revisor "zu uns" unterwegs ist. Der, den sie allesamt dafür halten, ist natürlich der falsche.

Dieser Chlestakow ist zwar ein Beamter mit Diener (Stefan Konarske), aber selbst abgebrannt und darauf gefasst, dass seine verschuldete Existenz bald endgültig den Bach runtergeht. Doch er bemerkt schnell, dass er den Joker in diesem Spiel mit gezinkten Karten hält. Und so lässt er sich von der ganzen Bagage hemmungslos schmieren, weil sie natürlich allesamt Dreck am Stecken und ihren Laden nicht in Ordnung haben.

Ob nun der Schulrat (Jörg Lichtenstein), der Richter (Miguel Abrantes Ostrowski), der Polizeichef, der in der Fassung natürlich Korruptkin heißt (Sierk Radzei) oder der Postmeister (Paul Wolff-Plottegg) und der Kreisarzt Dr. Hübner (Michele Cuciuffo). Es versteht sich von selbst, dass der besonders obrigkeitseifrige Bürgermeister (Aurel Manthei) seine schrill quakende Tochter Maria (Britta Hammelstein) an diesen Mann bringen will und seine stets leicht hysterische Gattin Anna (Barbara Melzl) am liebsten selbst zugreifen würde. Was man verstehen kann, denn Sebastian Blomberg macht erst in seinem grässlichen lila Hautengen und dann mit nacktem Oberkörper ziemlich gute Figur.

Fritsch hat sich dafür eine so simple wie praktikable Bühne erfunden. Er hat einfach zehn milchige Plastikfolien hintereinandergehängt und aus jeder einen Hausumriss ausgeschnitten. Einmal hängt da das (Folien-)Haus, einmal der Tunnel, der sich aus dem Rest ergibt. Und dann irgendeine Kombination aus beidem.

Zusammen mit dem gut getimten Licht ist das der passende Rahmen für die überdrehte Komödienmechanik, bei der Fritsch seine Darsteller offenbar so lange aufzieht, bis sie - fritsch, fratsch - von selbst ihre Figuren abschnurren. Manche Anzüglichkeiten sind dabei Geschmacksache, doch die eingebauten verbalen Ausrutscher ein amüsantes Nachschmecken. Auch dieser 100-Minuten-Abend hat wieder etwas von einem Selbsttherapie-Theater für die Schauspieler. Dabei überzeichnen sie alle den Gogol so, dass seine Zeitlosigkeit deutlich wird. Am Ende: jede Menge Jubel organisiert und freiwillig! (Joachim Lange aus München, DER STANDARD, 7.1.2013)

  • Überdrehte Komödienmechanik: "Der Revisor" von Nikolai Gogol im Residenztheater u. a. mit Hanna Scheibe (als Mascha) und Stefan Konarske (als Ossip).
    foto: thomas aurin

    Überdrehte Komödienmechanik: "Der Revisor" von Nikolai Gogol im Residenztheater u. a. mit Hanna Scheibe (als Mascha) und Stefan Konarske (als Ossip).

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