Zu spät, um jetzt noch aufzuhören

7. Jänner 2013, 17:13
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Der Filmemacher Jean-Marie Straub feiert am 8. Jänner seinen 80. Geburtstag

Sieben Filmkünstler, denen das - mit Danièle Huillet geschaffene - Werk dieses unbestechlichen Solitärs des Kinos viel bedeutet, gratulieren mit Texten. Viennale und Stadtkino schenken dem Publikum ein Filmprogramm.

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Ich liebe Jean-Marie und ich hasse jene Welt, die ihn zu einer Kultfigur gemacht hat. Ich weiß nicht, ob das Kino von Straub-Huillet ein populäres Kino ist (werden wir das je wissen?), aber es ist ein Kino von begeisternder Lebendigkeit. Ihre Filme sind voll unvergesslicher Passagen, wie etwa die erste Einstellung von Der Bräutigam, die Komödiantin und der Zuhälter oder die letzte aus Zu früh, zu spät. Wie in manchen Ford-Filmen kann uns eine einzige Kamerabewegung zum Weinen bringen.

Jean-Marie und Danièle haben sich nie mit dem versöhnt, was Alain Badiou "die zweite Restauration" nennt. And for Jean-Marie it's too late to stop now. In diesem Zeitalter, das Meinungen wie Gebrauchsanleitungen fabriziert und jede Art von Überzeugung verachtet, ist er ein Mann von Überzeugung, der sagt: "Ich versuche, keine Meinung zu haben".

Sein Werk, sein Leben, sind beseelt von einer Leidenschaft für das Wirkliche (erneut Badiou), insbesondere von einer Leidenschaft für die natürliche Welt. Anlässlich der Erstaufführung im Deutschen Fernsehen von Othon oder Die Augen wollen sich nicht allzeit schließen oder Vielleicht eines Tages wird Rom sich erlauben seinerseits zu wählen schrieb er über den leeren Raum, den leeren Boden, den man am Ende jedes Aktes sieht: "Wie süß wär' sie ohne das Trauerspiel des Zynismus, der Unterdrückung, des Imperialismus, der Ausbeutung - unsere Erde, befreien wir sie!"

Anlässlich der Präsentation von Der Tod des Empedokles oder Wenn dann der Erde Grün von neuem euch erglänzt in Le Fresnoy, sagte er: "Wenn wir nicht alle untergehen wollen, in der Zerstörung und im Nichts, gibt es nur eines, was uns je retten kann: eine kommunistische Utopie. Und nicht nur uns, sondern das Wertvollste, das wir haben, die Erde, auf der wir gehen! Die Erde nicht nur als Boden, sondern die ganze Erde und mit ihr die Erdenkinder." Diese Liebe zur Erde ist in so gut wie allen ihren Filmen spürbar, ganz besonders in den späteren. Es sind die einzigen Filme, die ich kenne, in denen man so etwas wie die Kräfte der "Erdanziehung" fühlen kann.

Ich habe Jean-Marie und Danièle dafür zu danken, daß sie mich so viel über das Kino und das Leben gelehrt und mich daran erinnert haben, wie schön diese Welt ist. Und im Übrigen bin ich Ihnen für ein Empfehlungsschreiben dankbar, das sie für mich verfassten, als ich arbeitslos und verzweifelt war. Es handelte sich um eine kurze, handgeschriebene Notiz, zwei Sätze lang. Der zweite Satz lautete: "Wir fordern für ihn eine Stellung an einer bedeutenden Universität." Ich kann nicht sagen, daß mir das geholfen hat, aber es beeindruckte immerhin - wie ich später erfuhr - einige, von ihrer eigenen Wichtigkeit überzeugten Universitäten. Die mich nicht einstellten. "Ein großartiger Brief", sagte man mir.

Während ich dies schreibe, muss ich an ein Gedicht von Brecht denken, der seinen Status als Kultfigur vielleicht überleben wird. Es scheint mir ganz und gar treffend. Vielleicht ist dies etwas, das Jean-Marie mich gelehrt hat.

Und ich dachte immer, die allereinfachsten Worte
Müssen genügen. Wenn ich sage, was ist
Muss jedem das Herz zerfleischt sein.
Daß du untergehst, wenn du dich nicht wehrst
Das wirst du doch einsehen.

To/for Jean-Marie Straub, forever young.

(Thom Andersen, DER STANDARD, 8.1.2013)

Thom Andersen (69), Filmemacher ("Los Angeles Play Itself") und Theoretiker.

Filmprogramm: 8.1., Stadtkino, ab 16.30

  • Der französische Filmemacher Jean-Marie Straub - für seinen US-Kollegen Thom 
Andersen "ein Mann von Überzeugung, der sagt: 'Ich versuche, keine Meinung zu 
haben.'"
    foto: diane arques

    Der französische Filmemacher Jean-Marie Straub - für seinen US-Kollegen Thom Andersen "ein Mann von Überzeugung, der sagt: 'Ich versuche, keine Meinung zu haben.'"

  • "Der Bräutigam, die Komödiantin und der Zuhälter".
    foto: straub/huillet

    "Der Bräutigam, die Komödiantin und der Zuhälter".

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