Jugendliche Verantwortungslosigkeit ist ein Symptom

Kolumne6. Jänner 2013, 17:00
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Eine erschöpfte Mutter kommt mit ihren pubertierenden Söhnen nicht zurecht. Jesper Juul erklärt, warum sie sich in dieser Situation zuerst um sich selbst kümmern sollte

Eine Userin schreibt:

Ich hoffe, Sie können mir einen Rat geben. Im Moment bin ich verzweifelt, erschöpft, verwirrt und im Begriff aufzugeben.

Ich habe drei große Kinder. Die jüngsten sind Zwillingsbuben im Alter von 15 Jahren. Ich arbeite im Schichtdienst und bin zu unterschiedlichen Zeiten zu Hause. Das heißt, dass ich nicht kontrollieren kann, was meine Söhne treiben und wann sie schlafen gehen. Meine Regeln werden nicht respektiert, was zur Folge hat, dass sie oft gar nicht in die Schule gehen oder viel zu spät kommen.

Ich bin geschieden und die Beziehung zum Vater der Kinder ist schlecht. Er bombardiert mich mit Kritik und hält mir vor, mich unangemessen zu verhalten. Zugleich lehnt er jede Verantwortung ab.

In letzer Zeit bin ich völlig verzweifelt, ich fühle mich absolut hilflos. Wenn ich in der Früh versuche, die Burschen aufzuwecken und sie zur Schule zu schicken, ist das entwürdigend und anstrengend. Ich weiß, dass meine Söhne schon alt genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen, aber ich kann einfach nicht loslassen. Diese Situation geht über unser aller Grenzen, physisch wie mental.

Computerspiele und Fernsehen stehlen den Kindern einen großen Teil ihreres täglichen Lebens und halten sie von Pflichten wie ihren Hausaufgaben ab. Soll ich das Fernsehen für eine Weile als Strafe verbieten?

Wie viel Verantwortung soll ich übernehmen und wie viel Verantwortung können die Kinder bereits selber tragen? Je müder ich werde, umso schwieriger wird es, über eine Lösung nachzudenken. Ich brauche dringend Ihren Rat.

Jesper Juul antwortet:

Ich verstehe, dass Sie erschöpft sind, sich am liebsten verstecken würden und erst wieder zum Vorschein kommen möchten, wenn Ihre Kinder erwachsen sind. Aber das ist nicht möglich. Ihre einzige Möglichkeit im Moment ist, sich schnell um professionelle Hilfe zu kümmern - sei es bei einer öffentlichen Stelle oder einem privaten Familientherapeuten.

Ihre Kinder verhalten sich unverantwortlich und sind daran gewöhnt, dass Sie sie bedienen. Das älteste Kind ist Ihr Ex-Mann. Jemand sollte ihn mit der Frage konfrontieren, ob er denn etwas Konstruktives zur aktuellen Situation beitragen kann. Optimal wären Gespräche, an denen alle Familienmitglieder teilnehmen.

De-facto-Waisen

 

Ich würde Ihre Söhne als "De-facto-Waisen" bezeichnen. Das bedeutet, dass weder Sie als Mutter noch der Vater die Fähigkeit, den Wunsch oder die Energie hat, den Kindern das zu geben, was sie brauchen. In Ihrem Fall wäre das: Orientierung, Führung und ein sinnvolles Vorbild.

Es liegt in Ihrer Verantwortung als Erwachsene, wie sich die Situation entwickelt hat, und es wäre deshalb sehr unfair, die Kinder dafür zu bestrafen. Die Unverantwortlichkeit der Kinder ist lediglich ein Symptom. Als Leserin meiner Kolumnen wissen Sie, dass ich kein Freund von raschen Urteilen oder Schuldzuweisungen bin. Es gibt sehr viele Gründe in der Vergangenheit, warum Ihre Familiensituation im Moment für kein Mitglied angenehm ist.

Gegeben und gegeben

 

Sie beschreiben sich als verzweifelt, erschöpft und machtlos. Dieser Zustand hat sich über viele Jahre hinweg entwickelt, und ich vermute, dass er auch daran liegt, dass Sie nicht gut auf sich selbst aufgepasst haben. Sie haben Ihre eigenen Bedürfnisse, Ihre Werte, Ihre Grenzen und Ihre Gefühle ignoriert. Sie haben gegeben und gegeben - und nun sind Sie leer.

Wenn nun auch noch Ihr Ex-Mann sich permanent über Ihre Grenzen hinwegsetzt und Sie verletzt, ist es an der Zeit, dass Sie Prioritäten setzen. Diese Prioritäten sollten Ihnen selbst und Ihrer Gesundheit gelten. Nicht auf Kosten Ihrer Kinder, sondern gerade wegen deren Bedürfnis nach glaubhafter erwachsener Führung.

Sich für sich selbst entscheiden

 

Ihre Söhne können nicht auf Sie aufpassen, und in dieser chaotischen und unklaren Situation offensichtlich auch nicht auf sich selbst. Sie erleben derzeit eine Mutter ohne Autorität und einen Vater, der ein schlechtes Beispiel abgibt.

Darum ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, ihnen die Verantwortung zu übertragen, die ihrem Alter eigentlich entsprechen würde. Es ist hoch an der Zeit, für Sie als Frau und Mutter, dass Sie sich zunächst für sich selbst entscheiden.

Ganz wichtig dabei ist wie gesagt, dass Sie sich Hilfe von außen holen. Sie sollten mit mit Ihren Kindern darüber sprechen, wie sie sich alle fühlen. Es bedarf einer Form der Kommunikation, durch die Ihre Familie erkennt, dass Sie es wirklich ernst meinen.

Söhne profitieren

 

Ich bin überzeugt, dass Kinder ihren Eltern dabei helfen können, sich persönlich zu entwickeln - wie dies umgekehrt auch Eltern für ihre Kinder tun. Sie haben das "klassische" Verhalten einer Frau entwickelt, die durch ihre bedingunslose Liebe, ihre Aufopferung, ihre Belastbarkeit und ständige Verfügbarkeit an Selbstwert verliert.

Sie haben jetzt die Chance, als Frau, als Mutter und als Mensch zu wachsen. Die gute Nachricht ist, dass Ihre Söhne davon profitieren werden, sobald Sie damit anfangen. Es wird Ihnen möglich sein, eine liebevolle und aufbauende Beziehung zueinander zu schaffen. (Jesper Juul, derStandard.at, 6.1.2012)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 20. Jänner.

  • Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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