Fieses Facebook, böse Tweets: Kommunikationsparadies Internet? Mitnichten!

5. Jänner 2013, 10:15
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Wo gefacebookt und getwittert wird, kommt das Böse zum Vorschein - Ein satirischer Blick auf das Netz 2.0

Nageln wir gleich einmal die These an die Wand: Es gibt keine sozialen Netzwerke. Alle Netzwerke sind asozial.

Falls sie diesen Text nicht in der Gutenbergwelt lesen, auf der lachsfarbenen Analog-Holzausgabe, dann scrollen sie nach unten. Zu den Postings. In das (superlativus impossibilis) asozialste Netzwerk auf diesem Globus. Hier kann sich sogar der Höllenfürst noch ein Scheibchen Bosheit runterschneiden. Es soll Autoren geben, die Online-Kommentare zu ihren Texten schon mal gelesen haben. Möglicherweise. Ein Mal. Ein einziges Mal. Denn dann sind sie gewiss geheilt aus dem brodelnden Sumpf der Niedertracht gestiegen. Weinend. Bereuend. Niedergeschmettert. Niemand, der bei Trost ist, tut sich die Schmach einer Kommentarlektüre ein zweites Mal an. Es sei denn, wer anderer hätte geschrieben.

Ein Kommentärchen, ein Analyserl, ein Bombengschichterl. Haha! Gehen Sie davon aus, dass die besten Kräfte des Landes hier nicht nur mitlesen, sondern im Schutze halblustiger Pseudonyme auch Häme abladen. Gegenhäme und Metahäme.

Bisher hat sich nur ein winziges Grüpplein erdreistet, sich den Beleidigungen, Griffen und Untergriffen entgegenzuwerfen. Ausgerechnet die austeilfreudigen Brüder Scheuch klagten STANDARD-Poster. Dass Kurt und Uwe nicht nur einstecken, sondern auch mitschreiben, darf indes vermutet werden.

"Aber Facebook ist doch okay!", höre ich. "Da kann man sich aussuchen, wer mitliest!" Das stimmt, und es stimmt auch wieder nicht. Zuckerberg liest immer mit. Und die Bookfacer können sich nicht aussuchen, dass er nicht mitliest. Und wenn Zuckerberg mitliest, und das tut er, dann lesen auch noch andere mit. Echelon. Die NSA, der Mossad, die Freimaurer, die Bilderberger, die Autoren des Maya-Kalenders. "Schon, schon", höre ich dann, "aber ich habe nichts zu verbergen!" Der Beweis wird angetreten. Katzenfotos stehen am Beginn jeder Offenbarungsoffensive.

Katze am Tisch, Katze im Bett, Katze am Computer. Katze, Katze, Katze. So beginnt es. Wer keine Katzen hat, hat Kinder. Kinder klagen nicht. Nicht auf das Recht am eigenen Bild. Früher gingen die intimen Momente im Leben einer Kleinfamilie nur durch die Hände des lokalen Fotogeschäftsinhabers. Heute sind die ersten Schritte ins Menschenleben auf Facebook dokumentiert. Sie gehen dort übrigens nie wieder raus. Eine ganze Alterskohorte startet ihre Reise in die große weite Welt der Sichtbarkeit mit der ewig währenden Verfügbarkeit sämtlicher ihrer Kinderbilder.

Mit dem Wohnzimmerwolf

Katzen also. Kinder. Hunde. Dürfen Hunde im Alltag alles, so dürfen sie auf Facebook noch mehr. Manche Hundebesitzer haben die Grenzen zwischen sich und dem Tier aufgehoben. Die Facebook-Profile mit Bildern von Rassehunden und Promenadenkötern sind Legion. Manche Hunde leihen Herrchen oder Frauchen nicht nur das Gesicht, manche Hunde haben gar eigene Facebook-Accounts. Der Stoffwechsel ist das Hauptthema der caninen Freunde, dicht gefolgt von Berichten über Ausflüge ins Dickicht und romanhaften Erzählungen vom Spiel mit dem Stöckchen oder den Begegnungen mit einem anderen Wohnzimmerwolf.

War's das? Geht's jetzt wieder gegen die Hunde? Nein, sage ich. Hunde sind soziale Wesen, also haben sie jede Berechtigung, sich in einem asozialen Netzwerk zu tummeln. Wer keine Katze hat, keinen Hund und auch kein Kind, hat doch wohl eine Küche. Und von dieser ein Bild. Wie gut, dass die Küchen dieses Planeten auf Facebook archiviert werden! Viel Besucherleid bleibt der Menschheit durch diese Warnbilder erspart.

Facebook war nicht das erste asoziale Netzwerk. Und es ist beileibe nicht das einzige. Aber Facebook ist das prototypische asoziale Netzwerk. Es wurde von einem Bummelstudenten zwar nicht erfunden, aber immerhin, so gehen die gerichtsanhängigen Gerüchte, drei anderen Bummelstudenten abgeluchst. Facebook hat das Asoziale also schon in den Genen. Schon facemash.com, so hieß der Vorgänger von Facebook, im Oktober 2003 vom Harvard-Kommilitonen Mark Zuckerberg ins Netz gestellt, hatte das zentrale Asset, ohne das ein asoziales Netzwerk nicht auskommt: Ein Bewertungssystem. Die Klientel von Zuckerbergs erster Kommunikationsplattform, gossipsüchtige Jungstudiosi und heimlich mitlesendes Lehrpersonal wurden auf der Seite aufgefordert, die Attraktivität von zwei zufällig ausgewählten Personen des Campus anhand von Fotos zu bewerten.

Zuckerbergs Anfängerpech: Er hatte keine Erlaubnis zur Veröffentlichung privater Bilder eingeholt, politisch korrekte Proteste waren die Folge, die Seite musste vom Netz genommen werden. Aua. Juristische Lapsus dieser Art sollten Zuckerberg später nicht wieder unterlaufen. Facebook ist durch ein üppiges Regelwerk aus Haftungsausschlüssen weitgehend gegen Userkritik immunisiert. Die wenigen Prozesse bezahlt das Imperium aus der Portokasse.

Das zentrale asoziale Netzwerk explodierte - nicht trotz, sondern wegen seiner Permeabilität für kleinere und größere Gemeinheiten - von einem kleinen Campus-Experiment zu einer weltumspannenden Freundschaftbörse mit mittlerweile einer knappen Milliarde Mitgliedern.

Ein simpler Deal

Kein Schelm, wer denkt, dass die Plattform massiv vom Data-Mining lebt, vom Abbau des Internet-Rohstoffes Information. Der Deal ist simpel. Gib mir deine Daten, und ich gebe dir deine Freunde. Und dann? Dann machst du mit deinen Freunden, was Freunde mit Freunden so tun. Vor ihrem Rücken tust du ihnen schön, hinter ihrem Rücken richtest du sie aus. Du bombardierst sie mit Einladungen zu Mafiakriegen, Pokerturnieren, lässt sie teilhaben am strategischen Aufbau virtueller Bauernhöfe und digitaler Aquarien. Oder du fügst sie sinnlosen Gruppen hinzu, markierst sie in Bildern fremder Deppen und warnst sie im Weltuntergangston vor dem Datenkraken Facebook und dessen molochhaftem Wesen.

Geize nicht mit der Publikation von Sonnenuntergängen, lautet der Rat an den Facebook-Novizen, nicht mit der Veröffentlichung deiner braungebrannten Fußspitzen vor dem Weltmeer oder der frisch gebackenen Spinatlasagne im selbstgekneteten Römertopf. Sei ganz Künstlerin, ganz Künstler, schieb den Facebook-Deinen rüber, wenn du am Weltschmerz leidest, an einem logorrhoischem Schub oder dich eins fühlst mit dem Universum. Auf einschlägigen Seiten - Gleichgesinnte posten sie täglich - gibt es zu jeder Seelenbefindlichkeit einen passenden Konfuzius-Spruch. Schreibe den nicht bloß hin, sondern mach daraus ein Bild. Ein Schriftbild. Deine Freundinnen und Freunde werden es dir danken und die Erkenntnis zum Tag mit ihresgleichen teilen.

Spare, so lautet eine weitere Erkenntnis aus dem Arsenal der Unnötigkeiten, nicht mit Geburtstagswünschen. Gratuliere besonders den unbekannten unter deinen Freunden, gib ihnen Kraft und Liebe und poste dazu dein Lieblingslied. Youtube ist eine nie versiegende Quelle der Inspiration. Zu jedem Schmerz gibt es passende Mucke. Wenn du traurig bist, lass es alle wissen. Vielleicht trauert jemand mit. Oder poste eine Rose zur Aufhellung deiner dunklen Seele oder das Bild eines Sonnenuntergangs. Vielleicht einen Engel. Oder ein schönes Motorrad. Wenn dir Ungemach über die Leber reitet, schreie es hinaus. Alle werden dich hören. Schrei:

Facebook unser im Netz!
Gelikt werde dein Name.
Dein Reich ist schon da.
Dein Wille geschehe,
wie im Netz, so auch offline.
Unsere tägliche Timeline
gib uns heute.
Und vergib uns unsere
Kommentare,
wie auch wir vergeben
den von uns Geblockten.
Und führe uns nicht in
die Sperrung,
sondern erlöse uns von
den Datenschützern.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Zuckerberg. Amen.

Aber gib acht. Nicht alles ist erlaubt in Facebookhausen. Salman Rushdie etwa wurde hinausgeworfen von der Zuckerbergwacht. Nicht wegen satanischen Verseschmiedens, sondern wegen des Verdachts des Nicht-Rushdie-Seins. Er solle bitte, so wurde ihm beschieden, eine Kopie seines Reisepasses senden, um zu beweisen, dass er wirklich Rushdie sei. Nach erfolgreicher Identifikation werde er wieder Zugang zu seinem Profil bekommen.

Rushdies Shitstorm

Der Dichter tat, wie ihm geheißen, und flugs war die Welt wieder in Ordnung. Für Facebook. Salman Rushdie hieß nun Ahmed Rushdie. So wie das im Pass stand. Ahmed stand dort als erster Name, rechtfertigte sich das Facebook-Salzamt, Salman nur als zweiter. Um seine Identität wiederzubekommen, entfachte Rushdie einen Shitstorm auf Twitter, dem Kurzmeldedienst. Shitstorm. Auch so ein Wort aus Asocialville.

HC Strache, bürgerlich als Heinz-Christian unterwegs, ist noch nicht über die Vornamenfrage gestolpert. Kickls Golem gilt als Österreichs zweiterfolgreichster Facebooker. Er rangiert weit abgeschlagen hinter "Kann dieser seelenlose Ziegelstein mehr Freunde haben als H.C. Strache?" Nicht weniger als 123.170 Facebook-Mitgliedern "gefällt" der blauäugige Dreibierbesteller, 11.964 "sprechen darüber".

Am Diskurs über Straches einschlägige Durchsagen beteiligen sich allerdings nicht virtuelle Hunderttausendschaften, wie sein User-Profil vollmundig verkündet, sondern nur mehr eine Bekenneranzahl im dreistelligen Bereich. Dass unter den tatsächlichen Fans des freiheitlichen Klubchefs regelmäßig die derbe Keule des Rassismus und des Antisemitismus ausgepackt wird, tut Straches Facebook-Karriere keinen Abbruch. Auch Karikaturen im Stürmer-Stil gehen locker durch die Zuckerberg-Zensur. Experten wundert dies wenig, denn haarig wird es für einen Facebook-Poster nur bei einem einzigen Thema: der weiblichen Brust. Hier kennen die halbautomatischen Tugendwächter keinen Pardon. Wer auf Facebook Nippel und Brust postet und sei es im Rahmen eines Kunstwerkes, ist gesperrt, so schnell kann er gar nicht schauen.

Sensible Naturen mit Hang zu Ruhe und Genauigkeit, Spielunlust und Kurzgefasstheit haben Facebook längst verlassen. Oder sind dem Gesichtsbuch-Netzwerk gar nicht erst beigetreten. Gibt es doch für sie längst eine Alternative. Friedlich piepst sie aus dem Wald: Twitter. Die Presseagentur für den Privatmenschen. "Just setting up my Twtr", lautete der erste Tweet, am 21. März 2006 von Twitter-Mitgründer Jack Dorsey in die Welt gepiepst.

Mit der maximal twitterbaren Anzahl von 140 Zeichen kam der Weckruf locker aus. Das Konzept von Twitter klingt wie die Wegbeschreibung ins Social Paradise. 14= Zeichen Text, längers geht sich nicht aus. Odr mss krtv abgek wrdn. Wichtige Worte werden mit einem #Hashtag markiert, einer vorangestellten Raute. Andere @Twitteranten bezeichnet man im Text mit dem Klammeraffen.

Die Kommunikation auf Twitter funktioniert denkbar einfach. Jeder kann sich zum Follower eines anderen Twitterer machen, jeder kann jedem folgen. Andere Tweets können retweetet und beantwortet werden. Links gezwitschert. Sogar Bilder kann der moderne Tschilper mittlerweile twittern/tweeten. Das Wording holpert noch. Und auch die Fähigkeit, Unflat und Beleidigungen in 140 Zeichen Kürze unterzubringen. Hier diskriminiert das Medium die Langtexter und Rummeiner. Twitter ist fest in der Hand von Journos, Pressesprechern, Werbetextern. Als Adelsprädikat gilt eine hohe Ration aus Gefolgten und Followern. Twitter-Nobles sind Multiplikatoren, sie folgen überschaubar wenigen anderen, haben aber eine vergleichsweise hohe Gefolgschaft.

Österreichs Twitterkönig Armin Wolf (@ArminWolf) etwa folgt nur 313 anderen, handverlesenen Twitterern. Seine, bisweilen im Minutentakt hinausgeschossenen Sachverhaltsdarstellungen haben mittlerweile 68.243 Follower abonniert. Tendenz steigend.

Auch die Revolutionärin und der Revolutionär haben Twitter zum Medium ihrer Wahl erklärt. Die Proteste nach den iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 und die Arabischer-Frühling-Revolutionen im Maghreb verschafften sich über Twitter Gehör vor der Welt. Die Geheimdienste lasen selbstverständlich mit. Oder twitterten fest Falschmeldungen.

Noch vor den heimischen Politikern trieben sich ihre Fakes auf Twitter herum. Legendäre Figuren wie @WernerFailmann twitterten unangenehme satirische Wahrheiten. Der echte Werner Faymann ist mittlerweile ebenfalls auf Twitter, wird aber gerne auch als falscher Fuffziger angesehen. Neu in der Ösi-Twitteria ist der Kanadaheimkehrer und Interview-Aktionist Frank Stronach. Im Themenkreis (a)soziale Medien, so heißt es in der Twitteria, wird er und sein Team (@TeamStronach_at) vom Kommunikationshaudegen Rudi Fußi (@rudifussi) betreut. Insider behaupten, auch der Stronach-Satire-Account @Franksagt - nach eigener Urkunde "Entrepreneur, Neopolitiker, sportbegeistert. Was? Wolln S' streiten mit mir?" werde textlich und inhaltlich von Rudi Fußi betreut.

Man weiß nicht, wer sich mehr gefreut hätte über die polemische Dimension solcher Doppelfunktion: Metternich oder Nestroy. @Franksagt sagt jedenfalls über Rudi Fußi nur Gutes: "A g'scheiter Bursch, macht bei mir die Media mit die Socialisten." Otto und Paula Normalverbraucher sind für Metakommunikationen dieser Qualität und Verquastheit nicht erreichbar und bleiben daheim. Im guten alten Facebook. In der Milliarden-Einwohner-Schrebergartensiedlung.

Der Otto nervt

Otto (das ist der mit der Sonnenbrille) postet jetzt mal die Bilder vom Hotelpool und vom Grillabend auf Fuerteventura. Sind schon seit Sommer in der Kamera. Paula (mit Prosecco-Becher bei der Betriebsfeier) lädt jetzt den Kater Murli rauf, wie er auf der Waschmaschine schlunzt. Und dann den schönen Spruch von Lao-Tse-tung (oder so) und den Witz mit dem Affen und der Banane. Ach ja und dann muss Paula der Hilde schnell erzählen, am besten im Facebook-Chat, wie ihr der Otto grad sehr auf den Wecker geht und dass sie schon daran gedacht hat, ihn rauszuhauen. Zickezacke raus.

Es genüge schon, dass er ihr zu Hause auf den Nerv ginge, sie müsse ihn nicht auch noch auf Facebook zum Freund haben. Den eigenen Mann hat man nicht als Freund, das sei pervers, meine zu diesem Thema die Ilse. Andererseits, hier besinnt sich Paula wieder des Eingemachten, könnte sie dann nicht sehen, wen aller der Otto als Freundin hat. Und was die da so für Bilder hochladen von sich. Wer ist diese eine, diese Susi? Kennt man die? Bissl alt schaut die aus für so einen Bikini. So schaut ma nicht aus. Das ist die Trixi, sagt dann die Hilde, mit der bin ich gut, die ist okay, sie is ein bisserl deppert und ja, die Bikini gehn gar nicht mit dem Gwicht, aber bitte, das ist halt die Trixi. Sie schneidet genial die Haare, soll ich mal fragen? (Andrea Maria Dusl, DER STANDARD, Album, 5./6.1.2013)

Andrea Maria Dusl, Filmregisseurin und Autorin, lebt in Wien. Zuletzt erschien von ihr im Metro-Verlag "Ins Hotel kann ich ihn doch mitnehmen".

  • Nageln wir gleich einmal die These an die Wand: "Sozial" geht es hier womöglich nicht zu.
    foto: reuters/thomas peter

    Nageln wir gleich einmal die These an die Wand: "Sozial" geht es hier womöglich nicht zu.

  • Am Anfang jeder Offenbarungsoffensive: das Katzenbild. Dieses hier zeigt
 die inzwischen berühmt gewordene Campuskatze der Universität Bayreuth. 
Wie sie zu ihrer Bekanntheit kam? Selbstverständlich durch ihren 
Facebook-Auftritt.
    foto: apa/akilnathan logeswaran

    Am Anfang jeder Offenbarungsoffensive: das Katzenbild. Dieses hier zeigt die inzwischen berühmt gewordene Campuskatze der Universität Bayreuth. Wie sie zu ihrer Bekanntheit kam? Selbstverständlich durch ihren Facebook-Auftritt.

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