Kummervoller Weltbürger Depardjew

Kopf des Tages4. Jänner 2013, 19:22
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Der Schauspieler will wegen einer verletzenden Bemerkung von Premierminister Ayrault die russische Staatsbürgerschaft annehmen

Nur ein Koloss nimmt es mit einer ganzen Nation auf. Von der französischen Regierung wegen seines Steuerexils in Belgien kritisiert, fragte Gérard Depardieu den Premierminister in einem offenen Brief: "Wer sind Sie eigentlich?" Wegen der Nähe zu Autokraten in Moskau gerügt, antwortete der Kinostar am Freitag spöttisch, er sei "entzückt" Russe zu werden.

So kampfeslustig der 64-Jährige sich gibt, so empfindlich ist er auch: Die russische Staatsbürgerschaft nimmt er nicht etwa aus finanziellen Gründen an, sondern weil er sich persönlich tief verletzt fühlte durch die Bemerkung von Premierminister Jean-Marc Ayrault, sein Exodus sei "ziemlich erbärmlich".

Gewiss, da ist auch das liebe Geld. Deswegen zieht Depardieu nicht nach Russland, wo er unter anderem schon als Rasputin (Bild) vor der Kamera stand, sondern nach Belgien. Catherine Deneuve verteidigt Depardieu, den sie seit Jahrzehnten kennt: "Seine materielle Begierde" verfolge er, "um seinen Kummer zu ertränken."

130 Rollen spielte der nicht nur beruflich Unersättliche bisher. Als Sohn eines einfachen Blechschmieds und mit Sprachstörungen aufgewachsen, versuchte sich Depardieu zuerst als Druckerlehrling und Boxer, bevor er in Paris zu seiner Berufung fand.

Seine Anfänge als Filmschauspieler machte er dank Autorin Marguerite Duras; den Durchbruch schaffte er 1974 mit dem subversiven Roadmovie Die Ausgebufften. Truffauts Die letzte Metro verhalf ihm zum ersten César, dem französischen Oscar, und als langnasiger Cyrano von Bergerac spielte er die Rolle seines Lebens. Dazu habe er "viel Müll" gedreht, gab er selbst zu. Zuletzt triumphierte er in den Asterix-Blockbustern - als Obelix.

Er habe mit 14 zu arbeiten begonnen und in Frankreich insgesamt 145 Millionen Euro an Abgaben entrichtet, rechnet Depardieu seinen Landsleuten vor, denen er nicht verzeiht, dass sie seinen drogensüchtigen, bereits verstorbenen Sohn Guillaume wie einen Kriminellen behandelten. Dem französischen Fiskus wolle er nicht länger 85 Prozent seiner Einkünfte versteuern, fügte er an. Depardieu nimmt auch als Winzer, Filmproduzent und Restaurantbesitzer Geld ein - sowie für Werbespots. Bald muss er wegen eines alkoholisiert verursachten Motorradunfalls in Paris vor Gericht. Seinen Kummer zu ertränken scheint ihm auch nie gelungen zu sein. Der muss so gewaltig sein wie der Schauspieler Depardieu selbst. (Stefan Brändle/DER STANDARD Printausgabe, 5.1.2013)

  • Russen mimte Gérard Depardieu schon, nun wird er einer.
    foto: b-tween

    Russen mimte Gérard Depardieu schon, nun wird er einer.

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