Kanadierin kämpft um ihr Recht aufs Barfußgehen

5. Jänner 2013, 12:14
415 Postings

Seit Anemone Cerridwen beschlossen hat, keine Schuhe mehr zu tragen, machen ihr die Behörden das Leben schwer: Öffentliche Verkehrsmittel nehmen sie nicht mehr mit, die Stadtbücherei lässt sie nicht mehr hinein

Seit drei Jahren geht die Kanadierin Anemone Cerridwen nur noch barfuß. Sie trägt überhaupt keine Schuhe mehr und bezeichnet sich als das " Anti-Aschenbrödel der Schuhwelt". Schuhe, sagt sie, hätten ihren unförmigen Füßen nur Schmerzen, verkrümmte Zehen, Wunden und Blasen beschert.

Wenn Cerridwen in ihrer Wohnstadt Montreal ohne Schuhwerk unterwegs ist - auch im Schnee -, fühlt sich das zwar nicht immer angenehm an. Vor allem spitze Kiesel und Salz setzen ihren Fußsohlen zu. Aber kalte Füße kriegen deswegen vor allem andere. "Manche Leute halten mich für verrückt", sagt sie, "andere spornen mich an, einige bieten mir Schuhe oder Geld an. Manche alarmieren die Polizei." Wer der 48-jährigen Autorin aber vor allem auf die Füße tritt, sind die kanadischen Verkehrsbehörden. In Montreal und Ottawa wurde ihr das Busfahren verboten, weil dies barfuß angeblich den Vorschriften widerspreche.

Aber Anemone Cerridwen kämpft entschlossen darum, auf bloßem Fuß leben zu dürfen. In Vancouver, wo sie vorübergehend wohnte, verwehrte ihr die Stadtbibliothek den Zutritt. Anemone zog einen Anwalt zu Hilfe, schrieb Briefe. Ein wohlmeinender Arzt bestätigte, dass das Schuhetragen in ihr Stress auslöse, und warb um Verständnis.

"Nicht unhygienisch"

Die Barfußgängerin setzte sich gegen die Bibliothek durch. In ihrer Heimatstadt Ottawa bleiben ihr indes die öffentlichen Verkehrsmittel verboten. In Montreal wird über ihr Begehren noch gestritten. Anderswo gebe es weniger Probleme, sagt Cerridwen: "Es ist nicht illegal oder unhygienisch, barfuß in Geschäfte oder Restaurants zu gehen."

Cerridwen, die sich als autistisch bezeichnet, härtet ihre empfindlichen Sohlen auf Bergwegen ab. Sie nimmt auch kalte Fußbäder und kann nun bei Minustemperaturen draußen barfuß gehen. Für den Asphalt hat sie eine eigene Taktik: "An Wintertagen gehe ich auf der Sonnenseite und an Sommertagen im Schatten." Für solche, die es auch ausprobieren wollen, hat sie noch einen Tipp: "Im Sommer fühlen sich die gemalten Sicherheitslinien auf den Straßen kühl an."

Zu Hause wäscht sie sich sofort die Füße, aber so richtig sauber würden sie nie, räumt sie ein. Damit kann sie leben. Sie nennt es die "Würde des Risikos". (Bernadette Calonego aus Vancouver, DER STANDARD, 5./6.1.2013)

  • Anemone Cerridwen trägt seit drei Jahren keine Schuhe.
    foto: privat

    Anemone Cerridwen trägt seit drei Jahren keine Schuhe.

Share if you care.