Ungeklärte Provenienzen im Jüdischen Museum

5. Jänner 2013, 12:25
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Im Jüdischen Museum der Stadt Wien befinden sich rund 500 Objekte und 900 Bücher mit fragwürdiger Provenienz. Danielle Spera, Direktorin seit 2010, verspricht kontinuierliche Aufarbeitung

Wien - Exakt 15 Jahre ist es her: Die New York Times behauptete in der Ausgabe vom 24. Dezember 1997, dass zumindest vier Bilder der Egon-Schiele-Sammlung von Rudolf Leopold, die damals im Museum of Modern Art zu sehen war, eine "beunruhigende Vergangenheit" hätten. Sie wären ursprünglich im Besitz von Menschen gewesen, die vor dem NS-Regime flüchten mussten. Wenige Tage später, am 7. Jänner 1998, wurden das Bildnis Wally und die Tote Stadt III beschlagnahmt.

In Wien setzte eine hektische Provenienzforschung ein, an der sich auch Journalisten beteiligten. Im Zuge der Recherchen wurde die Frage laut, ob es in den Sammlungen der öffentlichen Hand nicht noch viele weitere Kunstwerke gebe, deren Herkunft ungeklärt oder zweifelhaft ist. Die damalige Kulturministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) wies daher am 13. Jänner die Direktoren der Bundesmuseen an, die Herkunft der Erwerbungen zu untersuchen.

Im November 1998 wurde schließlich das mittlerweile novellierte Kunstrückgabegesetz beschlossen. Seither kam es zu sehr vielen Restitutionen aus allen Bundesmuseen und der Nationalbibliothek - nicht aber aus dem Leopold-Museum, da die Privatstiftung gesetzlich nicht zu Rückgaben verpflichtet ist. Auch die meisten Länder schlossen sich - zu Beginn eher zögerlich - den Aktivitäten des Bundes an. Die Stadt Wien z. B. verabschiedete im April 1999 ein eigenes Rückgabegesetz. In der Folge wurden tausende Objekte aus den städtischen Sammlungen und der Wienbibliothek im Rathaus zurückgegeben.

Ein einziges Museum aber wurde als sakrosankt angesehen: das 1993 im Palais Eskeles eröffnete Jüdische Museum der Stadt Wien. Jahrelang verweigerte man Auskünfte über die Herkunft der Bestände oder wischte das Problem vom Tisch. Wer bei einer Pressekonferenz Fragen stellte, wurde als vorlaut betrachtet und erhielt eine oberflächliche Antwort.

Ein Grundproblem ist die Vielfältigkeit der Bestände. Diese setzen sich folgendermaßen zusammen: aus der Sammlung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), einer Dauerleihgabe seit 1992; aus der Sammlung Max Berger, welche die Stadt Wien bereits 1988 für das zu gründende Museum erwarb; aus der Sammlung Sussmann, einer Dauerleihgabe seit 1992; aus der Antisemitika-Sammlung von Martin Schlaff, der diese 1993 der Stadt Wien für das neue Museum schenkte; der Sammlung Stern, die das Museum 1994 erwarb - sowie aus weiteren Neuankäufen und Schenkungen.

Screening erst 2007/2008

Erst 2007/2008, also zehn Jahre nach Beginn der Provenienzforschung, wurden diese Teilsammlungen einem ersten "Screening" unterzogen. Man suchte nach Objekten mit Hinweisen auf mögliche Vorbesitzer bzw. anderen Hinweisen, die zu Rechtsnachfolgern führen könnten. Ausfindig gemacht wurden: 120 Gegenstände aus der Sammlung Berger, 97 Objekte aus der Sammlung Stern, zwei Bücher aus der Sammlung Schlaff, 270 Objekte aus der IKG-Sammlung - sowie ein Konvolut aus der Sammlung des Jüdischen Museums, das de jure in den Bestand der Kultusgemeinde gehört.

Im Jahr 2009 wurden auch die Bestände der Bibliothek durchforstet. Man fand 949 Bände aus dem IKG-Bestand und 34 Bände aus den städtischen Sammlungen mit Hinweisen auf Vorbesitzer. Die Ergebnisse wurden damals sowohl der Stadt Wien wie auch der IKG übergeben; passiert ist seitdem aber nicht viel.

Wer an den Versäumnissen Schuld hat, ist nicht einfach zu beantworten. Jeder weist sie von sich. Und das geht, da es eben mehrere Beteiligte bzw. mehrere Exdirektoren gibt, relativ einfach. In der IKG herrscht jedenfalls die Meinung: "Wir können nicht von anderen Museen verlangen, dass sie Provenienzen erforschen und Objekte restituieren - und das Jüdische Museum macht keine Rückgaben." Aus dem Museum war zu hören: " Nicht hudeln!"

Mit 1. Juli 2010 übernahm Danielle Spera die Leitung des Museums. Die Problematik wurde ihr erst mit der Zeit bewusst. Sie beteuert, vom Standard mit zwei Fällen konfrontiert: "Es gehört zurückgegeben, was unrechtmäßig erworben wurde. Da gibt es nicht einen Hauch des Zögerns!" Und: "Es ist eine Gemeinheit, dass so lange nichts passiert ist."

Nun Provenienzforschung

Die generelle budgetäre Situation sei allerdings, so Spera, "ein Witz". Sie habe bis dato von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny kein zusätzliches Geld für die neue Dauerausstellung bekommen, die eigentlich schon zu sehen sein sollte. Aufgrund der seit Jahren eingefrorenen Subvention gebe es zudem kaum mehr freie verfügbare Mittel für Dauerausstellungen. Bereits ihr Vorgänger habe das Kulturamt darauf hingewiesen, dass aufgrund der Probleme ab 2013 keine Sonderausstellungen mehr möglich seien. Dennoch sei ihr das Unmögliche geglückt, sagt Spera: Sie stellte nicht nur ein Programm auf die Beine, sondern finanziert seit Dezember 2011 auch eine Halbtagskraft, deren Aufgabe es ist, die fragwürdigen Objekte zu beforschen. Danielle Spera: " Erstmals in seiner Geschichte verfügt das Jüdische Museum nun über eine eigene Mitarbeiterin zum Thema Provenienzforschung."

Konkret konfrontiert wurde Spera u. a. mit dem Fall Jehudo Epstein. Wie am 28. Dezember 2011 berichtet, stieß der Kunsthistoriker René Schober bei seinen Recherchen über die erst 1979 gegründete Kunstsammlung der Angewandten auf ein restitutionswürdiges Gemälde. Es trägt den Titel Mädchen mit blonden Zöpfen in historischem Kostüm und wurde 1921 von Jehudo Epstein gemalt. Epstein ist heute in Vergessenheit geraten - auch deshalb, weil die Nationalsozialisten seine Signatur auf vielen Bildern übermalen ließen.

1936 hatte Epstein, auf längerer Studienreise in Südafrika, das Angebot des Strickwarenherstellers Bernhard Altmann angenommen, seine Gemälde in einem Lagerraum der Fabrik unterzustellen. Bei der Einlagerung wurde ein Inventar mit 172 Gemälden erstellt. Auch das Mädchen mit blonden Zöpfen befand sich darunter. Im März 1938 musste Altmann fliehen, die Fabrik wurde "arisiert".

Und Epstein blieb in Südafrika. Er starb am 16. November 1945 in Johannesburg. Seine Frau bemühte sich 1947 erfolglos, Auskünfte über den Verbleib der eingelagerten Güter zu erhalten. Das Dorotheum versteigerte später regelmäßig Gemälde von Epstein. Eines, eben das Mädchen mit blonden Zöpfen, erwarb der Gastronom und Galerist Kurt Kalb. Er schenkte es 1987 der Angewandten.

Epstein auch bei Leopold

Was passierte mit dem Rest? Gerüchteweise soll auch der Augenarzt Rudolf Leopold mehrere Epsteins erworben haben. Eine Verifizierung wurde von der Leopold-Museum-Privatstiftung aber fast ein Jahr lang verunmöglicht: Sie nahm ihre Datenbank mit den Provenienzangaben vom Netz - und gab auch auf schriftliche Anfragen keine Antwort. Erst nach mehrmaligem Nachfragen wurde der Standard am 19. Dezember 2012 informiert, dass sich insgesamt vier Werke Epsteins in der Privatstiftung befänden: die Ölgemälde Der Geigenspieler (1903), Michiko Meinl (geb. Tanaka) mit Blumenstrauß (1929) und Bäuerliches Interieur (1908) sowie die Tuschezeichnung Mann mit Hut. Zumindest Der Geigenspieler und Bäuerliches Interieur hatte Rudolf Leopold im Dorotheum erworben. Ob es sich um Raubkunst handelt, wurde bisher nicht untersucht.

Im Jüdischen Museum gibt es noch weit mehr Epstein-Gemälde. Erst nach mehrfacher Bitte war man bereit, die Titel bzw. Sujets der Werke bekanntzugeben. In der Sammlung des Jüdischen Museums befinden sich ein Selbstporträt (1919) und ein Männliches Porträt (1927), in der Sammlung Berger ein Porträt einer Dame, möglicherweise Anna Nordau (1902), als Legat Berger verfügt man über Interieur (ohne Jahr), David, harfespielend vor Saul (1896), Ein Bankier (1900), Jüdische Grabmäler (aus den 1900er-Jahren), Max Nordau (1901), An den Gräbern (um 1905), Porträt einer Dame (1920), Die Kaffeestunde. Fanny, die Schwester des Künstlers (1922) und Selbstporträt (aus den 1930er-Jahren).

Mit keinem Wort erwähnte Spera in den Gesprächen mit dem Standard das Epstein-Gemälde Italienische Landschaft. Es befindet sich in der Sammlung der IKG und wurde im Jüdischen Museum verwahrt. Am 11. Oktober 2012 beschloss die IKG einstimmig, das Gemälde "als während der NS-Zeit entzogenes Kunstwerk an die RechtsnachfolgerInnen von Jehudo Epstein zurückzugeben". Es war der IKG um 1970 von staatlichen Stellen als " jüdisches Restvermögen" übergeben worden.

Die Erben - sie wohnen in England - wurden ausfindig gemacht. Demnächst, wohl noch im Jänner, sollen sie von der IKG die Italienische Landschaft und von der Angewandten das Mädchen mit blonden Zöpfen zurückerhalten. In der IKG erwartet man, dass nun auch das Jüdische Museum der Stadt Wien der moralischen Verpflichtung zur Rückgabe nachkommt. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 5./6.1.2013)
  • 172 von ihm eingelagerte Bilder gingen in der NS-Zeit verloren, seine 
Signatur wurde von den Nationalsozialisten übermalt, sein Name 
ausgelöscht: Jehudo Epstein - hier auf einem Selbstporträt aus den 
1930er-Jahren, das sich im Jüdischen Museum Wien befindet.
    foto: jüdisches museum wien

    172 von ihm eingelagerte Bilder gingen in der NS-Zeit verloren, seine Signatur wurde von den Nationalsozialisten übermalt, sein Name ausgelöscht: Jehudo Epstein - hier auf einem Selbstporträt aus den 1930er-Jahren, das sich im Jüdischen Museum Wien befindet.

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