Der Faktenromancier

4. Jänner 2013, 17:21
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Gegen Darabos war kein Wehrpflichtkraut gewachsen, wobei sich Lopatka selbst besiegte

Das Jahr der unzähligen Politentscheidungen hebt kurios an - es ist von einer ministeriellen TV-Metamorphose zu berichten: Ob Verwandlungsminister Norbert Darabos durch den Puls-4-Kracher Austria's Next Topmodel Motivation abbekam, da ehrgeizige Damen unter Bundesheeranleitung einen Army-Parcours absolvierten und durch ihre qualvolle Grenzerfahrung die Wichtigkeit des Heeresthemas untermauerten, ist schwer zu sagen.

Auch kann nicht eindeutig geklärt werden, ob Darabos' ZiB 2-Auftritt mit autohypnotisch herbeigeführter Siegesgewissheit (20. 1., Wehrpflichtabstimmung) zusammenhängt oder mit der womöglich lukrativen Aussicht, im Falle einer Niederlage den Verteidigungsjob los zu sein. Jedenfalls war er nicht mehr der schüchterne Sucher nach fehlerfreien Sätzen. Vielmehr animierte ihn jede Frage zum flüssigen Spontanroman aus Zahlen und Fakten. Seinen Kontrahenten, ÖVP-Staatssekretär Reinhold Lopatka, hörte man oft nur noch um Contenance ringend ächzen oder mit der Tatsache hadern, dass Darabos auch den Diskussionsknigge wegwarf und Lopatkas Redefluss gerne mit kleinen Wortpfeilen triezte.

Gegen Darabos war also kein Wehrpflichtkraut gewachsen, wobei sich Lopatka selbst besiegte: Armin Wolf fragte am Ende, wo das ÖVP-Gegenkonzept zu Darabos' Berufsheerfantasien bleibe. Mehr als "Es gibt ganz klare Vorstellungen der ÖVP" kam indes nicht. Auch als Wolf nachbohrt, bleibt es bei der schönen, aber ergänzungswürdigen Formulierung.

Darabos war da gerade nicht im Bild. Aber man darf sich ihn als Genießer vorstellen, den nun endgültig die Gewissheit durchströmte, überraschend ins TV-Jahr gestartet zu sein. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 5./6.1.2013)

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