Geschichte eines Niedergangs

4. Jänner 2013, 18:14
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Kitsch und Krimis beherrschen die aktuelle Literatur Italiens. Karin Fleischanderl erinnert in "Verspieltes Italien" an bessere Zeiten

"Ich ertrage weder Ehekrisen noch Kindheitserinnerungen, ich verabscheue sie." Im ältesten Beitrag dieser italienischen Sammlung, einem Interview aus dem Jahr 1985, erklärt Luigi Malerba ein Symptom des damals schon " schwächelnden" Literaturnachwuchses.

Man schreibe, sagte Malerba, in Italien seit einigen Jahren Romane über Ehekrisen, "denn andere Erfahrungen machen die italienischen Autoren offenbar nicht", mit Ausnahme allenfalls noch ihrer Erlebnisse aus dem Verlagswesen. Ein höchst bescheidener thematischer Hintergrund also, der beweise, "dass die Autoren kein gutes Verhältnis zur Gesellschaft haben."

1985, möchte man meinen, war die Lage immer noch besser als heute, gab es da doch immerhin noch einen Luigi Malerba, mit dem man Interviews führen konnte, oder einen Alberto Moravia, einen Gesualdo Bufalino oder einen Giorgio Manganelli.

Ihre Gespräche mit diesen Schriftstellern hat die Literaturkritikerin und Übersetzerin Karin Fleischanderl nebst einer Reihe von Essays, etwa über den Polemiker Pasolini, den wandelbaren Surrealisten Alberto Savinio, oder, neueren Datums, über das "italienische Krimiwunder", soeben unter dem Titel Verspieltes Italien in Buchform herausgebracht. Es ist dies eine ebenso pointierte wie anspruchsvolle kleine Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts, ein nostalgisch stimmender Rückblick und zugleich ein ernüchternder Lagebericht zur aktuellen italienischen Literatur, die mittlerweile ausschließlich aus glatter belletristischer Massenware aus dem Krimi- und Kitschsektor zu bestehen scheint.

Was also ist schiefgelaufen in Italien, diesem Sehnsuchtsland nicht nur Goethes, sondern auch von Generationen seit dem Wirtschaftsboom immer wieder anreisender, vom "lustvollen Chaos" (Fleischanderl) der Halbinsel faszinierter Sommerurlauber, das in den Nachkriegsjahren auf einem kulturell unwahrscheinlich reichen Boden eine beachtliche Entwicklung der modernen Nationalliteratur vollzog? Die Urlaubsreisenden bewirkten mit ihrer Begeisterung in den Achtzigerjahren einen Höhenflug der italienischen Literatur im deutschen Sprachraum. Eine Flut von Übersetzungen und Anthologien ermöglichte es ihnen, sich auch zu Hause an der spielerischen Heiterkeit zu erfreuen, die die Romanistin Alice Vollenweider damals als Hauptmerkmal der italienischen Gegenwartsliteratur definierte: die Komik "in allen Schattierungen", die ein Vertrauen in die Kraft der Fantasie ausdrücke und Raum schaffe für " einen spielerischen Umgang mit der Sprache und den Strukturen des Erzählens".

Die Stimmung ist gekippt, schreibt Fleischanderl. Unter seinem ehemaligen Ministerpräsidenten, der Italien selbst als "Scheißland" bezeichnet hat, sei der Zauber verflogen, das "Tricksen, Schummeln und Durchwursteln nicht nur auf höchster, sondern auch auf unterster Ebene" wird von uns Italophilen nicht länger romantisch verklärt, sondern als " beklagenswerte Unreife" eingestuft. Für den Bereich der deutschsprachigen Publikationen bedeutet das: politische Analysen anstelle literarischer Heiterkeit.

Über den genauen Zeitpunkt des politisch-kulturellen "Niedergangs" mögen italienische Historiker wie Paul Ginsborg (Italien retten, Wagenbach 2010) befinden, erstaunlich ist allemal, wie der Schriftsteller Mario Fortunato beklagt, dass die turbulente, häufig von Skandalen erschütterte Politik des zeitgenössischen Italien kaum Niederschlag in der Literatur finde: "Möchte man etwas von der politischen Wirklichkeit wiederfinden, muss man bis in die Sechzigerjahre zurückgehen. Danach gibt es nur noch Gestammel".

Mit viel Verve verteufelt Karin Fleischanderl indes die literarische Postmoderne, die in Italien mit Umberto Ecos Bestseller Der Name der Rose 1980 einsetzte und "literarischen Anspruch mit Verkaufszahlen vereinbaren" wollte, als Bildungsgut, das zu "Schleuderpreisen unters Volk" gebracht wird. Damit ist sie nicht allein. Schon der italienische Kritiker Gian Carlo Ferretti fragte, weshalb sich die italienischen Autoren gezwungen sehen, an die Regeln des Marktes angepasste " anspruchsvolle Romane" herauszubringen und nicht einfach den Mut aufbringen, den programmatisch kommerziellen Roman zu schreiben: "gut konstruiert, aber bar jeder Ambitionen".

Fleischanderl, die als Übersetzerin einen geschulten, von profunder Kenntnis der Literaturgeschichte gestützten und doch immer wieder neugierigen, optimistischen Blick auf die neue italienische Literatur wirft, stützt sich auf den britischen Soziologen und Politologen Colin Crouch, wenn sie den Rückzug der bürgerlichen Gesellschaft aus der Politik auch in der Literatur abgebildet sieht - eine Reaktion aus " Schweigen und Langeweile", die Crouch bei den Bürgern postdemokratischer Gesellschaften feststellt.

Die Merkmale der Postdemokratie, in der sich der Staat durch rabiate Märkte aus seinen angestammten Funktionen zurückdrängen lässt, sind für die italienische Literaturproduktion längst schon Realität. In Italien gibt es keine staatlichen Förderungen für Autoren und Verlage, wer überleben will, muss auf dem Markt reüssieren. Wie wird es also weitergehen? Fleischanderls Prognose ist eine düstere. Nach dem " postmodernen Kitschroman" sehe sich die italienische Belletristik nicht länger gezwungen, auf die Reserve an kulturellen Materialien zurückzugreifen, man habe vielmehr die "totale Trivialisierung" erreicht. (Isabella Pohl, DER STANDARD, Album, 5./6.1.2013)

Karin Fleischanderl, "Verspieltes Italien. Essays zur italienischen Literatur". € 18,- / 168 Seiten. Sonderzahl, Wien 2012

  • Mittlerweile ist die totale Trivialisierung erreicht: Karin 
Fleischanderl über die aktuelle Literatur Italiens.
    foto: andy urban

    Mittlerweile ist die totale Trivialisierung erreicht: Karin Fleischanderl über die aktuelle Literatur Italiens.

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