Auch diese Wüste lebt

5. Jänner 2013, 17:32
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Die Sahara hat ihren Biografen gefunden: Ralph Austen beschreibt sie unvermutet als einen Ort der Begegnung und des Austausches

"Die Sahara ist ein paradoxer Ort." So setzt das Buch von Ralph A. Austen ein. Was aber ist an diesem Wüstenmeer, das sich quer durch Afrika zieht und das größte der Welt ist, "paradox", wie der emeritierte Professor für Afrikanische Geschichte an der renommierten University of Chicago meint - außer der offensichtlichen Menge an Sand, der kein Ende nimmt und keinen Anfang aufzuweisen scheint? Dabei täuscht bereits Letzteres. Denn gerade einmal ein Viertel der 9,4 Millionen Wüstenquadratkilometer ist heute sandbedeckt, den Rest bilden Geröll, trockene Felsebenen und Plateaus, hie und da eine Oase.

Es gehört Chuzpe dazu, ein weit mehr als 1000 Jahre umspannendes geopolitisches und welthistorisches Thema auf etwas mehr als 200 Druckseiten abhandeln zu wollen. Ist das nicht anmaßend? Und dann auch noch sich als Thema ausgerechnet die Sahara, wörtlich übersetzt nichts anderes denn "Wüste" bedeutend, aussuchen? Ginge es nicht vielleicht eine Nummer kleiner, ohne die Gefahr, kläglich zu versanden?

Denn schließlich setzt sich der geschichtliche Bogen, nimmt man eine seriöse Geschichte der Sahara in Angriff, wie das nun Austen macht, aus schier unüberschaubaren Partikeln zusammen, sind völlig unterschiedliche, sich zum Teil grundlegend voneinander unterscheidende Zeitschichten zu analysieren: vom unter den Nachfolgern des Propheten Muhammed im 8. Jahrhundert extrem dynamischen Islam über den Ausgang des Mittelalters, als die Sahara als Handelsraum - vom Westsudan bis Ägypten, vom Senegal bis zum Nil, von Safi in Marokko bis Kairo - ihren Anfang nahm, und den Sklavenhandel bis zum Imperialismus des 19. Jahrhunderts, den Kolonial- und Befreiungskriegen des 20. Jahrhunderts und den Transformationen des frühen 21. Jahrhunderts wie jüngst etwa den verheerenden Bilderstürmereien fundamentalistischer Extremisten in Timbuktu und der Ausrufung eines unabhängigen Tuaregstaates, die Austen beide noch berücksichtigt.

Gleich zu Beginn löckt er wider den konventionellen Bildungsstachel, indem er die Sahara nicht als wüste, lebensabweisende, ja feindliche Zone beschreibt, sondern er bezeichnet sie vielmehr als expansives " Zentrum einer eigenen afrikanischen Welt" und den Handel durch die Sahara als Konterpart der Seefahrt auf den Ozeanen. "Wann und wie", fragt er unaufgeregt, "begann der Transsahara-Handel also tatsächlich? Welche afrikanischen Völker - innerhalb der Wüste wie auch an ihren Rändern - waren an diesem Unternehmen in seinem Frühstadium aktiv beteiligt? Inwiefern ergänzten die neue Religion und Gesellschaft des Islam den Einfluss früherer Zivilisationen auf diese Region?"

Austens Darstellung setzt einige Jahrtausende vor Christi Geburt ein mit Geografie, Geologie und Klimahistorie. Er beschreibt klar und verständlich, wie im Neolithikum die Sahara in Zeiten von Dürre, Feuchtigkeit dank Niederschlägen und erneut auftretenden Dürrezeiten als " Pumpe" (Austen) funktioniert. Von dort geht er weiter zu den Völkern und Zivilisationen, die in der Sahara siedelten, lebten, sich durchschlugen und Zeugnisse ihrer Kultur hinterließen, Felszeichnungen beispielsweise im Hoggar-Gebirge in Südwestlibyen. Elegant ist dann der Übergang seiner Erzählung zum Aufkommen großer und wichtiger Städte, an der Spitze das sagenumwobene Timbuktu. Und zum Handel. Denn die Sahara trennte nicht, sondern, wie Austen einsichtig argumentiert, sie verband. Durch den Handel mit Gütern und mit Menschen, von Nord nach Süd, von Ost nach West und retour.

Dem Karawanenhandel und der lokalen afrikanischen Wirtschaft ist das zweite Kapitel gewidmet, und im Mittelteil schildert Austen den Kampf um die Herrschaft über die Sahara und ihre dezent ironisch "Ufer" titulierten fluiden Grenzen. Rolle, Bedeutung des Islam wie dessen Folgen und Einflüsse, von ihm "Islamicate" getauft, umreißt er anschließend in zwei klug aufgebauten Kapiteln. Das letzte Sechstel ist schließlich dem Einbruch Europas und der europäischen Moderne vorbehalten, der für die transsaharischen Verbindungen, Kontakt- und Kommunikationswege einen tiefen Bruch darstellte. Andererseits ist jedoch auch für das Zeitalter des Kolonialismus ein Weiterwirken von Kontinuitäten zu konstatieren.

Das gegenüber der englischen Originalausgabe, 2010 erschienen bei Oxford University Press, durch zahlreiche Abbildungen erweiterte und, wie Austen unprätentiös zugibt, dank des Übersetzers Matthias Wolf und des deutschen Verlagslektorats von manchem Fehler bereinigte und aktualisierte Buch, das so mancher englischsprachige Kritiker schon wärmstens für Unterrichtszwecke empfahl, ist argumentativ überzeugend und in seiner Durchdachtheit stupend. Hier schafft es ein Hochschulordinarius, weit ausgreifendes und profundes Wissen detailreich auf engem Raum mit leichter Hand unterzubringen, ohne über die Köpfe der Leserschaft hinwegzuschreiben. Und ohne fahrlässig Verkürzungen anzubringen. Die Sahara kann sich über einen solchen "Biografen" glücklich schätzen. (Alexander Kluy/DER STANDARD, 5./6. 1. 2013)


Ralph A. Austen, "Sahara. Tausend Jahre Austausch von Ideen und Waren". Aus dem Englischen von Matthias Wolf. € 25,60 / 224 Seiten. Wagenbach-Verlag, Berlin 2012

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    coverfoto: wagenbach
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