Im Zweifel für die angeklagte Christin

4. Jänner 2013, 17:48
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Mit der europäischen Erstaufführung von David Mamets Psychoduell "Die Anarchistin" gelingt Martin Kusej am Residenztheater in München großes Schauspielerinnentheater mit Cornelia Froboess

München - Unter keinem guten Stern schien die europäische Erstaufführung des neuen Stücks von David Mamet zu stehen. Aus organisatorischen Gründen zunächst verschoben, musste die kurz vor Weihnachten angesetzte Premiere wegen eines plötzlichen Schwächeanfalls von Cornelia Froboess bereits nach einigen Minuten abgebrochen werden.

Die Uraufführung am New Yorker Broadway (mit Debrah Winger und Petti Lu Pine), die in der Inszenierung des Autors ursprünglich hätte zeitgleich herauskommen sollen, ist inzwischen nach wenigen Vorstellungen abgesetzt worden. Die amerikanischen Kritiken waren vernichtend: Zu untheatralisch, zu philosophisch aufgeladen sei dieser Dialog zweier alt gewordener Frauen. Die Staatsanwältin Ann hat vor ihrer Pensionierung noch ein Gutachten über das Begnadigungsgesuch der ehemaligen Terroristin Cathy zu erstellen und verhört sie.

Glaube und Berechnung

Cathy, der die Erschießung eines Polizisten zur Last gelegt wird, sitzt bereits seit 35 Jahren im Gefängnis. Inzwischen hat sie sich zum christlichen Glauben bekehrt, darüber auch ein Buch geschrieben. Sie hofft auf Vergebung. Ist ihr Glaube aber nicht nur Taktik, um eine Begnadigung zu erreichen? Andererseits: Was am Glauben ist überprüfbar und "echt"? Und mit welchem Recht, mit welcher Taktik und in wessen Namen handelt die erbarmungslose Staatsanwältin?

Mamet setzt wie in allen seinen Stücken die Zuschauer einem unaufhörlichen Wechselbad aus, für und gegen wen sie Partei ergreifen sollen. In Oleanna, Mamets wohl bekanntestem Drama - an das Die Anarchistin öfter erinnert -, hatten sich allerdings die Machtpositionen von Akt zu Akt effektvoll umgekehrt. Der Dozent in Oleanna, der zunächst machtbewusst über Wohl und Wehe seiner Studentin entscheiden kann, sieht sich ganz plötzlich mit dem Vorwurf der sexuellen Belästigung konfrontiert und selbst in seiner Existenz bedroht. Die Terroristin findet hingegen aus den Verhören der Staatsanwältin keinen Ausweg, bestenfalls kann sie ihrer Gegenspielerin intellektuell überlegen erscheinen.

Paradoxerweise erweist sich jedoch gerade in diesem Minimalismus die Theatralik des Stücks. Obwohl über eine halbe Stunde länger als die Uraufführung am Broadway, verliert Kusejs präzise Inszenierung nie an Spannung.

Der Sprachfluss ist geradezu musikalisch komponiert. Das Staccato der nachbohrenden Fragen der verhärmten, etwas voyeuristischen Anwältin (Sibylle Canonica) prallt auf die oft burschikose, dann wieder einzelne Worte ruhig abtastende Resignation der Terroristin (Froboess). Keine Studioproduktion, sondern im großen Haus großes Schauspielerinnen-Drama - eine Konfrontation von Königinnen wie Elisabeth und Maria Stuart!

In Friedrich Schillers Drama feierte Conny Froboess, der Schlagerstar der 50er- und 60er-Jahre, ihre ersten großen Schauspiel-Erfolge. Und wenn sie abgeklärt, aber auch leicht schnoddrig an die Träume ihrer Jugend erinnert, fragt man sich empathisch wie bei der Terroristin Cathy: War sie vor 35 Jahren eine andere? Können Menschen sich tatsächlich ändern? (Bernhard Doppler, DER STANDARD, 5./6.1.2013)

  • Zwei Damen und zweierlei Arten, recht zu behalten: Cornelia Froboess und Sibylle Canonica spielen Mamet in München.
    foto: matthias horn

    Zwei Damen und zweierlei Arten, recht zu behalten: Cornelia Froboess und Sibylle Canonica spielen Mamet in München.

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