Die Frauen Äthiopiens befreien sich durch Bildung

Reportage8. Jänner 2013, 05:30
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Junge Frauen im Hochland kämpfen für Unabhängigkeit und gehen dafür sieben Tage in der Woche zur Schule

In der Klasse von Birkinesh Alemu sitzen dicht gedrängt 78 Mädchen. Es ist Samstag und in Qarssa, einem Dorf in der Arssi-Region im Hochland Äthiopiens, scheint die Sonne. Doch die Frauen der elften Klasse sitzen zu viert auf ihren eineinhalb Meter langen Sitzbänken in dem schummrigen Klassenraum ohne elektrisches Licht. Sieben Tage die Woche, acht Stunden am Tag. Sie wollen die Schule schaffen und arbeiten für ihr Ziel mit ganzer Kraft. Denn für sie gibt es nur einen Ausweg aus Armut und Unterdrückung durch Männer: Bildung.

Drei Millionen Menschen leben hier im Hochland rund 250 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Addis Abeba. Der Ort Qarssa breitet sich entlang einer staubigen Straßen aus. Pferdewagen sind das bequemste Fortbewegungsmittel, die meisten Menschen sind jedoch zu Fuß unterwegs. Packesel schleppen kiloweise Brennholz, Reis oder Baumaterial. In der Arssi-Gesellschaft waren Frauen bisher den Männern untergeordnet. Doch es gibt schon Brüche im Gefüge. Die Schülerinnen klingen und handeln selbstbewusst. Das begünstigt auch eine andere Art zu unterrichten. Diskussion und Gruppenarbeit werden hier gefördert, frontaler Unterricht so weit wie möglich vermieden.

Auch Birkinesh Alemu wirkt nicht schüchtern, wenn sie über ihre Pläne spricht. Sie will studieren und Journalistin werden. "Ich möchte die Frauen Äthiopiens in meinen Artikeln zum Beispiel darüber aufklären, dass es ein Nachteil ist, sehr früh zu heiraten", sagt sie energisch und in gutem Englisch. Die 20-Jährige weiß, wovon sie spricht: Sie ist selbst seit Jahren verheiratet und hat ein zweijähriges Kind. Auch viele ihre Kolleginnen sind schon Mütter. Im Gegensatz zu einigen anderen Schülerinnen suchte sie sich ihren Mann, einen Gleichaltrigen, aber selbst aus. Eigentlich war das eine Notlösung: Ihr alkoholkranker Vater wollte sie an einen älteren Mann verheiraten. Ihr Ehemann, ein Tagelöhner in der Holzwirtschaft, wisse, wie wichtig ihre Ausbildung ist. Daher unterstütze er sie auch bei der Betreuung des Kindes und der Hausarbeit, berichtet Alemu. 

Wenige Frauen schaffen einen Schulabschluss

Mehr als die Hälfte der Äthiopier sind Analphabeten. Auch heute noch gibt es nur wenige Länder, in denen die Einschulungsrate so niedrig ist. Nur rund 80 Prozent der Kinder kommen überhaupt in die Volksschule, berichtet die UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. 43,6 Prozent brechen noch während Grundschulzeit ab, meist arbeiten sie stattdessen in der Landwirtschaft mit. Nur ein Zehntel der verbleibenden Schüler besucht eine weiterführende Schule. Auch in Qarssa kommen nur fünf Prozent aller eingeschulten Kinder in die elfte Klasse, und nur jedes zwanzigste davon ist ein Mädchen.

"Man braucht Selbstbewusstsein, dann kann man alles erreichen", sagt Alemu mit fester Stimme. Dieses Mantra wiederholen viele junge Frauen in der Schule in Qarssa. Im Gespräch geben sie sich diszipliniert, ehrgeizig und richten den Blick stets nach vorne, auf eine bessere Zukunft. Insgesamt 800 Mädchen nehmen die anstrengende Sieben-Tage-Woche jahrelang in Kauf, um die Chance auf einen Besuch der Universität zu bekommen. Dafür müssen sie die zwölfte Klasse abschließen. 200 Mädchen bekommen ein Stipendium von 100 Birr pro Monat, umgerechnet etwas mehr als vier Euro. Die Schule wurde von der österreichischen Dreikönigsaktion gebaut, die auch die Stipendien bezahlt.

Sicherheit für besseren Lernerfolg

Die meisten Schülerinnen stammen aus weit entlegenen Dörfern. Sie kommen entweder bei Verwandten in Qarssa unter oder zahlen einen kleinen Betrag für ein Zimmer. Die Dreikönigsaktion und ihre lokale Partnerorganisation kontrollieren die Unterkünfte, damit die Frauen nicht belästigt oder ausgebeutet werden. "Sowohl Schule als auch Schlafplatz sollen Orte sein, wo sich die Frauen sicher fühlen können", sagt der Direktor.

Ein Dorf baut sich eine Schule

Die Qualität der staatlichen Schulen und des Lehrpersonals ist oft sehr schlecht, auf einen Lehrer kommen im Schnitt 59 Schüler. Durchschnittlich 64 Kinder teilen sich ein Klassenzimmer, berichtet die UNICEF. Daher beschlossen die Dorfbewohner von Anno, einem Ort rund 20 Kilometer von Qarssa entfernt, eine Schule zu bauen. Alles wurde von eigener Hand gebaut, vieles ist improvisiert. Doch die Lehrer sind professionell ausgebildet, motiviert und bekommen dafür 30 Prozent mehr Gehalt. Zudem gibt es ein Finanzierungsmodell für sozial schwache Familien.

Die Dorfgemeinschaft legte dafür ihr hart erspartes Geld zusammen. Die gemeinsame Hoffnung lautet: Die Kinder sollen es einmal besser haben. "Die Erwachsenen akzeptieren, dass ihre Kinder teilweise mehr wissen. Denn das verbessert auch unser Leben", sagt die 49-jährige Nurre Wolfaro, die ein wichtiger Motor des Projekts ist. Die finanzielle Unterstützung kommt auch hier von der Dreikönigsaktion.

Junge Frauen lassen sich weniger gefallen

Wolfaro sitzt in einem Haus, nur wenige Meter von der Schule entfernt, und berichtet, was sich in den vergangenen Jahren verändert hat. Viele Eltern würden nun begreifen, dass es wichtig ist, den Mädchen nach der Schule Zeit für das Lernen zu geben. "Wir verändern die Dorfgemeinschaft", ergänzt sie stolz. Junge Frauen würden sich heute weniger von Männern gefallen lassen, das liege auch an der Bildung, ist sie überzeugt.

Alphabetisierungskurse der älteren Frauen

Die Energie und Entschlossenheit der Jungen färbt ab. Auch einige Frauen außerhalb des Schulalters schließen sich bereits zusammen, um gemeinsam das Versäumte nachzuholen. Mit Lesen, Schreiben und Rechnen steigt auch ihr Selbstbewusstsein. "Wir arbeiten von früh bis spät, kümmern uns um Kinder, Küche und Feld, haben aber keine Rechte. Das wenige, das wir mit unseren Händen erwirtschaften, gehört den Männern", berichtet Wolfaro. In ihrem Haus haben vor ein paar Jahren einige Frauen begonnen, Lesen und Schreiben zu lernen. 

Nurre Wolfaro macht eine Pause und streicht sich ihr Kleid glatt. Danach fixiert sie ihr Gegenüber fragend mit den Augen: "Glauben Sie, dass es überhaupt noch möglich ist, in meinem Alter zu lernen?" Die Antwort auf ihre rhetorische Frage wartet sie gar nicht mehr ab. Mit einer abwinkenden Handbewegung und einem Lächeln ergänzt sie: "Ich möchte lernen, bis ich sterbe." (Julia Schilly, derStandard.at, 8.1.2013)

>>> Nachlese der Reportage: Sexuelle Gewalt gegen Frauen in Äthiopien

Sternsingeraktion

Rund 85.000 Mädchen und Burschen sammeln auch in diesem Jahr wieder Geld für 500 Hilfsprojekte in Asien, Afrika und Lateinamerika. Im Vorjahr kamen 14,7 Millionen Euro zusammen. Das diesjährige Schwerpunktland der Dreikönigsaktion, des Hilfswerks der Katholischen Jungschar, ist Äthiopien.

Weitere Informationen

Dreikönigsaktion

Spenden: PSK BANK
Empfänger: Dreikönigsaktion
BLZ: 60000, Kto.-Nr.: 93000330
IBAN: AT236000000093000330
BIC: OPSKATWW

  • Drei bis vier junge Frauen teilen sich eine Schulbank in der elften Klasse im Ort Qarssa südlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Und zwar sieben Tage die Woche.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Drei bis vier junge Frauen teilen sich eine Schulbank in der elften Klasse im Ort Qarssa südlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Und zwar sieben Tage die Woche.

  • Nur nach Abschluss der zwölften Klasse dürfen sie eine Universität besuchen.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Nur nach Abschluss der zwölften Klasse dürfen sie eine Universität besuchen.

  • Birkinesh Alemu (im Bild vorne) will Journalistin werden. Sie hat bereits ein zweijähriges Kind.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Birkinesh Alemu (im Bild vorne) will Journalistin werden. Sie hat bereits ein zweijähriges Kind.

  • 57,3 Prozent der Äthiopier sind Analphabeten, besonders in der Arssi-Region rund um Qarssa ist die Armut sehr hoch.
    karte: derstandard.at/jus

    57,3 Prozent der Äthiopier sind Analphabeten, besonders in der Arssi-Region rund um Qarssa ist die Armut sehr hoch.

  • Das Schulsystem ist schlecht: Nur wenige Kinder schließen eine höhere Schule ab.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Das Schulsystem ist schlecht: Nur wenige Kinder schließen eine höhere Schule ab.

  • Das Dorf Anno im Hochland Äthiopiens hat sich daher eine eigene Schule gebaut und beschäftigt gut ausgebildetes Lehrpersonal.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Das Dorf Anno im Hochland Äthiopiens hat sich daher eine eigene Schule gebaut und beschäftigt gut ausgebildetes Lehrpersonal.

  • "Die Kinder sollen es einmal besser haben als wir", lautet das Credo.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    "Die Kinder sollen es einmal besser haben als wir", lautet das Credo.

  • Auch die Erwachsenen schließen sich mittlerweile zu Lerngruppen zusammen und holen das Versäumte nach.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Auch die Erwachsenen schließen sich mittlerweile zu Lerngruppen zusammen und holen das Versäumte nach.

  • Mit Lesen, Schreiben und Rechnen steigt auch ihr Selbstbewusstsein.
    foto: derstandard.at/julia schilly

    Mit Lesen, Schreiben und Rechnen steigt auch ihr Selbstbewusstsein.

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