Fahrplanwechsel für Westbahnwanderer

4. Jänner 2013, 16:55
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Durch die Freigabe des Wienerwaldtunnels ist eine Streckenwanderung über den Schildberg noch reizvoller geworden

Für die Erbauer der Kaiserin-Elisabeth-Westbahn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete der Schildberg trotz seiner geringen Höhe ein arges Hindernis, dem sie mit einem Bogen nach Norden zwischen Böheimkirchen und Pottenbrunn ausweichen mussten. Seit dem letzten Fahrplanwechsel allerdings hat er diese "Funktion" verloren, denn die neue Hochleistungsverbindung von Wien nach St. Pölten führt durch den Wienerwaldtunnel, und auf der alten Westbahn ist es mittlerweile sehr ruhig geworden. Lokalzüge verkehren aber immer noch in regelmäßigen Abständen, was eine recht interessante Streckenwanderung ermöglicht.

Vor allem wenn man sich zu einem Abstecher auf der blauen Markierung Richtung Mechters entschließt, bietet sich vom Waldrand des Platten- und Kollerbergs eine unerwartete Aussicht, von der es in einer älteren Beschreibung heißt: "Über dem Wienerwald zeigen sich Schneeberg und Lilienfelder Alpen, der Ötscher, und im fernsten Südwesten heben sich an Föhntagen die Umrisse der Ennstaler Alpen vom Horizont ab."

Interessant ist der Winzling Schildberg auch wegen seiner Vergangenheit. Auf seinem Plateau finden sich Spuren sehr früher Besiedelung, die nicht durch die Hochwässer der Perschling und des Michelbachs gefährdet waren. Die Edlen von Mechters, deren Wohnsitz sich nicht mehr eruieren lässt, taten sich als Raubritter und Wüstlinge hervor.

Böheimkirchen scheint schon um 990 in einer Urkunde als Persnicha - also nach der Perschling benannt - auf, in dem die Böhmen ackerten. Im 11. Jahrhundert wird es schon als Peihaimschirchen bezeichnet.

Es gibt auch einen Weiler Schildberg, der urkundlich erstmals 1248 aufscheint und bis vor wenigen Jahren sogar noch eine Haltestelle der Bahn besessen hat.

Von Wanderern wird der Schildberg höchst selten aufgesucht, hie und da kommen ein paar Pilger zu einem am Weg liegenden Wallfahrerkreuz. Die Tour bietet schon wegen der geringen Höhenunterschiede und der mäßigen Steigungen keine Schwierigkeiten, vermittelt aber einen sehr guten Eindruck von einem wenig bekannten Teil Niederösterreichs.

Markierungen und Beschilderungen sind in Ordnung, in der Bundesamtskarte ist allerdings die direkte Route von der Abzweigung nach Mechters bis zur Haltestelle Pottenbrunn nicht als markiert eingezeichnet.

Die Wanderroute: Vom Bahnhof Böheimkirchen folgt man der roten Markierung nach Westen, quert unter der Westbahn durch und erreicht über freies Gelände den Wald. Mit mäßigen Steigungen geht es auf die Hochfläche und zur Abzweigung nach Mechters. Gehzeit 1½ Stunden. Nun folgt man nach links der blauen Markierung bis zum Waldrand, um die Aussicht ins Alpenvorland zu genießen, und kehrt dann zur Abzweigung zurück. Für den Abstecher braucht man eine Stunde.

Weiter auf der roten Markierung, die in einer weiten Kehre talwärts führt. Das letzte Stück verläuft durch Felder zum Bahnhof Pottenbrunn. Gehzeit ab Abzweigung nach Mechters eine Stunde. (Bernd Orfer, DER STANDARD, Album, 05.01.2013)

  • Der Bahnhof Böheimkirchen ist Ausgangspunkt für die Wanderung.

    Der Bahnhof Böheimkirchen ist Ausgangspunkt für die Wanderung.

  • Gesamtgehzeit 3½ Stunden, Höhendifferenz unter 200 m. Kein Stützpunkt 
auf der Strecke. ÖK25V Blatt 4324-West (Herzogenburg), Maßstab 1:25.000.
    grafik: der standard

    Gesamtgehzeit 3½ Stunden, Höhendifferenz unter 200 m. Kein Stützpunkt auf der Strecke. ÖK25V Blatt 4324-West (Herzogenburg), Maßstab 1:25.000.

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