Kroatien: Ortstafelstreit rührt an Kriegserinnerung

3. Jänner 2013, 19:16
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Die kroatische Regierung will heuer ein Verfassungsgesetz umsetzen, wonach überall, wo mehr als ein Drittel der Bevölkerung Serben sind, auch Ortstafeln in kyrillischer Schrift angebracht werden. Im einst heftig umkämpften Vukovar ist dies ein Politikum

"Kyrillisch, Sexualerziehung zur Pädophilie, die Erhöhung der Mehrwertsteuer!" Ein Leser von Jutarnji List kann sich gar nicht genug über die Regierung empören. "Reg dich nicht so auf", antwortet ihm ein anderer im Posting. "An erster Stelle wird der Ortsname ohnehin in lateinischer Schrift stehen, sodass sogar du das lesen kannst." Neben der Einführung des Sexualkundeunterrichts sorgen die geplanten Ortstafeln in kyrillischer Schrift in mindestens 20 Gemeinden, darunter Vukovar, gerade für heftige Emotionen in Kroatien. Die Verfassung sieht Ortstafeln in lateinischer und kyrillischer Schrift vor, wenn mehr als ein Drittel der Bevölkerung eines Ortes Serben sind.

Laut dem Zensus 2011 sind 34,8 Prozent der Einwohner Vukovars Serben. Doch manche kroatischen Nationalisten unterstellen ihnen nun, nur zur Volkszählung nach Kroatien gekommen zu sein und eigentlich in Serbien zu leben. Sie fordern eine neue Zählung.

Das Thema Ortstafeln ist heikel, rührt es doch an den Krieg, der insbesondere in Vukovar so tiefe Wunden gerissen hat, dass von einem Miteinander der beiden Volksgruppen in der Stadt an der Grenze zu Serbien nicht die Rede sein kann. Vor allem Veteranenverbände kündigen Widerstand an und fordern, dass in Vukovar aus "symbolischen" Gründen keine kyrillische Schrift verwendet wird. Andere wollen ein Zehnjahresmoratorium für Vukovar.

Geteilte Stadt

Vukovar wurde im Sommer 1991 von den Truppen der Jugoslawischen Volksarmee (JNA) und serbischen Freischärlern angegriffen. Nach heftigem Beschuss - die Stadt wurde großteils zerstört, etwa 1400 Menschen getötet und schwere Kriegsverbrechen an Kroaten verübt - fiel Vukovar im November 1991. Bis heute gehen serbische und kroatische Kinder in verschiedene Schulen, nicht einmal im Café sitzt man gemeinsam.

Der serbische Politiker Srdjan Milakovic aus Vukovar sprach nun im Zusammenhang mit den Ortstafeln von einem "wahren Test der Koexistenz von Serben und Kroaten". Die Regierung, allen voran Verwaltungsminister Arsen Bauk, ist jedenfalls fest entschlossen, trotz Widerstands den Verfassungsartikel 12 über nationale Minderheiten umzusetzen und auch Verwaltungsschilder und Formulare in kyrillischer Schrift verfertigen zu lassen.

Zweisprachige Ortstafeln sind fast überall in Ex-Jugoslawien ein Politikum (im Kosovo sind sie oft übermalt), mancherorts wie etwa in Istrien, wo auch Italienisch gesprochen wird, werden sie aber problemlos aufgestellt, obwohl sie gesetzlich nicht vorgesehen sind.

In Teilen Kroatiens und in Bosnien-Herzegowina gab es bis zum 19. Jahrhundert auch eine Form der kyrillischen Schrift, die Bosancica. Während das Kroatische im lateinischen Alphabet geschrieben wird, hebt die Verfassung Serbiens die kyrillische Schrift für den offiziellen Gebrauch in Verwaltung und Schule hervor. Es kann aber auch die lateinische Schrift verwendet werden. In Bosnien werden beide Schriftarten verwendet.

Die Debatte über die Ortstafeln erfolgt vor dem Hintergrund angespannter Beziehungen zwischen Serbien und Kroatien, die sich auf die serbische Volksgruppe in Kroatien auswirken. Zum einen hat der Freispruch des ehemaligen kroatischen Generals Ante Gotovina - bei dem Prozess in Den Haag ging es um Kriegsverbrechen gegen Serben in Kroatien - für Verunsicherung gesorgt. Das Verhältnis ist aber bereits seit dem Frühjahr schlecht, nachdem der jetzige serbische Präsident Tomislav Nikolic gesagt hatte, dass Vukovar "eine serbische Stadt" sei und dass Kroaten dorthin "nicht zurückzukehren" hätten.

Die kroatische Staats- und Regierungsspitze verweigert deshalb bis heute ein offizielles Besuchsprogramm für Nikolic und erwartet eine formelle Entschuldigung. Nikolic selbst sorgte erst vorige Woche für Verwirrung, als er behauptete, dass er mit seinem kroatischen Amtskollegen Ivo Josipovic in London eine Stunde lang geredet und den kroatischen Premier Zoran Milanovic in Rio de Janeiro getroffen habe. Josipovic konterte, er habe mit Nikolic nur kurz Höflichkeiten ausgetauscht und überhaupt nicht über Politik geredet. Und Milanovic sagte, er sei überhaupt nicht in Rio gewesen. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 4.1.2012)

 

  • Gedenkaufmarsch der kroatischen Armee: Die ethnisch gemischte Stadt Vukovar wurde 1991 von der jugoslawischen Volksarmee 86 Tage lang angegriffen und großteils zerstört.
    foto: reuters/nikola solic

    Gedenkaufmarsch der kroatischen Armee: Die ethnisch gemischte Stadt Vukovar wurde 1991 von der jugoslawischen Volksarmee 86 Tage lang angegriffen und großteils zerstört.

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