Zwischen Pogrom, Panzer und US-Erfolgsgeschichte

3. Jänner 2013, 19:15
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Das neue Jüdische Museum in Moskau ist eine Vorzeigeinstitution - in einer ehemaligen Autobusgarage

Bis vor kurzem hatte die konstruktivistische Autobusgarage als einer der wichtigsten künstlerischen Hotspots Moskaus gegolten: Mehr als drei Jahre lang residierte hier das schicke Kulturzentrum "Garage", das im vergangenen Sommer in den Gorki-Park übersiedelte. Aber das 1927 errichtete Meisterwerk der Architekten Konstantin Melnikow und Wladimir Schuchow blieb nicht lange leer: Die Föderation jüdischer Gemeinden Russlands eröffnete vor wenigen Wochen hier ihr "Jüdisches Museum und Zentrum für Toleranz". Es handelt sich um die aufwändigste museale Neugründung, die das neue Russland bislang gesehen hat: Renovierung, Adaptierung und Ausstattung kosteten 50 Millionen Dollar.

Die neue museale Garage, für deren Gestaltung der renommierte New Yorker Museumsdesigner Ralph Appelbaum verantwortlich zeichnet, hebt sich schon auf den ersten Blick vom bisherigen Kulturzentrum ab: Die Museumsmacher haben in dem fast 200 Meter langen Bau auf helles Licht verzichtet und beleuchten Objekte mit Spots. Insgesamt dominiert Multimediales - eine Not wurde zur Tugend gemacht: In Ermangelung einer eigenen Sammlung setzt die junge Institution auf eine riesige Datensammlung, auf Datenbanken, Tonaufzeichnungen, Filme und interaktive Präsentationen auf Englisch und Russisch - man richtet sich sichtlich auch an ausländische Besucher.

Inhaltlich steht das russische Judentum im Mittelpunkt, die Rede ist von aschkenasischen Juden, die sich nach der mittelalterlichen Vertreibung aus Zentraleuropa im Westen des späteren Zarenreichs angesiedelt hatten. Zwangsläufig findet sich im Zentrum daher auch die wichtigste soziale Manifestation des osteuropäischen Judentums - das Schtetl: Gerade dieser Part überzeugt mit interaktiven Installationen, die den Besucher an einer familiären Tischrunde teilnehmen lassen, ihn virtuell zu einem Schtetl-Bewohner verwandeln oder zur Lektüre der Thora einladen.

Schwierige Geschichte

Die Dauerausstellung betont die wichtige kulturelle und wissenschaftliche Rolle der russischen Juden, im Wesentlichen präsentiert die Schau jedoch eine vor allem schwierige Geschichte. Sie kündet vom "Ansiedlungsrayon", einem heute in Weißrussland und der Ukraine gelegenen Landstrich, in dem die Juden des Zarenreichs bis in das frühe 20. Jahrhundert leben mussten. Thematisiert werden die Pogrome um die Wende zum 20. Jahrhundert oder antisemitische Prozesse wie der berühmte Fall von Menachem Bejlis, der 1913 wegen eines angeblichen Ritualmordes in Kiew angeklagt war.

Auf einer großen Leinwand wird vom Holocaust erzählt, gleichzeitig betont die Ausstellung aber auch die wichtige Rolle russischer Juden im Zweiten Weltkrieg - sowohl an der Front, wie im Fall des berühmten U-Boot-Kapitäns Israil Fisanowitsch, als auch in Waffenschmieden im Hinterland. Isaak Salzman leitete damals etwa die Produktion des kriegsentscheidenden Panzers T-34, der stolz in der Schau präsentiert wird. Das Museum zeigt aber auch, dass jüdisches Engagement für den sowjetischen Staat einem staatlichen Antisemitismus keinen Abbruch tat.

Erst Anfang der 1970er kommt es zu einer Wiedergeburt des Judentums - zunächst im Privaten. Nach vielen Schwierigkeiten folgen Emigrationswellen nach Israel, in die USA und nach 1991 auch in die BRD. Die Ausstellungsmacher schließen mit einer positiven Note: Sie verweisen auf Erfolgsgeschichten der Auswanderung, etwa im Fall von Sergey Brin, dem 1973 in Moskau geborenen Mitbegründer von Google.

Die Zeiten eines staatlich verordneten Antisemitismus sind in Russland einstweilen vorüber - das neue Moskauer Museum illustriert dies nahezu kraft seiner Existenz. 1974 hatten die USA als Protest gegen Ausreisebeschränkungen für sowjetische Juden die "Jackson-Vanik-Klausel" erlassen, die Sanktionen ermöglichte. Wenige Tage nach Eröffnung des neuen Museums beschlossen US-Abgeordnete nun, die historische Klausel aufzuheben. Zuvor war das Museum in der New York Times positiv besprochen worden. Kritiker in Russland sprechen allerdings von " Disneyland", was den Einsatz der Technologien betrifft. Trotz eines New Yorker Designers erinnert aber etwa die Überladenheit mancher Infotafeln an sowjetische Vorbilder - weniger wäre da mehr gewesen.

Gleichzeitig verstört so manche Kontinuität im offiziösen Rahmen: So fehlt etwa eine deutliche Kritik an einer noch immer wirkungsmächtigen Geschichtsschreibung der Sowjets, die jüdische Opfer des Naziterrors in der UdSSR nicht hervorheben wollte. Dass diese und auch andere heikle Punkte, etwa aktuelle antisemitische Tendenzen betreffend, unterschlagen werden, hat seine Gründe: Die für das Museum verantwortliche Föderation jüdischer Gemeinden steht Wladimir Putin nahe - scharfe Kritik an aktuellen russischen Widrigkeiten darf sich daher leider niemand erwarten.

(Herwig G. Höller, DER STANDARD, 4.1.2013)

 

  • Virtuell ein Schtetl- Bewohner werden und die Thora lesen: Die interaktive 
Station im neuen Jüdischen Museum in Moskau ist gelungen. 
    foto: jüdisches museum moskau

    Virtuell ein Schtetl- Bewohner werden und die Thora lesen: Die interaktive Station im neuen Jüdischen Museum in Moskau ist gelungen. 

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