César Aira: Als das Klonen noch geholfen hat

3. Jänner 2013, 17:20
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Der argentinische Fabulierer und sein virtuoser Mini-Roman "Der Literaturkongress"

Wien - Wer den Versuch unternehmen will, César Airas Roman Der Literaturkongress nachzuerzählen, müsste eigentlich für verrückt erklärt werden. Romane des 1949 geborenen Argentiniers Airas umfassen selten mehr als hundert Seiten. Der Autor selbst bezeichnet sich als " Kleinbürger". Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern zurückgezogen in Buenos Aires und verweigert freundlich die Annahme von Literaturpreisen. Die Welt der Dichtkunst nennt er "ein welkes, staubiges, etwas schäbiges Milieu", in dem sich nur diejenigen ansiedeln würden, "die im wirklichen Leben gescheitert sind".

Die Erfahrung des Scheiterns liegt womöglich auch seinem Buch Der Literaturkongress zugrunde. Der Erzähler gibt vor, Autor zu sein. Bestimmte Hinweise lassen erkennen, dass es sich bei ihm womöglich um César Aira handelt. Der Mann reist nach Venezuela, wo in Mérida, im Schatten der Anden, sich die Crème der südamerikanischen Belletristiker versammelt.

Mehr noch als die Literatur liegt dem Erzähler jedoch ein anderes Anliegen am Herzen. Er ist im Zweitberuf Wissenschafter und verbringt in der Dienstbotenkammer seiner Altbauwohnung in Buenos Aires viel Zeit mit dem Klonen von Zellen, Organen und Gliedmaßen. Er selbst unterstellt sich Genialität. Als unheimliche Doppelbegabung ist ihm einiges an der Erringung der Weltherrschaft gelegen.

So entpuppt sich auch der Besuch des Kongresses als bloßer Vorwand. Aira glaubt, einzig durch das Klonen eines "höherstehenden" Menschen an sein Ziel zu gelangen. Der mexikanische Großschriftsteller Carlos Fuentes muss es sein! Als Helferlein bedient sich der argentinische Dr. Mabuse einer selbstgezüchteten Wespe, die, obwohl nicht größer als eine Staubmotte, über ideales Werkzeug verfügt, um Fuentes eine Körperzelle zu entwenden.

Was sich in der Zusammenfassung wie das Delirium eines Irren liest, gehört in Wahrheit zu den staunenswerten Hervorbringungen der zeitgenössischen Weltliteratur. César Aira hat nichts mit dem "realismo mágico" am Hut. In seinem Buch wuchert kein sinnenbetäubender Urwald. Es werden auch keine indigenen Einwohner Südamerikas besichtigt.

Aira ist ein Spieler. Mit ungerührtem Gesicht entwickelt er über wenige Zeilen hinweg egozentrische Weltbilder. Das "Klonen" darf dabei als Metapher gelesen werden.

Aus kurzen Erzählabschnitten gewinnt César Aira genug Stoff, um die Handlung in eine jeweils neue, gänzlich unvorhergesehene Richtung zu lenken. In Wahrheit ist das gesammelte Gen-Material hoch infektiös. Vertraut wirkende Gegenstände und Sachverhalte verlieren im Nu ihre Umrisslinien.

Auch aus dem Zellmaterial des Carlos Fuentes entsteht etwas Unbeabsichtigtes: Wabbelige Plasmawürmer, höher als fünfstöckige Häuser, wälzen sich die Bergrücken hinunter, und Aira muss einräumen, dass seiner Wespe ein verhängnisvoller Fehler unterlaufen sei. Anstatt sich bei Carlos Fuentes' Hautzellen zu bedienen, habe das ahnungslose Tier ein Partikelchen aus dessen blauer Seidenkrawatte stibitzt. In Airas " Klonator" - einem nicht näher beschriebenen Brutkasten für Neuzüchtungen - wurde bloß der Zellkern einer Seidenraupe recycelt. Oft scheitern die genialsten Ideen an lästigen Kleinigkeiten.

Aira spaltet seit langem die auch im deutschen Sprachraum allmählich wachsende Lesergemeinde. Die einen wollen in ihm einen Scharlatan erkannt haben, dessen unbändige Fabulierlust zu nichts Großem, Ganzem führe. Andere bemühen den naheliegenden Vergleich mit Jorge Luis Borges oder dem wunderbaren Adolfo Bioy Casares. Aira, den Eigenbrötler, lassen solche Zuschreibungen ungerührt. Menschen könne man in ihrer Eigenart nur daran erkennen, was sie gelesen haben. Auf Deutsch liegen zur Zeit fünf Übersetzungen auf. Es müssen dringend mehr werden! (Ronald Pohl, DER STANDARD, 4.1.2013)

César Aira: "Der Literaturkongress". Aus dem Spanischen von Klaus Laabs; Ullstein 2012

  • Unbekümmert egozentrisch: Autor César Aira.
    foto: noemi aira

    Unbekümmert egozentrisch: Autor César Aira.

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