Google+: Erbitterte Jagd nach Nutzern und Daten

3. Jänner 2013, 10:50
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Immer mehr und tiefere Integration in andere Dienste bei der Facebook-Aufholjagd

Auf der Jagd nach Facebook greift Google immer tiefer in die Trickkiste. "Integration" heißt das Stichwort, unter dem zunehmend mehr Dienste des Webriesen mit seinem 2011 gestarteten sozialen Netzwerk verknüpft werden.

Wie zwei mit Googles Vorgehen vertraute Personen dem Wall Street Journal mitteilen, ist es CEO Larry Page, der immer drastischere Mittel ergreifen wollte, um die User dazu zu bewegen, Google+ zu verwenden.

Zwei Konzerne, ein Revier

Ziel ist es, Facebooks überbordende Dominanz im Social Networking-Geschäft einzudämmen. Freilich macht Google dies nicht aus purer Nächstenliebe. Wie Facebook generiert der Konzern den weitaus überwiegenden Teil seiner Einnahmen aus Werbung. Facebook kennt die Namen seiner Nutzer, ihre Online-Aktivitäten und Freunde. Informationen, die Google haben will, um die Anzeigen seiner Kunden gezielter und effizienter ausliefern zu können.

Zwang

So mancher User ist erstaunt darüber, wie weit die Verknüpfung von Google+ mit anderen Diensten mittlerweile geht. Sam Ford, ein Angehöriger der US Navy, hat sich vor allem bei dem Netzwerk angemeldet, um mit seinem Smartphone geschossene Bilder automatisch in einen privaten Ordner hochladen zu können.

Er war verwundert, als er sah, dass seine Profilseite plötzlich mit einer App-Rezension verknüpft war, die er auf Google Play verfasst hatte. Google versucht "zu verzweifelt mit Facebook zu konkurrieren und wenn die Leute etwas nicht freiwillig teilen, zwingen sie sie eben dazu", so Fords Einschätzung.

Bei Google betont man, dass die Verbindung von Google+ mit Play Store-Reviews die Qualität der Bewertungen erhöhen soll. Diese soll nämlich unter der bislang vorherrschenden Anonymität gelitten haben. Außerdem lassen sich auf diese Weise einfach Rezensionen finden, die Freunde hinterlassen haben.

Umstrittene Strategie

Doch hier ist noch nicht Schluss. Mehr Integration ist geplant. "Google+ ist Google", meint Bradley Horowitz, Vizepräsident des Konzerns. "Die Eingänge zu Google+ sind zahlreich und Vernetzung wird täglich mehr." Insider verraten, dass diese Haltung innerhalb des Unternehmens nicht unumstritten ist. Während die Einen die Strategie als Akt der Verzweiflung in der Aufholjagd nach Facebook halten, sehen andere darin den besten Weg, um im Zeitalter der sozialen Medien relevant zu bleiben.

Larry Page soll gar vorgehabt haben, das Ansehen von Firmenbewertungen auf Google an ein Google+-Konto zu knüpfen. Eine Idee, von der ihn andere hochrangige Mitarbeiter wieder abgebracht haben sollen, da diese viele Nutzer möglicherweise verärgert hätte. Der Konzern gab keine Stellungnahme zum Wahrheitsgehalt der Schilderung ab.

Mehr Verknüpfung

Die Integration von Google+ in andere Dienste wurde jedenfalls in den vergangenen Monaten kontinuierlich vorangetrieben. Wer Restaurant- oder Firmenbewertungen verfasst, muss Mitglied von Google+ sein. Das gleiche gilt für digitale und physische Güter aus dem Play Store. Die Ergebnisse der Suchmaschine wurden ebenfalls mit Links auf Google+-Profilseiten ergänzt, sofern die betreffenden Personen oder Firmen über einen solchen verfügen.

Der Chef des sozialen Netzwerks, Vic Gundotra, sieht intern kaum noch Ablehnung diesem Vorgehen gegenüber. "Vor zwei Jahren gab es noch mehr Widerstand", erklärt er. Damals fehlte seiner Ansicht nach intern noch das Verständnis für das Projekt.

235 Millionen Interaktionen

Geht man nach den von Google veröffentlichten Daten, gibt der Erfolg den Machern weitgehend recht. Vergangenen Monat nutzten 235 Millionen Menschen verschiedene Features von Google+, wie beispielsweise den "+1"-Button, der das Pendant zu Facebook-Likes darstellt. Im Juni waren es noch 150 Millionen gewesen.

Die Vermischung mit den anderen Diensten erlaubt es Google, eine Reihe von Daten über den einzelnen User - sein Such- und Surfverhalten - zu verknüpfen und anonym für seine "Targeted Ads" zu verwerten.

Auch diese Strategie geht auf. Alan Ostek, Chef des Unternehmens Resolution Media, der Marketer beim Kauf von Werbung auf Google unterstützt, sagt, dass die Klickraten für eben jene Anzeigen seiner Kunden steigen, wenn sie Informationen aus Google+ für ihre Platzierung verwenden.

Wie Facebook-Profile können User ihre neue Google+-Seite mit zusätzlichen Informationen wie ihrem Heimatort befüllen. Das Profil ist zu Beginn automatisch auf öffentlich geschaltet und taucht in Suchergebnissen auf. Wer will, kann es jedoch aus selbigen ausschließen oder gleich ganz löschen.

Zuwenig Aktivität

Um langfristig zu funktionieren und neue Daten zu generieren, braucht Google+ jedoch mehr als eine große Ansammlung von Nutzer. Daher möchte man die User bewegen, neue Statusnachrichten zu verfassen, Bilder hochzuladen und sich mit Freunden und gleichgesinnten zu vernetzen. Im Gegenzug erhalten die Nutzer mehr Informationen über Apps, Firmen, Webseite und Produkte auf Basis der Vorlieben ihrer Freunde. Google kann wiederum die Werbung noch besser platzieren.

Aktivität ist aber genau jener Bereich, in dem das soziale Netzwerk noch viel auf den Branchenführer Facebook aufholen muss. Die Marktforscher von comScore haben vor einem Jahr den durchschnittlichen Aufenthalt der Nutzer auf der Seite errechnet. Damals verbrachte ein User im Schnitt drei Minuten pro Monat auf Google+, aber 400 Minuten auf Facebook.

Weniger drastisch ist der Unterschied bei der Gesamtzahl der Besucher. Vergangenen Oktober schaffte es Google+ in den USA demnach auf 28,7 Millionen Unique Visitors, Facebook kam auf 149 Millionen, wobei Seitenaufrufe von mobilen Endgeräten nicht berücksichtigt sind. (red, derStandard.at, 03.01.2013)

  • Google+ wird immer tiefer mit anderen Google-Diensten verknüpft.
    foto: derstandard.at/pichler

    Google+ wird immer tiefer mit anderen Google-Diensten verknüpft.

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