Flüchtlinge rühren an schlecht verheilte Wunden

Leserkommentar3. Jänner 2013, 16:53
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Wie den Hungerstreik der Flüchtlinge in der Votivkirche auf eine positive Weise beenden? Es müssen „exit strategies" ausgearbeitet werden, die jenseits von weiteren Selbst-Schädigungen liegen

Ein Ende des Flüchtlings-Streiks in der Votivkirche wird schwierig werden, denn die Flüchtlinge wünschen sich etwas, das das Innenministerium höchstwahrscheinlich so nicht bieten kann: Anerkennung und Respekt für ihre Leistung. Und zwar sowohl dafür, im politischen Widerstand gegen mordende Gruppen aufgetreten zu sein bzw. vor diesen flüchten zu müssen, als auch für ihre simple Lebensexistenz als verletzte Menschen, die oft im Gegensatz zu Familienangehörigen oder engen Freunden Überlebende sind. Deswegen hört man auch immer wieder von ihnen: „Wir sind Menschen und keine Tiere". Aber auch: „Wir kämpften gegen die Taliban und ihr wollt uns nicht einmal Asyl geben." 

Eventuell liegen diese Wünsche weit jenseits des Vorstellungsvermögens von PolitikerInnen bzw. BeamtInnen, die pragmatisch, formal und materiell denken, als ob diese Menschen nur irgendwo ein Dach über dem Kopf bräuchten und nicht auch seelisch zur Ruhe kommen möchten. Natürlich wollen diese Flüchtlinge von der afghanisch-pakistanischen Grenze, an der die Briten durch willkürliche Grenzziehung Paschtunen auseinander dividierten, aber auch den Status als „anerkannte  Flüchtlinge" erreichen und es ist wenig hilfreich, wenn die Erstaufnahmestelle Ost in Traiskirchen Samstag vor Weihnachten zwei Flüchtlinge einfach nach Wien ins „refugee camp" schickte, statt sie aufzunehmen. Der eine, der erst 19 Jahre alt ist, sitzt nun mit Fieber in der Kirche.

Vergebliche Liebesmühe

Ein weiteres Problem ist es, dass diese Flüchtlinge in ihrer Strategie den typischen Verhaltensmustern traumatisierter Menschen folgen - und nämlich mit Selbstauslöschung und mangelnder Selbstfürsorge auf Angriffe auf ihre Existenz reagieren. Das kann sehr gefährlich werden. Sich gegen einen als übermächtig empfundene Täter selbst aufzugeben, sich „tot zu stellen", kann eine Überlebens-Strategie sein, zu hoffen, dass „Täter" aber ein Einsehen haben, wie arm und klein, kaputt und erschöpft ihre Opfer eh schon sind, ist vergebliche Liebesmühe und wirkt nicht gegen Sadismus und Freude an der Vernichtung anderer  Menschen.

Stolz bewahren

Wie also diesen selbstschädigenden, an die Substanz gehenden Hungerstreik von eh schon mageren Menschen beenden, auf eine Weise, dass die Flüchtlinge ihren Stolz als widerständige Menschen, aber auch das Innenministerium als außerhalb der Kirche bestimmende Institution ihr Gesicht wahren können? Es müssen sich außer der Caritas auch noch andere vermittelnde Gruppen und Einzelpersonen einbringen und Brücken bauen. Die Jungs in der Votivkirche sehen keine Zukunft für sich und ob sie jetzt an der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan erschossen werden oder hier sterben, ist ihnen egal, sagten mehrere auf Urdu einem indischen Politologen, der lange am Notruf-Telefon für gefährdete Menschen arbeitete. Dieser Fatalismus muss bekämpft werden. Schon Mahatma Gandhi wendete den Hungerstreik als Widerstands-Mittel an, aber bei Menschen mit Erfahrungen mit Töten und Morden (Elias Canetti: „Der Tod ist mein Todfeind") und dementsprechenden Schäden muss man aufpassen, dass zur Verzweiflung und dem geschwächten Zustand nicht noch Panik-Gedanken aufkommen. Die großteils jungen Flüchtlinge dürfen nicht weiter in die „Kirchenecke" gedrängt werden, sondern es müssen rechtsstaatliche, demokratische, menschenrechts-fördernde Verbesserungen der Lebenssituation von Flüchtlingen her. Schon nach dem Bosnien-Krieg wurden Flüchtlinge in einsame Dörfer verlegt, in denen es nicht einmal ein Gasthaus oder einen Supermarkt gab. Ich erinnere mich an muslimische Schwestern, alte Damen, deren Dorf in Bosnien nicht mehr existierte, die über Nacht abgeschoben wurden. Das gespenstische Flüchtlingsheim in den Bergen war plötzlich leer und es war nicht mehr zu eruieren, wohin die Schwestern verschwunden waren - wie ebenfalls die anderen um die 6000 Alten und Hilflosen, die es nicht geschafft hatten, sich selbst zu integrieren.

Schlechte Erinnerungen sind unbeliebt

Flüchtlinge rühren an schlecht verheilte Wunden, sowohl was den Zweiten Weltkrieg als auch den Bosnien Krieg betrifft, sie kommen nach Österreich und erinnern an Kriege, deswegen sind sie bei vielen so unbeliebt. Wer setzt sich schon freiwillig mit Krieg und den Morden an Schwestern und Brüdern durch Nachbarn auseinander? Und den Schäden für Generationen? Gerade die „vergessene Generation" (nach Sabine Bode „Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen", Piper 2011) der Kriegskinder solidarisiert sich aber im Moment mit den heutigen Flüchtlingen und dieser Vorgang ist sehr heilsam für beide Seiten. Es muss  dringend eine Palette an „exit strategies" ausgearbeitet werden, die jenseits von weiteren Selbst-Schädigungen liegt. Und die Erstaufnahmestelle in Traiskirchen muss für Flüchtlinge, die neu nach Österreich kommen, offen bleiben - egal wie voll sie ist. (Leserkommentar, Kerstin Kellermann, derStandard.at, 03.01.2013)

Kerstin Kellermann war Kuratorin der Ausstellung "Fluchtlinien. Kunst und Trauma", gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Birgit Haehnel (Soho in Ottakring 2012)

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    foto: soshana sarajevo i. (1993) 95cm x 130cm, 00205 | political | oil on canvas foto: beste erener
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