Warum Vier-Augen-Gespräche zu meinem Erziehungskonzept gehören

Blog2. Jänner 2013, 14:02
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Sorgenkind Hansi, Teil 2: Fragen der LeserInnen zum letzten Beitrag

Auf meinen letzten Blogeintrag gab es viele Reaktionen. Es ging um Hansi, einen neuen Schüler in der Klasse. Heute möchte ich noch einmal darauf eingehen und Fragen der LeserInnen beantworten.

Frage: Wie ich lese, sehen Sie Schule nicht als Indoor-Spielplatz, also als Lernort für ALLE Kinder in der Klasse. Wie viele Rechnungen konnte Hansi richtig lösen?

Genug für ein "Gut" in Mathematik. Hansi war eines der Sorgenkinder, die ich in meiner mehr als 15-jährigen Geschichte als Volks -und Sonderschullehrerin beschulen musste - oder besser durfte. Er war ein passabler Schüler, und lag in seinen Leistungen im besseren Klassendurchschnitt. Ich gehörte als Lehrerin durchaus zu jenen, die "viel verlangen"; wöchentliche Ansagen und Rechenproben standen ebenso auf dem Plan wie Sachunterrichtstests.

Der Beitrag zum Thema "Ein neues Kind" thematisiert den Erziehungsauftrag in unseren Klassen, nicht den Bildungsauftrag der Schule. Sie haben völlig richtig aus meinem vorletzten Beitrag den Schluss gezogen, dass mir die Wahrung und Umsetzung des Bildungsauftrags zentrales Anliegen ist - und wenn ich in meinem letzten Beitrag auf den Aspekt "Erziehung" eingegangen bin, setze ich die Bedeutung der Erreichung unserer Lernziele nicht außer Kraft. Ein guter Lehrer bildet und erzieht.

Frage: Kann Hansi 30 Minuten lang keine Witze erzählen, wenn ihn seine Klassenkolleginnen bitten, leise zu sein, damit sie sich konzentrieren können?

Konnte er zu Beginn nicht, musste es aber lernen. In meiner Klasse gab es klare Regeln und Konsequenzen, die gemeinsam erarbeitet und begründet wurden. Dabei wurde den Kindern erlebbar gemacht, weshalb diese oder jene Regel wichtig ist. Wir haben beispielsweise vier Sätze geschrieben, und die SchülerInnen sind dabei herum gelaufen oder haben sich unterhalten. Weitere vier Sätze sollten die Kinder in völliger Stille schreiben; danach haben wir über das Erlebte reflektiert und die Ergebnisse verglichen, um schließlich die Regel aufzustellen: Während der Arbeitsphasen verhalten wir uns still. (Es gab auch andere Phasen; die Kids mussten nicht den ganzen Vormittag ruhig sein, sie sollten nur ganz genau wissen, was ihnen wann abverlangt wird. Mit zunehmendem Alter entschieden die Kinder selbst, wann sie ihr Verhalten an welche Regel binden.)

Auch für Konsequenzen (verstanden als vorübergehende Stützen, die - ähnlich wie die Stützen eines Fahrrades - keinen Selbstzweck haben; ihr Sinn besteht darin, sich selbst zu erübrigen) hat zu gelten, dass sie die Kinder verstehen und mittragen. Im besten Fall werden mögliche Konsequenzen von den Kindern selbst vorgeschlagen.

Das haltgebende "Regelgerüst" im Unterricht paart sich übrigens in meinem Erziehungskonzept mit Vier-Augen-Gesprächen, die manchmal außerhalb des Klassenverbandes, manchmal zwischendurch im Klassenraum stattfinden. Hier geht es zum einen darum, dem Kind Rückmeldung zu seinem Verhalten im Unterricht zu geben (Suchen wir also schnell das Gespräch, wenn wir auch nur den kleinsten Fortschritt wittern); zum zweiten finden die individuellen Stärken des Kindes Beachtung. Hier werden jene Bereiche in den Blick genommen, auf die wir im Rahmen des Unterrichts immer noch zu wenig achten; mir fällt Riko ein, der bereits in der Früh meine Stimmung gespürt und sich nach meinem Befinden erkundigt hat ... Stärken gibt es immer, wir müssen uns nur dafür öffnen, sie zu sehen - und dies dem Kind dann auch klar sagen.

Also: Ermutigung jedes einzelnen Kindes unter vier Augen - begründete, gemeinsam erarbeitete Regeln und Konsequenzen für alle in der Klasse (Die durch die gemeinsame Erarbeitung vor allem die Interessen der Gruppe wahren; der/die LehrerIn ist VertreterIn der gemeinschaftlichen Interessen und weiß über etwaige persönliche Motive kritisch zu reflektieren). 

Frage: Ich wäre gerne zu Besuch in Ihrer Klasse, um mir ein vollständiges Bild zu machen.

Leider kann ich Ihnen das nicht anbieten - ich schöpfe als Lehrende der PH Wien aus meinem reichen Erfahrungsschatz als Volks,- Sonderschullehrerin. Gerne lade ich zu einem persönlichen Gespräch. (Andrea Vanek-Gullner, derStandard.at, 2.1.2013)

  •  Andrea Vanek-Gullner über Hansi: "Wir haben nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern auch einen Erziehungsauftrag."
Haben Sie Fragen an die Pädagogin? Schicken Sie ein E-Mail an bildung@derStandard.at!
    foto: standard/newald

    Andrea Vanek-Gullner über Hansi: "Wir haben nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern auch einen Erziehungsauftrag."

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