Fünf Dinge, die mich erheitern

Glosse2. Jänner 2013, 11:27
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Selbstverständlich liebe ich meine Familie. Darüber hinaus erheitern Sex, Drugs and Rock'n'Roll jenen Teil meines Hirns, der von der mächtigen Eidechse abstammt. Irgendwo dazwischen ist meine persönliche Twighlight Zone der Freude am Missgeschick anderer

Komödie zynisch definiert: "Wenn ich mir in den Finger schneide, ist das Tragödie. Wenn Du in einen Kanalschacht fällst, ist das Komödie!" Doch meine Schadenfreude ist nicht an gebrochenen Knochen interessiert, sondern an der misssgeschicklichen Selbstentlarvung anderer.

Scheinpolitiker

Im Moment ganz oben auf meiner Liste: Frank Stronach. Dank Bundeswolfgang Schüssel kann ich mich zwar lange Zeit auf die Auftritte von Herbert Haupt freuen, der den Schwurbelsprech in endlosen Satzanfängen perfekt darbringt. Oder am Hojac, der in einem ORF-Interview rund zwei Dutzend Male dieselbe Nichtantwort in die Kamera bellt. Doch Herbert und Peter sind inzwischen weg vom Fenster.

Along came Frank! Ihm gelingt das Kunststück, die meiste Zeit seines Lebens in einer stabilen, gedeihenden Demokratie mit entwickelter Pressefreiheit zu verbringen und beides für Humbug zu halten. Hemdsärmelig in der Fremde reich geworden, will Stronach Fragen von Journalisten, gar nicht erst mit Nichtantworten zu Kenntnis nehmen, sondern stattdessen gleich sein Kommuniqué verlesen. Wie einst Josef Stalin. Unpenetrable Frank. Mein Pläsier erreicht den Höhepunkt, wenn Stronach, irritiert durch unbotmäßiges Nachfragen der "Journaille", zum Autisten gerät und sich als störrischer alter Mann entlarvt. Gibt´s was Erbärmlicheres?

Prügelknaben

Er sieht gut aus, sein Körper ist Baustellengehärtet und 1992 ist er Mitte Zwanzig. Trotzdem nennen ihn die Stivanjani "Pipak", was Tentakel heißt. Vielleicht weil er ein prototypischer "böser Junge" ist und ständig in Schlägereien und kleine Diebstähle verwickelt ist. Pipak ist kein Stivanjanin, sondern kommt aus dem "Get" (Ghetto), einem Stadtteil von Split, nahe am Fährhafen der aus muffiger Armut gebaut ist. In Sutivan landet er aus Zufall und heiratet eine Dorfschöne, die böse Jungs beeindruckend findet.

Während des Krieges versucht Pipak von mir Schutzgeld zu erpressen, damit mich Pipak vor Pipak beschützt. Doch die Stivanjani, die ihn ohnehin nicht mögen, rufen Pipak zur Ordnung. Einige Jahre später ist er aus Sutivan verschwunden. Letztes Jahr erzählt mir Motor-Doktor Frane die Story von Pipak zu ende. Er lebt wieder im Get, ist Alkoholiker, aufgedunsen und verwahrlost. Meist sitzt Pipak auf einer kleinen Mauer nahe dem Supermarkt am Eingang zum Get und schnorrt für Bier. Seine zweite Ehefrau prügelt ihn jeden Nachmittag zurück ins Get.

Missionare

Ich lasse die Zeugen Jehovas tatsächlich in die Wohnung und bin immer gewillt mit adretten Mormonen-Jungs auf der Gasse zu plaudern. Denn obwohl sie die absolute Wahrheit nur jeweils für sich reklamieren, wollen die Missionare beider Religionen mit mir über denselben Jesus reden. Nach angemessen lang erduldeter Belaberung kontere ich mit meinem eigenen, ganz persönlichen Erretter. Es ist Bugs Bunny.

Für die Mormonen-Jungs hat Bugs noch den Bonus, ein Ami zu sein, wie sie. Aber die große Leistung des Bugs Bunny, so führe ich den erstaunten Missionaren aus, sei es, dass er uns etwas lehrt, was uns Jesus nicht lehren kann. Denn obwohl Bugs nackt in einem Erdloch lebt, während sein Widersacher Elmer Fudd Stiefel, Hose, Jacke, Fellmütze und eine doppelläufige Flinte hat, gelingt es Elmer niemals Bugs zu erlegen. Mehr noch: Der nackte Hase, der keinerlei Respekt vor Leuten hat, die ihn töten wollen, brennt Elmer oft mit seiner eigenen Flinte eins auf die Fellmütze. Meine Offenbarung ist, dass wir von Bugs Bunny lernen können, kein Opfer sein zu wollen. Was keine Lektion ist, die uns Jesus lehrt.

An diesem Punkt ist mein Missionierungsgespräch zu Ende, die Missionare bedanken sich artig für die Gastfreundschaft und Zeit. Und gehen. Schade!

Hirntote

Einen immer wiederkehrenden Grund zu Heiterkeit bereiten mir die Untergänge von Retortenbands. "Nu Pagadi" ist praktisch eine einzige Totgeburt, bei "Brosis" dauert die Agonie immerhin ein paar Jahre. Mein allzeit Favorit ist jedoch  "Tic Tac Toe", die Freche-Mädchen-Band, die für mich eine Art "Andrea Doria" der Musikbranche ist: Auf der letzten Meile, trotz Radar, im Nebel des Zickens mit dem Ego zusammengestoßen und untergegangen.

Gerade als die Karriere so richtig losgehen will, als nur noch eine Produktion die drei Gören vom echt fetten Geld trennt, beginnt ein Zickenkrieg, der geradewegs in den Untergang führt. Der Höhepunkt, den ich mir immer in Youtube ansehe, wenn ich mir der Definition von "Dumpfbacke" sicher sein will, ist die Pressekonferenz zur Versöhnung von Lee, Jazzy und Ricky, die zum endgültigen Zicken-Zucken gerät. Jedes Mal, wenn ich einen neuen Computer kaufe, speichere ich dieses Video als erstes in meine Favoritenliste, um immer nur ein Klick von einer fast nie versagenden Quelle der Heiterkeit zu sein. Schon bei dieser Routine muss ich grinsen.

Untote

Bei Mutter Teresa kann man ohne als Scheusal zu gelten sagen, dass sie eh viel gelebt hat. Mehr als beispielsweise so gut wie alle AIDS-Opfer in Afrika. Und man kann ohne als Zyniker zu gelten sagen, dass ausgerechnet Mutter Teresa ihr Leben als atheistische Nonne verbringt, was sie uns selbst in ihrem berühmten Brief sagt und was eine gute Nachricht ist. Mutter Teresa gilt als berühmteste Wohltäterin des Katholizismus, ganz ohne an den katholischen Gott zu glauben. Und das erheitert mich unendlich, wenn mir jemand erzählen will, Atheisten hätten keinen moralischen Kompass.

Beim Papst, dem ich genauso wenig den Tod wünsche, wie meinen anderen Mitmenschen, sorgt dennoch sein Tod - bisher zwar erst wenige Male in meinen ersten fünfzig Jahren - für eine gewisse Heiterkeit. Weil dann ein Zeitraum beginnt, in dem bis zur Wahl des neuen Papstes, niemand auf unserem Planeten für sich in Anspruch nimmt, unfehlbar zu sein. Das ist, so denke ich dann, durchaus ein heiterer Zustand, der was mich betrifft, permanent sein soll. (Bogumil Balkansky, 2.1.2013, daStandard.at)

  • Frank Stronach mit Pferd. Beide heiter.
    foto: apa

    Frank Stronach mit Pferd. Beide heiter.

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