Die Finger im Ablauf

Blog2. Jänner 2013, 12:28
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Die Zeit drängt: Ein kleiner Junge steckt mit zwei Fingern in einer Ablaufgarnitur

Dienst an der Unfallabteilung. Wir sind gerade fertig geworden. Es ist schon später Abend. Die Hüft-OP war der letzte Punkt, weitere sind nicht mehr geplant. Es war ein langer Tag.

"Und wo bestellen wir?" "Mein Magen knurrt vor Leere." "Das haben wir uns jetzt aber verdient." "Ich hab auch schon so einen Hunger." "Und ich erst." "Schnitzel wäre angesagt." "Na ned schon wieder." "Was hast gegen a Schnitzel?" "Du, da gibt's a super Pizzeria." "Also, wenn mich jemand fragt, ich würd ja beim Chinesen..." "Bitte net den Glutamatgatsch."

Die Dinge beginnen sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Die große Auswahl ernährungsphysiologisch wertvoller Möglichkeiten wird immer wieder aufs Neue besprochen. Hunger!

Mein Diensthandy klingelt, die Unfallambulanz ist dran: "Du hallo, ich glaub wir brauchen Dich, ein kleiner Junge hat sich..." "Ich komm gleich runter, wir sind eh grad fertig geworden."

Der kleine Dominik sitzt zwischen seinen Eltern, schaut verschreckt und streckt uns seine linke Hand entgegen. Darauf ist ein Waschbecken- oder eine Badewannenablaufgarnitur - vierter und fünfter Finger stecken jeweils in einem Loch. Sie sind ordentlich angeschwollen, lassen sich keinen Millimeter bewegen. Endlos Zeit haben wir da nicht mehr. Außerdem tut das weh. Der Unfallchirurg hat schon alles besprochen, die Eltern sind aufgeklärt. Wir müssen in den OP.

"Dominik hör zu, ich pick dir jetzt ein Wunderpflaster auf den Handrücken. Darunter bekommst du ein taubes Gefühl. Den kleinen Stich für das Schläucherl, das dann in deinem Blutgefäß liegt, wirst du nicht mehr spüren. Das brauch ich für meine Medikamente. Du wirst dann ein bisschen schlafen und keine Schmerzen haben. Und wenn du munter wirst, ist der blöde Ring weg und deine Eltern sind neben dir. Alles klar?" Dominik nickt. Tapferer Junge.

Dominik geht bereits in die Schule. Die meisten Schulkinder verstehen schon den Zusammenhang zwischen medizinischen Maßnahmen und Ursache. Ganz wichtig ist eine Erklärung und das Miteinbeziehen des Kindes in den Ablauf. Im OP entferne ich das Wunderpflaster und punktiere die Vene. Dominik schaut zu und verzieht keine Miene. "Super hast du das gemacht. Das war es schon fast." Ich glaube, er lächelt ein bisschen. Dann schläft er.

Die Kollegen mühen sich ab. Der Ablauf sitzt hartnäckig. Die Finger sind dick angeschwollen und blau verfärbt. Die Zeit drängt. Man kommt nicht ordentlich hin und so einfach anreißen geht nicht. Haut Weichteile, Muskulatur und Sehnen wären gefährdet. Sägen, Zangen, Spreitzer, alles wird gebraucht. Grobe Instrumente, feinstes, genaues Arbeiten. Die Kollegen schwitzen, der Hunger ist vergessen.

"Uff, geschafft!" Die Erleichterung ist im ganzen OP laut hörbar. Die Finger sind frei und die Durchblutung gesichert. Alles ist okay. Noch ein Verband darauf und wir sind fertig.

Dominik wird munter. Noch dösend bringen wir ihn in den Aufwachraum. Dort warten die Eltern. "Alles ist gut gegangen, er ist noch etwas schläfrig." Natürlich bekommt der kleine Junge eine Tapferkeitsurkunde und einen schön großen Handschuhluftballon. 

Jetzt sitze ich vor meinem kalten Schnitzel mit der fetten Panier, die schon eingetrocknet ist und Pommes, die müde über den Tellerrand hängen. Es schmeckt mir trotzdem und ich werde wieder viel zu schnell essen, so wie immer.

Alles Gute für 2013. Danke fürs Lesen und die vielen Postings. (Robert Mosser, derStandard.at, 2.1.2013)

Robert Mosser ist Facharzt für Anästhesie sowie Flugrettungsarzt. In seinem Blog gibt er komische, tragische und bewegende Einblicke in seine Tätigkeit.

  • Ist die Blutversorgung der Finger nicht gewährleistet, droht die Amputation.

    Ist die Blutversorgung der Finger nicht gewährleistet, droht die Amputation.

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