Kosmetika, Kracherln und Matratzen gegen die Erderwärmung

1. Jänner 2013, 17:07
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Gesammelt und gewaschen kann das Klima-Killergas Kohlendioxid zum wertvollen Rohstoff für die Industrie werden

Wien - Es gehört zu den beruhigenden Entwicklungen der jüngsten Zeit: Die Forschungen rund um die industrielle Nutzung des klimaschädigenden Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) sind weit gediehen - und vielversprechend. Die Anwendungsmöglichkeiten für CO2, das beim Verbrennen fossiler Energien wie Kohle, Gas und Erdöl entsteht, sind breit gestreut. Anstatt in die Atmosphäre zu entweichen und das Erdklima aufzuheizen, wird CO2 für immer mehr Firmen - Chemiekonzerne, Kraftwerksbetreiber, energieintensive Fabriken - zu wertvollem Rohstoff und Basis eines neuen Geschäftsmodells.

Eine der wichtigsten Stoßrichtungen bei den Forschungen geht dahin, dass das Gas für die Kunststoffproduktion verwendet wird und damit Erdöl substituiert. Nach Schätzungen - offizielle Zahlen gibt es nicht - werden etwa zehn Prozent des jährlich geförderten Erdöls für die Kunststoffherstellung verwendet. Während Erdöl immer knapper wird, gibt es CO2 in Hülle und Fülle. Billig ist es auch, weil es bisher quasi als Abfall beim Verbrennen fossiler Energie angesehen wurde.

Um CO2 zu gewinnen, muss es bei seiner Entstehung aufgefangen werden: bei den Schornsteinen. Der Energieversorger EVN beispielsweise hat seit drei Jahren ein Projekt laufen, das langsam dem Pilotstatus entwächst: Beim Gas- und Kohlekraftwerk Dürnrohr wurde eine Anlage installiert, die das CO2 auffängt und reinigt. Das in Flaschen gefüllte Gas kann so industriell vermarktet werden.

Anwendungen und Produkte

Chemisch reines Kohlendioxid wird für viele Anwendungen und Produkte gebraucht: für Aspirin gegen Kopfweh, für die (Bier-) Zapfanlage im Wirtshaus oder für Gesichts- und Handcremes. Weil die Nachfrage nach CO2 ziemlich groß ist, fängt auch der Zuckerkonzern Agrana das bei der Bioethanolerzeugung freigesetzte CO2 auf und liefert jährlich rund 100. 000 Tonnen davon an den Industriegaskonzern Air Liquide. Der verwendet das Gas zur Herstellung kohlesäurehaltiger Getränke.

Solche Anwendungen sind klimaschonend und nachhaltig, allerdings nicht die große Innovation. Diese läge vielmehr in einer großindustriellen Verwendung des CO2 für die Polyurethan-Herstellung. So hat die EVN kürzlich "die ersten paar Handvoll Biokunststoff" aus CO2 hergestellt, wie EVN-Sprecher Stefan Zach stolz berichtet. Langfristiges Ziel des Landesenergieversorgers sei es, hochwertigen und langlebigen Kunststoff herzustellen, der beispielsweise für Autostoßstangen verwendet werden kann. Grundlage dieses Kunststoffes sind Algen, erläutert Zach.

Diese absorbieren das Kohlendioxid und wandeln es zu Polyethylen um. Überhaupt sind Algen Tausendsassa, auf die auch andere Unternehmen bei ihren Forschungen rund um CO2 setzen. Der Leverkusener Chemiekonzern Bayer Materialscience arbeitet daran, aus dem Treibhausgas Kunststoffschaum herzustellen, aus dem wiederum Matratzen hergestellt werden können oder Verpackungsfüllmaterial. Auch die Chemiker von Bayer bekommen das Kohlendioxid von nahegelegenen thermischen Kraftwerken.

Matratzen und Algen

Andere Forschungen, beispielsweise vom Joanneum Research zusammen mit der TU Graz, zielen darauf ab, mit CO2 "gefütterte" Algen in Biotreibstoff umzuwandeln.

Ein Run auf das CO2 hat noch nicht richtig eingesetzt. Doch sind diese Ideen einmal ausgereift, könnte damit ein Kreislauf in Gang gesetzt werden, der verhindert, dass zu viel des Treibhausgases CO2 entweicht und damit die Erderwärmung weiter ankurbelt. Genug wäre jedenfalls da. Jährlich wird bei der Nutzung fossiler Energien die enorme Menge von 25 Milliarden Tonnen CO2 freigesetzt. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 2.1.2012)

  • Geputzt und gewaschen kann das klimaschädigende Gas Kohlendioxid 
- mit einigem technischen Aufwand - nützlich sein.
    foto: bayer materialscience

    Geputzt und gewaschen kann das klimaschädigende Gas Kohlendioxid - mit einigem technischen Aufwand - nützlich sein.

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