Rilke hat Schnupfen, und auch sonst wird es nicht besser

1. Jänner 2013, 18:36
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Florian Illies Montage-Buch über das Jahr 1913

Wien - Ganz am Ende, am letzten Tag des Jahres 1913, wird in Arthur Schnitzlers Abendgesellschaft Roulette gespielt. Wenn dann die letzten Sätze verklungen sind und man aufblickt von diesem Buch, das einen rasch gefesselt, aufgesogen hat, setzt sich vor dem inneren Auge eine kulturelle und in Grenzen auch ökonomische Weltkarte zusammen.

Feine Leuchtspuren all der Bewegungen, denen man gerade einige Stunden lesend gefolgt ist, verdichten sich in drei Städten. Dazu ist noch eine halbe und eine von geringerer Bedeutung verzeichnet: Zwischen Paris, Wien und Berlin hat sich ein dichtes Netz entsponnen, es sind die Knotenpunkte der europäischen Kultur. Dazwischen liegt blässlich München. Über den Atlantik schaut ein bisschen New York. An Nebenschauplätzen machen die Figuren des Jahres Urlaub; der Maler Emil Nolde ist in der Südsee unterwegs, Ernst Jünger hat es zu Weihnachten aus Afrika und der Fremdenlegion zurück geschafft. James Joyce unterrichtet Englisch in Triest.

Kulturelle Oberschicht

Florian Illies reist in seinem Mosaik 1913 (S. Fischer Verlag) mit der kulturellen Oberschicht durch das Jahr. Manchmal auch mit der Aristokratie, selten mit Wirtschaftskapitänen. Streng nach Monaten gegliedert und mit oft elegantem, manchmal etwas zu illustrierendem Gespür für das Banale, ordnet Illies die kulturellen Verschiebungen, Neuerfindungen und Luftblasen.

Und viel passiert ja, viel wird geschrieben: Robert Musil schreibt, Marcel Proust schreibt und veröffentlicht Unterwegs zu Swann; Heinrich Mann schreibt am Untertan. Thomas Mann verzweifelt am Schreiben. Die späten Ausläufer der Romantik klingen noch durch die Lyrik, Hugo von Hofmannsthal dichtet etwas fernab von Illies, Georg Trakl manisch und häufig high. Mit Virginia Woolf tritt endlich eine Frau in das literarische Leben.

Überhaupt treten Frauen in das Leben der Männer und wieder heraus. Man könnte auch sagen, Männer treten in das Leben von Frauen: Die Beziehungen von Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler, vor allem aber Oskar Kokoschka und Alma Mahler sind - wenn auch von der Sekundärliteratur längst ausgeleuchtete - Episoden, die neu zu besichtigen eine Freude ist. Kafkas Briefe an Felice Bauer sind der neurotisch-scheiternde Gegenpol.

Gemalt wird auch viel

Gemalt wird auch viel. Die Künstlervereinigung "Die Brücke" zieht nach Berlin und zerschellt an Intrigen und der Großstadt; Kasimir Malewitsch schafft spät im Jahr mit dem Schwarzen Quadrat den einen "Nullpunkt der modernen Kunst". Marcel Duchamp malt nicht, ihm erwächst mit einer schlauchlosen Fahrradfelge auf einem Schemel der andere Nullpunkt.

Man kann sich fragen, was seitdem eigentlich vorangegangen ist, ob und wie viel weiter wir eigentlich sind. Pablo Picasso erholt sich von des Vaters Tod und auch von dem seines Hundes, malt und wird in der deutschen Kritik für blass befunden. Überall grassiert die Neurasthenie, die Nerven flackern in der Nähe dessen, was heute Burnout heißt.

Das Treiben des Kaisers

"Geist und Staat", notierte Golo Mann für die Jahre vor dem Krieg einmal, "lebten getrennt voneinander." Und: "Die im Reich des Geistes wohnten, fanden das Treiben des Kaisers zu komisch oder ekelhaft, um es sehr ernst zu nehmen. Auch die Bemühungen der politischen Parteien, bürokratischer, geistloser Organisationen, ließen sie gleichgültig."

Einer solchen - aufregend hochaktuell klingenden - Bemerkung setzt Illies weder etwas entgegen, noch entkräftet er den Sprengstoff, der darin liegt. Vielmehr kommt er mit seiner Montage der Anekdoten irgendwie auch an der Beschreibung der Zeit vorbei. Darunter ordnen sich Verhältnisse, Beziehungen und Einflüsse werden klar: Elias Canetti zieht nach Wien und beginnt die deutsche Sprache zu erlernen, Bertolt Brecht ist ein vermutlich etwas streberhafter Pennäler, spät im Jahr wird einer geboren, der später Willy Brandt heißen wird.

Erster Weltkrieg

All diesen und noch vielen anderen Ereignissen liegt nicht nur das Vorgefallene, sondern die Vorahnung zugrunde. Über das Jahr 1913 beugt sich drohend das nächste, in dessen Sommerfrische der Erste Weltkrieg platzt. Deshalb mag einem Illies' Wahl geschickt oder gar opportunistisch vorkommen. In der horizontalen Montage all der Begegnungen, Vatermorde, Liebschaften und Abneigungen liegt aber ein großer Reiz.

Thomas Mann sah viel Raum für gesunden Spott, die Künstler und Intellektuellen aber auch ziemlich erschöpft. Da sekundiert Illies. Aber der Historiker geht ein Stück weiter, er sieht, dass zwischen all dem rastlosen Herumirren, dem Liebeswahn, den Neurosen ein fatales Grundgefühl beim Blick auf Politik und Wirtschaft vorherrschte: "Es war bisher gutgegangen. Es würde irgendwie weitergehen." (Lennart Laberenz, DER STANDARD, 2.1.2013)

  • Florian Illies: "1913. Der Sommer des Jahrhunderts", S. Fischer Verlag, 
319 Seiten.
    cover: s. fischer verlag

    Florian Illies: "1913. Der Sommer des Jahrhunderts", S. Fischer Verlag, 319 Seiten.

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