Handyverbot in Flugzeugen: Belege für Gefährdung der Flugsicherheit fehlen

  • Über den Wolken ist die Freiheit von Kindle, iPad und Co. derzeit alles andere als grenzenlos.
    foto: apa

    Über den Wolken ist die Freiheit von Kindle, iPad und Co. derzeit alles andere als grenzenlos.

Nach mehreren Passagier-Vorfällen - US-Luftfahrtbehörde prüft das Verbot

Im September war ein Flugpassagier im texanischen El Paso verhaftet worden, nachdem er sich geweigert hatte, sein Handy während der Landung auszuschalten. Im November umzingelte ein halbes Dutzend Polizeiautos einen Flieger am La Guardia-Flughafen in New York, wieder weil ein Fluggast sein Telefon nicht abstellen wollte.

Angst trotz fehlender Beweise

Es sind dies nur zwei von zahlreichen Vorfällen, bei denen die Besitzer elektronischer Geräte der Härte des Gesetzes oder anderer Mitfliegender ausgesetzt wurden. 2010 schlug ein 68-Jähriger einen Teenager in der Überzeugung, das Flugzeug vor einem möglichen Absturz zu bewahren. Ein Jahr später wurde Schauspieler Alec Baldwin von Bord geschmisssen, weil er mit Freunden auf seinem Smartphone "Words with Friends" spielte, während die Maschine noch am Gate wartete.

Obwohl der US-Luftfahrtbehörde FAA nach wie vor handfeste Beweise dafür fehlen, dass Telefone, Tablets und Co. tatsächlich eine Gefahr für die Bordelektronik darstellen, ist der Betrieb dieser Devices mit genau dieser Begründung während des Fluges untersagt.

FAA wechselt Argumentation

New York Times-Journalist Nick Bilton beschäftigt sich schon länger mit dieser Problematik und vergleicht das Verhalten der FAA in dieser Frage mit einem störrischen Jugendlichen. Das Verbot wurde ihm vor einem Jahr noch damit begründet, dass man eben noch nicht sicher wissen, dass durch die Nutzung dieser Geräte keine Gefahr entsteht und Passagiere bei Start und Landung außerdem aufmerksam sein sollten.

Ein anderer Vertreter der Behörde lieferte auf die Anfrage, warum man dann zwar ein gedrucktes Buch, aber kein E-Book lesen könne, wiederum eine andere Antwort. Er hielt fest, dass bereits ein iPad oder Kindle genug elektromagnetische Emissionen freisetzen würde, um den Flug zu gefährden. Wenige Wochen später kündigte die FAA an, ihre Piloten mit iPads anstelle schwerer Handbücher auszustatten.

Wiederum änderte sich die Argumentation. Nun hieß es, dass es eben einen Unterschied macht, ob zwei iPads oder 200 gleichzeitig im Betrieb wären. Was prompt von Wissenschaftlern bestritten wurde, da sich elektromagnetische Energie nicht einfach addieren lässt.

Evaluation läuft

Nach monatelangem Druck aus der Öffentlichkeit kündigte die FAA letztlich im Oktober an, die aktuell geltenden Richtlinien bezüglich elektronischer Geräte zu evaluieren, ohne allerdings einen Zeitrahmen zu nennen. Laut einer Sprecherin wird sich im Januar erstmals ein Komitee treffen, um gegebenenfalls neue Richtlinien zu erarbeiten.

NASA findet keine Beweise für Gefahr

In einem von der NASA erstellten Jahresreport werden mehrere Fälle von Problemen an Bord beleuchtet, bei denen elektronische Geräte im Spiel waren. Bei keinem einzigen konnte ein wissenschaftlicher Nachweis erbracht werden, dass ein solches Device den Betrieb des Flugzeugs stören könnte. Berichte über entsprechende Interferenzen sind bislang bloße Spekulation der Piloten.

Druck von FCC und Politik

Auch von anderen Seiten erfährt die FAA druck. Julius Genachowski, Chef der staatlichen Prüfkommission FCC, die für die Zulassung neuer Elektronikgeräte zuständig ist, stellt in einem Brief an die FAA fest, dass man dort in der Verantwortung stehe, mehr Nutzung von "Tablets, E-Readern und anderen tragbaren Geräten" zu ermöglichen. Denn dies würde es auch "kleinen und großen Betrieben ermöglichen, produktiver und effizienter" zu sein, was der Wirtschaft zu Gute käme.

Die demokratische Senatorin Claire McCaskill kündigte gar die Prüfung auf weitere Schritte des Gesetzgebers an, sollte die FAA sich bei ihrem Vorgehen zu viel Zeit lassen.

Signalwirkung

Sollte die FAA letztlich die Flugsicherheitsrichtlinien überarbeiten und den Gebrauch von Tablets, Smartphones, E-Readern und anderen Geräten freigeben, dürfte dies freilich auch Signalwirkung für die zuständigen Stellen in Europa haben, die Zügel zu lockern. (red, derStandard.at, 31.12.2012)

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