Nahost-Jahresrückblick: Alles andere als Stillstand

Blog | Andreas Hackl
31. Dezember 2012, 10:00
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    foto: reuters/ratner

Dieser ist der letzte Beitrag im Blog "Jerusalem: Geschichten aus Nahost". Das jedoch nicht, weil diese Kolumne eines jungen Journalisten besonders schlecht, oder besonders gut war. Oder weil die oft polarisierenden Texte als zu "Pro-Israel", oder zu "Pro-Palästina" wahrgenommen wurden. Sondern weil der Sparzwang der Medienlandschaft manchmal auch jene frisst, die im Prinzip am wenigsten kosten. So ist die Finanz-Stimmung nicht nur in den Redaktionen zu Hause trüb, sondern auch draußen in den Regionen der Welt, wo freie Korrespondenten oft um jeden Euro kämpfen müssen. 

Dabei ist die Nachricht von der Schließung dieses Blogs im Vergleich zum Schicksal anderer ja noch leicht zu verkraften. So hat etwa mein Korrespondenten-Kollege Max Borowski von der Financial Times Deutschland nach deren Pleite mit einem Schlag seinen Posten verloren. Andere flüchten aus Israel, weil die hohen Lebenskosten kaum mehr durch Zeilenhonorare abzudecken sind. Man könnte sagen: Egal, es gibt doch genug Zeitungen und Nachrichtenagenturen. Auch Journalisten gibt es in Israel-Palästina ohnehin sehr viele. Das mag stimmen. Doch mit dem Sterben einer weiteren Zeitung, der Schließung eines weiteren Blogs, schließt sich immer auch ein subjektives Fenster in eine andere Welt. Und bedenkt man, dass wir Journalisten in gewissem Sinne auch Historiker sind, die eine Geschichte von Morgen in der Gegenwart dokumentieren, ist jede am Boden der Tatsachen recherchierte Zeile, die veröffentlicht wird, auch eine Informationsquelle in der Zukunft.

Schleichender Wandel

Nach eineinhalb Jahren des Blogger-Daseins stellt sich rückblickend auch die Frage: einen Teil welcher Epoche der israelisch-palästinensischen Geschichte und Gegenwart habe ich dokumentiert? Die späten Achtziger waren die Jahre der ersten Intifada. Die 90er die sogenannten "Oslo-Jahre" hoffnungsvoller Friedensabkommen. Deren Scheitern und angesammelter palästinensischer Frust ließen die zweite Intifada ausbrechen, die den Konflikt in ein blutiges neues Millennium führte. Danach folgten Vermittlungsversuche, verheerende Kurzkriege und ein fast schon zur Routine gewordener Kleinkrieg um Land, Bewegungsfreiheit und Selbstbestimmung, sowie mehr israelische Siedlungen, die Spaltung der Palästinenserführung, Nationalismus, und religiöser Fanatismus. Nur was markieren die letzten beiden Jahre?

Einerseits eine Art von Stillstand, denn auf den ersten Blick tut sich nichts im nahöstlichen Friedensprozess. Andererseits aber auch Veränderungen mit immensen Folgen. Doch all diese Veränderungen sind schleichend, langsam, und deshalb für Medien schwieriger zu fassen: der langsame Ausbau von israelischen Siedlungen in jenen Gebieten, die einen palästinensischen Staat zukünftig nicht mehr umsetzbar machen. Legalisierungen von Siedlungen, die selbst unter israelischem Recht illegal waren, und die Radikalisierung der Jugend auf beiden Seiten des Konflikts. Dann ist ein zunehmender Einfluss von populistischen religiösen Nationalisten in Israel zu vernehmen, die den Zionismus mit einem göttlichen Auftrag verbinden und auf das gesamte Gebiet des historischen Israel-Palästinas ausdehnen. Auch der schleichende Zusammenbruch der palästinensischen Eliten in der Fatah, die nach dem arabischen Frühling langsam aber doch in den Schatten der Hamas gefallen sind, und ihre völlige Abhängigkeit von westlichen Geldgebern und der israelischen Gunst, sind augenscheinlich. Diese Art von Stillstand bleibt nur dann Stillstand, wenn man nicht genau genug hinsieht. Ich habe versucht, immer wieder genau hinzuschauen. Zumindest, soweit es mir möglich war.

Ich bedanke mich bei allen Lesern und Leserinnen für die Treue, und auch für jeden einzelnen kritischen Kommentar. Wer meine journalistische Arbeit auch weiterhin verfolgen möchte: meine Facebook-Seite Geschichten aus Nahost und mein Twitter-Account bleiben natürlich. Dort wird in den nächsten Tagen auch meine neue Webseite angekündigt werden, auf der über soziale Medien die wichtigsten Nachrichten und Geschichten aus Nahost zusammenlaufen werden. Und natürlich bleibe ich weiterhin Korrespondent der Wiener Zeitung und freier Autor anderer Publikationen, wie derStandard.at.

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Schade ...

Ich wünsche Ihnen alles Gute! :)

Hack war Pro-israelisch??

und Mörtel Lugner wird der nächste Papst??

Zumiondest hatte Hackl noch Glück

und ist nicht gleich auf sie Antisemitenliste gekommen wie Augstein.

Immerhin, der letzte Beitrag doch etwas satirisch...

Und zwar bei der Inanspruchnahme des "pro Israel" sein. Das war er höchstens dann, wenn es seinen geliebten Arabern in irgendeiner Form nutzen würde. Hinsichtlich zweiter Intifada, sei ihm die "Jerusalem Post" vom 30.12. empfohlen, worin die Witwe Arafat kund gab, dass Arafat persönlich die Anweisung zur zweiten Intifada gab. Nicht wegen des Spazierganges von Sharon auf dem Tempelberg, nicht wegen der schleppenden Friedensgespräche, sondern einzig und allein um seine Stärke zu beweisen. Ist aber wahrscheinlich zuviel verlangt, die Medien des Landes in dem man herumknotzt auch noch zu lesen. Da verlässt Hackl sich lieber ganz auf die arabische Erzählkunst á la Märchen aus 1001er Nacht...

3ter versuch: danke standard,

das war höchste zeit.

ich habe selten so schlechten journalismus erlebt wie in diesem "blog". dass er ernsthaft schreibt, dass jemand diesen blog für "pro-isr" halten könnte, ist da nur das i-pünktchen.

wobei hackls apa-meldungen auf gleichem niveau unterwegs sind. da gibt's noch was zu tun.

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liebe redaktion, wo soll da die beleidigung oder sonstige forenregelverletzung sein?

Ja, da hat die Redaktion ein Verantwortung. Wenn man jetzt doch noch erkannt haben sollte was Sache ist, dann wäre es naheliegend in Zukunft auch die gefärbten APA-Meldungen genauer anzusehen bevor man sie übernimmt.

Endlich.

Wurde auch Zeit.

Viel Glück, war ein tolles Blog!

Ja, ein Musterbeispiel für selektive Wahrnehmung...

Direkt Lehrbuch reif!

Ich würde meinen die völlige Verharmlosung der Hamas nur drei Tage nachdem der Chef dieser Organisation in Gaza vor dem Modell einer Rakete verkündet hat Israel nie anzukerkennen, Verhandungen grundsätzlich abzulehnen etc. war so absurd, dass man der Redaktion zu der Trennung von Herrn Hackl nur gratulieren kann.

Böser Standard....

eine der sehr wenigen, guten, deutschsprachigen Kolumnen zum Thema zu begraben ist echt schade!

Besten Dank an Andreas Hackl für die immer interessante, journalistische Arbeit und weiterhin alles Gute.

2 Anmerkungen (Teil 1)

"Auch Journalisten gibt es in Israel-Palästina ohnehin sehr viele. Das mag stimmen."

Das stimmt in der Tat. So gut wie jedes Medium der westlichen Welt, das sich jenseits der Lokalberichterstattung nicht auf die Wiedergabe von Agenturmeldungen beschränkt, leistet sich mindestens einen (häufig mehrere) Nahost-Korrespondenten, der/die 80-100% seiner Arbeitszeit dem israelisch-palästinensischen Konflikt sowie der Innenpolitik beider Konfliktseiten widmet. Dieselben Medien haben oft nur einen einzigen Korrespondenten für das ganze subsaharische Afrika.

Welchen Grund gibt es eigentlich, unter allen Konflikten der Welt ausgerechnet diesen einen so prominent zu behandeln?

Ich frage mich, was an meinem Teil 2 so schlimm war, dass der nach 24h immer noch nicht freigeschaltet ist.

Vielleicht war die "Abweichung" zu groß?

Einerseits, weil die Geschichte des Staates Israel wesentlich verknüpft ist mit dem Europa des zweiten Weltkrieges und dieser Staat daher auch kulturell in wesentlichen Teilen von europäischen Einwanderern und in seiner demokratischen Tradition definitiv von Europa geprägt ist. Andererseits, weil der Nahe Osten einfach eine kulturgeschichtlich relevante Größe darstellt. Das ist auch der Schnittpunkt der antiken Hochkulturen, die wesentlichen Einfluß auf die europäische Zivilisation hatten. Ganz abgesehen davon, daß der Nahe Osten auf Grund der Religionsgeschichte immer schon einen Interessenspunkt für Europa dargestellt hat (Nordamerika zähle ich kulturell da jetzt einfach dazu). Ich schätze die Chinesen bspw. interessiert das viel weniger.

Geschichte... demokratische Traditionen...

Sie sprechen schon vom "Staat Israel" und nicht vom Judentum oder?

Wir sprechen von welchem Zeitraum seit der Staatsgründung? Es geht hier nicht um historisch gewachsen, sondern um 1947/48 implementiert. Über welche "Tradition" sprechen wir in diesem Zeitraum, wenn wir vom Staat Israel sprechen???

Sie verstehen was "einerseits" und "andererseits" bedeutet? In "einerseits" bezog ich mich auf den Staat Israel und in "andererseits" bezog ich mich auf die Verbindungen Europas mit der Region im Nahen Osten im allgemeinen, also auf die längere Geschichte.

Und wenn Ihnen das Wort Tradition bei nur 50 Jahren Geschichte nicht paßt, dann ersetzen Sie es einfach durch "Modell". Kurz gesagt gemeint war, daß man sich beim politischen System Israels die europäischen/nordamerikanischen demokratischen Systeme zum Vorbild genommen hat (britische Kolonialmacht, europäische Juden als Einwanderer, zum Teil vor den Nazis, zum Teil vor den Sowjets geflohen).

Sehr schade das diesem Blog der Hahn abgedreht wird. Er hat, meinem subjektivem Empfinden nach, mir mehr Einblick verschafft als jede andere Meldung zu Israel, dem Westjordanland und Gaza. Danke dafür!

Ich wünsche Ihnen für ihren weiteren Weg alles Gute und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Komischerweise hat er nie geschrieben, dass das

... Westjordanland in den letzten vier Jahren immer über 10% Wirtschaftswachstum hatte, komischerweise hat er auch nie geschrieben, dass der Lebensstandard der Araber in der Westbank um 44% höher ist, als in den angrenzenden Ländern (Quelle: Palästinensisches Statistisches Zentralamt), komischerweise hat er nie geschrieben, dass in der Hadassahklinik in Jerusalem Tausende von arabischen Patienten gratis behandelt wurden. Und, und, und. Es erhebt sich nur noch die Frage: warum wohl?

Ihre Quelle...

Sie haben doch bestimmt einen Link, wo man/ ich das nachlesen kann, oder?

Bester (Ver)Walter

Sie sind duch ein gut informierter user in dieser community, der sich mit den Techniken der Internetsuche (Stichwort GIYF) sicherlich auskennt, oder nicht?

Hier, nur so zum Anfang:

http://www.tradingeconomics.com/palestine... wth-annual
http://en.wikipedia.org/wiki/Econ... erritories

Lieber Martin

ich bin auch ein Beobachter und achte daher auch auf Perspektiven.

Die "Bank of Palesine" ist zwar schön dargestellt, in tollem Licht, aber bei genauer Betrachtung fällt auf, dass es sich nur um ein 4-geschossiges Häuschen + Dachterrasse handelt vor dem ein Dacia-Logan-artiges Gefährt steht.

Das wollen Sie wirklich mit Jordanien oder Syrien vergleichen???

Mich wundert nicht, warum Rauscher nicht antwortet, mich wundert jedoch sehr, dass Sie an seiner statt in die Bresche springen wollen. Ganz ohne Not und ohne Rückhalt.

Wie kommen Sie auf Rauscher? Der ist alles andere,

... als ein Hundefreund. Und wieso sollte ich Ihnen noch antworten, wenn Herr Dobes dies in ausreichender Form gemacht hat. Nur weil Sie nicht in der Lage sind, sich selbst kundig zu machen - dies sollte man nämlich tun, bevor man dümmlich daher postet - brauchen´s Ihnen nicht aufzupudeln. Sollten Sie des Englischen nicht mächtig sein, so benutzen Sie Google-Translator. Dann wird´s wenigstens noch lustig. Es freut mich, auch Sie im Klub der Ahnungslosen, Unterabteilung Heldenplatzenkerl, begrüßen zu dürfen. Guten Abend!

Schade!

Ihr Blog war immer ein besonnener Beitrag im Dschungel der leider sehr einheitlichen Meldungen der Nachrichtenagenturen in unserer Medienlandschaft. Schade auch, dass der Standard mit dem Abdrehen Ihres Blogs nicht bis nach den Wahlen gewartet hat. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg in der Zukunft.

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