"Der Genozid war der Eckstein der neuen Türkei"

Interview
  • Ein Poster mit Gesichtern von Überlebenden der Massaker, die ab 1915 
durch die osmanische Armee an den Armeniern stattfanden. Mehrere 
hunderttausend Menschen kamen damals ums Leben.
    foto: ap

    Ein Poster mit Gesichtern von Überlebenden der Massaker, die ab 1915 durch die osmanische Armee an den Armeniern stattfanden. Mehrere hunderttausend Menschen kamen damals ums Leben.

  • HAJK DEMOJAN (37) ist Historiker und seit 2006 Direktor des Armenischen 
Genozid-Museums in Eriwan. Er leitet außerdem die staatliche Kommission 
zum weltweiten Gedenken des 100. Jahres des armenischen Völkermords, das
  2015 stattfindet.
    foto: standard/privat

    HAJK DEMOJAN (37) ist Historiker und seit 2006 Direktor des Armenischen Genozid-Museums in Eriwan. Er leitet außerdem die staatliche Kommission zum weltweiten Gedenken des 100. Jahres des armenischen Völkermords, das 2015 stattfindet.

Hajk Demojan, der Direktor des Armenischen Genozid-Museums, pocht auf die Anerkennung des Völkermords durch die Türkei

Markus Bernath traf ihn in Eriwan.

 

STANDARD: "Politiker sollten nicht über Geschichte entscheiden, Geschichte sollte Historikern überlassen werden" - macht das für Sie Sinn?

Demojan: Das ist eine türkische These. Es bedeutet, eine Reihe von Euphemismen zu verwenden, Umschreibungen, um der Verantwortung zu entkommen und dem Erbe jenes Landes, das einen Völkermord begangen hat. Es gab ja eigentlich keinen Regimewechsel, sondern nur die Fortsetzung derselben Politik, einer Staatsgründungsidee, die hieß: "Die Türkei für die Türken." Die moderne Türkei fußt - wie es mein Kollege, der türkische Historiker Taner Akçam, ausdrückte - auf dem Völkermord an den Armeniern. Das war der Eckstein des neuen Staats. Kleinasien "säubern" von allen christlichen Minderheiten.

STANDARD: Der Völkermord fand Jahre vor der Gründung der türkischen Republik 1923 statt.

Demojan: Nein, es war ein Plan. Wer war Atatürk, der die moderne Türkei begründete? Er war Mitglied der Partei der Jungtürken. Atatürk setzte die Politik der Gräueltaten gegen Christen in Kleinasien fort. Neue Dokumente beweisen, dass Atatürk der Mann war, den die jungtürkische Regierung während des Ersten Weltkriegs im Kopf hatte für den Fall, dass sie den Krieg verliert. Atatürk sollte etwas von - sie sagten von "Anatolien" aus, aber es war Armenien, starten. Er sollte Widerstand gegen alle ausländischen Interventionen leisten.

STANDARD: Wenn Sie behaupten, der Genozid sei ein Eckstein der Türkischen Republik, dann wird es wohl schwierig mit einer Anerkennung des Völkermords durch die Türkei und einer Aussöhnung.

Demojan: Darum geht es hier nicht, das hier ist eine akademische Frage. Wir sprechen über Archivmaterial, über Dokumente, die kürzlich erst von meinen türkischen Kollegen enthüllt wurden - nicht von armenischen Historikern, nicht von amerikanischen, britischen oder russischen Historikern. Ugur Ungör zum Beispiel bewies, dass sich vom Regime der Jungtürken zur Republik nichts geändert hatte. Der Plan war derselbe. Dieselbe jungtürkische Politik gegen die Armenier begann gegen die Kurden angewandt zu werden.

STANDARD: Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu sagt, er behaupte nicht, dass 1915 nichts geschehen sei. Was er anbietet, ist die Idee eines "geteilten Schmerzes" aller Minderheiten, aller Volksgruppen, die in den Jahren des Zusammenbruchs des Osmanischen Reichs gelitten haben. Würden Sie das akzeptieren?

Demojan: "Schmerzen teilen" ist ein sehr menschlicher Begriff, aber das ist nicht der Fall in der Art und Weise, wie er in der offiziellen türkischen Rhetorik gebraucht wird. Ankara versucht aus Propagandagründen, verschiedene und nicht vergleichbare historische Ereignisse zu verbinden: staatlich geplanten und ausgeführten Völkermord und sporadische tödliche Vergeltungsakte als Ergebnis dieses Völkermords. Jeder Völkermord löst Selbstverteidigung und Vergeltung aus. Wir können Schmerzen teilen, wenn die Türkei akzeptiert, dass es ein staatlich geplanter Genozid war, wie Forschungen zeigen. Ich bin bereit, Schmerzen zu teilen, wenn die Türkei Verantwortung zeigt, mit den Folgen dieses Genozids umzugehen, der eigenen Geschichte ins Gesicht sieht und sich für das begangene Verbrechen entschuldigt. Sie muss die Zerstörung des christlichen armenischen Kulturerbes stoppen, das auf türkischem Gebiet noch übriggeblieben ist: Kirchen, Friedhöfe, Gebäude.

STANDARD: Sie werden derzeit an die armenischen Gemeinden zurückgegeben.

Demojan: Das ist Teil der Strategie zum 100. Jahr des Völkermords. Wir haben unsere Strategie für 2015, sie haben die Ihre. Kommt es zur Anerkennung, müssen sich der armenische und der türkische Staat mit einem schwierigen Thema beschäftigen. Viele Armenier haben Anspruch auf Eigentum - Grundbesitz, Geschäftsvermögen, das gemäß dem republikanischen Gesetz von 1924 enteignet wurde.

STANDARD: Anerkennung des Völkermords würde heißen Ansprüche auf Entschädigung?

Demojan: Das ist Anerkennung oder - ich benutze Davutoglus Worte - "das Leid teilen". Schmerzen zu teilen ohne Inhalt ist nur verbale Gymnastik, wie sie bisher von der türkischen Führung betrieben wurde. Ich verstehe die türkische Psychologie: Sie fühlen sich angegriffen, erniedrigt. Aber jedes Verbrechen zieht Folgen nach sich. Und Völkermord ist das äußerste Verbrechen.

STANDARD: Was bedeutet 2015?

Demojan: Für uns ist es das symbolisch wichtige 100. Jahr des Völkermords, und nichts wird danach vorbei sein. Danach kommt eben 2016, 2017, und unser Streben wird dasselbe bleiben. Wir wollen Bewusstsein dafür wecken, was 1915 geschah. Dass es nicht nur ein armenisch-türkisches Pro blem ist, sondern Teil der Weltgeschichte. Wir wollen die Türken nicht anklagen, wir wollen uns an die türkische Gesellschaft wenden und erklären, welche schlimmen Taten ihre Führung verübt hat. Wir wollen Aussöhnung durch Annahme der Geschichte. Das ist das Wichtige. (DER STANDARD, 31.12.2012)

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