Der einmalige Sieger mit den königlichen Storys

Fritz Neumann
30. Dezember 2012, 19:04
  • Pürstl sprang stets mit weit geöffnetem Mund. "Keine Ahnung, wieso." 
Später arbeitete er als Kameramann für diverse kanadische Sender, aber 
auch für Ihre Majestät, die Königin.
    foto: privat

    Pürstl sprang stets mit weit geöffnetem Mund. "Keine Ahnung, wieso." Später arbeitete er als Kameramann für diverse kanadische Sender, aber auch für Ihre Majestät, die Königin.

Willi Pürstl war 1975 mit 19 Jahren der zweite Tournee-Sieger Österreichs. Es sollte sein größter Erfolg bleiben. Später verschlug es den Steirer nach Kanada. Pürstl wurde Kameramann und Geschichtenerzähler

Ottawa/Wien - Die Indianer demonstrieren. Mehr als tausend sind es, die sich vor dem Parlament in Ottawa versammelt haben, um gegen ihre katastrophalen Lebensbedingungen und Restriktionen durch kanadische Gesetze zu protestieren. Ihretwegen hat sich Willi Pürstl auf den Weg gemacht, und weil ihn Adam Beach darum bat. Adam ist selbst indianischer Abstammung und einer der bekanntesten Schauspieler Kanadas ("Flags of our Fathers", "Cowboys & Aliens").

Pürstl, mit Beach seit langem befreundet, soll die Demo filmen. Das Parlament war jahrelang sein zweites Büro, da hatte er als Kameramann und Produzent des TV-Senders Chum TV vor allem kanadische Innenpolitik zu covern. Den Weg kennt Pürstl fast auswendig, er fährt dennoch langsam, schließlich hat es endlich zu schneien begonnen in Ontario, etwas später als üblich.

Steirerbua im Skigymnasium

Willi Pürstl (57) hat es weit gebracht, in mehrfacher Hinsicht. Der erste Schritt war jener von der 1000-Einwohner-Gemeinde Schöder, Bezirk Murau, nach Stams bei Innsbruck. Für einen Steirerbuam, so talentiert er auch war, war der Besuch des Skigymnasiums schon insofern keine Selbstverständlichkeit, als es erst kurz zuvor aufgesperrt hatte. Pürstls Vater, als Gemeindesekretär kein Spitzenverdiener, hatte mit Mühe das Schulgeld aufgebracht. Willi hatte noch drei Brüder und eine Schwester.

In Schöder gab es eine kleine Schanze und ein großes Vorbild. Willi Egger aus Murau nahm 1956 als Kombinierer und 1960 als Springer an Olympia teil, die Vierschanzentournee 1961/62 beendete er als Zweiter. Pürstl hatte beim Wintersportverein Murau just mit alten Skiern von Egger begonnen. "Sie hatten keinen Belag, waren zu lange. Der Vater hat sie mir hinten abgeschnitten."

Karl Schnabl und Pürstl waren die ersten Springer in Stams und klarerweise Zimmerkollegen. Das Skigymnasium war im ersten Jahrzehnt nicht unumstritten, weil die ersten der nun unzähligen Erfolge eine Zeitlang auf sich warten ließen. Auch für Willi Pürstl sah es nicht gut aus, damals, im November 1974. Er stürzte nach einem Trainingssprung beim Abschwingen, brach sich ein Schulterblatt. Sein Oberkörper steckte in Gips, und es hieß, die Tournee könne er sich aufzeichnen. Doch Anfang Dezember kam der Gips herunter, und Mitte Dezember kam Pürstl in Form. Knapp vor Weihnachten qualifizierte er sich für die erste der vier Schanzen. Er war keine 20 Jahre alt, hatte soeben erst den Sprung in den A-Kader geschafft.

Tournee als Höhepunkt

Oberstdorf, 29. Dezember 1974. Baldur Preiml, der Cheftrainer, weckt die Springer. Sie drehen gleich in der Früh eine Laufrunde, jeder für sich. Die Sonne kommt heraus, Pürstl hält inne, blickt rauf zur Schanze. " Plötzlich wusste ich, es wird was gehen." Am Ende hatte er den ersten, einzigen großen Sieg seiner Karriere gelandet und die Basis zum Tournee-Gesamtsieg gelegt, den er mit zwei fünften Plätzen und einem sechsten Platz perfekt machte. Schnabl nützten drei Tagessiege nichts, er war in Oberstdorf als 35. abgestürzt, wurde Dritter hinter Pürstl und Edi Federer.

Pürstl hatte geschafft, was Egger verwehrt geblieben war, den zweiten Gesamtsieg nach Bubi Bradl (1953). Und Österreich hatte zum ersten Mal dreifach gesiegt, was erst wieder 2012 (Schlierenzauer, Morgenstern, Kofler) gelingen sollte. In den 70ern war bald und erstmals vom " Skisprung-Wunderteam" die Rede, neben Schnabl taten sich die Herren Innauer, Lipburger, Wallner, Gürtler, Wanner, Bachler und Pungg hervor. Wenig später sollten Neuper und Kogler dazustoßen.

Allein Pürstl scheiterte oft schon an der internen Konkurrenz. "Meine 76 Kilo waren ein echtes Handicap." Sein Spitzname "Jumbo" kam nicht von ungefähr. Vor Olympia 1976 befand sich Jumbo in ähnlich guter Form wie Schnabl, doch die Deutschen protestierten erfolgreich gegen Pürstls revolutionäre Bindung. Mit dem herkömmlichen Material kam er nicht zurecht und flog aus dem Team. An den Erfolg von 1974/75 ließ sich nicht mehr anknüpfen. Als Pürstl 1980 aufhörte, blickte er auf neun Top-10-Plätze im Weltcup zurück, doch nur einmal war er auf dem Stockerl gestanden, 1974 in Oberstdorf.

"Jumbo" in Spanien und Ottawa

Spaniens Verband verpflichtete Pürstl als Trainer, er übersiedelte an die Costa Brava, übernahm ein Team, das "aus Kindern bestand". Vier Jahre später sprang eines der Kinder in Seefeld auf den 16. WM-Platz, eine kleine Sensation. 1984 wechselte Pürstl als Cheftrainer nach Kanada. Horst Bulau und Steve Collins waren ins Formtief gerutscht, daran konnte der neue Coach nur partiell etwas ändern. Immerhin wurde Bulau 1988 in Calgary Olympia-Siebenter.

"Ich habe mich in die Stadt Ottawa verliebt", sagt Pürstl. So blieb er dort, schlug Angebote aus den USA und Italien aus. Ein österreichischer Freund arbeitete als Kameramann in Kanada, an ihm nahm sich Pürstl ein Beispiel. Nach kurzer Ausbildung hatte er sein erstes Bewerbungsgespräch, tags darauf hatte er seinen ersten Vertrag. Er reiste viel, berichtete aus dem Jugoslawienkrieg, berichtete aus Miami, als dort zu Beginn der 90er mehrere Touristen ermordet wurden.

Pürstl hat zwei Kinder aus seiner ersten Ehe mit der Kaprunerin Helma, Christopher (33) und Nina (32), und einen weiteren Sohn aus der zweiten Ehe mit der Kanadierin Terry, Wesley (16). Auch Helma ist wieder verheiratet, die beiden Familien verstehen sich prächtig, sind eigentlich eine Familie, die erste Frau ist Taufpatin des dritten Kindes. Weihnachten wurde gemeinsam bei Pürstls gefeiert. "Das Leben ist zu kurz", sagt Willi, "um zu streiten."

Seit 2001 ist Pürstls rechte Hüfte eine künstliche, er wurde Chefproduzent, baute nebenbei seine eigene Firma (Skyfly Productions) auf. Dieses zweite Standbein erwies sich als Glücksfall, da Pürstl nach einer Senderzusammenlegung zwar gut, aber eben doch abgefertigt wurde. " Ich hatte sofort meine ersten Aufträge", und mittlerweile laufen die Geschäfte "besser denn je". In Ottawa ist Pürstl eine kleine Berühmtheit. Vor fünf Jahren, als Arnold Schwarzenegger auf Staatsbesuch kam, traf der ehemalige Skispringer den damaligen Governor von Kalifornien. Pürstl: "Sehr nettes Plaudern in sehr breitem Steirisch." Als offizieller Kameramann der königlichen Familie hat er die Queen ebenso durch Kanada begleitet wie ihren Enkel William und dessen Frau Kate. "Ganz normale Menschen, mit denen du eine Mordsgaudi haben kannst."

"Always a Murtaler"

Diese Bekanntschaften sind ihm schon wichtig, allein des Geschichtenerzählens wegen, aber viel wichtiger sind ihm Freunde und Verwandte. Jeden zweiten Tag telefoniert er mit seiner 90-jährigen Mutter, beinah jedes Jahr fliegt er in die alte Heimat. Skispringen, auch die Tournee, verfolgt er via Internet. Mit Karl Schnabl ist er in E-Mail-Kontakt, der Ex-Zimmerkollege hat für den Sommer seinen Besuch angekündigt. Pürstl ist längst Kanadier und wird es bleiben, obwohl ihm die Berge fehlen. Im Herzen, sagt er, bleibt er natürlich auch Österreicher. "Once a Murtaler, always a Murtaler!" (Fritz Neumann, DER STANDARD, 31.12.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 50
1 2
was wurde aus

kurt pittner?

bravo Billy Würstl!

31.12.2012, 16:08

grundsätzlich bin ich ja etwas skeptisch, ob Kanada das beste im Steirer weckt........aber ich glaub der WP ist ein feiner kerl.
sehr netter artikel.

Naja,

das bekannteste Beispiel hatte davor bestenfalls Stroh im Sack, jetzt doch eher was besseres... Dass das für den Rest der Gesellschaft net unbedingt gut ist, ist eine andere Frage, genauso, ob der auch glücklich mit dem erreichten ist, dieser Altersaktionismus zeugt ja doch fast schon von einer Getriebenheit.

Danke Standard. Top Artikel zur rechten Zeit!

"Sehr nettes Plaudern in sehr breitem Steirisch."

Graz soll mit Murau sprachliche Gemeinsamkeiten haben?
Da lachen sich ja die Fische in der Mur einen runter.

Ansonsten ein feiner Artikel.

Sprachliche Gemeinsamkeiten

finden sich wahrscheinlich im US-Grazer und im Kanada-Murtaler ?? ;-)

Klar, die sind aber nicht "steirischer" Natur, sondern deutschsprachiger oder bestenfalls österreichischer oder alpenländischer Natur.

Der Murauer ist sowohl dem Klagenfurter als auch dem Salzburger näher als dem Grazer.

Dem Salzburger aus'm Lungau - ja.

Dem Klagenfurter gar nicht.

Guten Rutsch !

Gerade in Murau hört man viel Kärnten aus der Alltagssprache heraus.
Ins Metnitztal ist es nicht weit. Deutlich mehr Klagenfurt als Graz.

Ebenfalls Guten Rutsch, wenn Sie noch erreichbar sind;)

Eine ganz intensive Kindheitserinnerung..

Verbinde ich mit Willi Pürstl: ist er nicht einmal bei einem Wettbewerb im Anlauf gestürzt und dann über den Bakken geflogen?
Was wurde aus.... geniale Serie....
Danke.

ja, ganz nett,
vor allem, weil die Storys durchgehend positiv "gestylt" sind

bemerkenswert: vor 1974 hat nur EINMAL ein Österr. die Vierschanzentournee gewonnen...
und heute gibts Wehklagen, wenn ein Österreicher
Zweiter wird, na ja, man wird halt verwöhnt

Liegt erstens daran, dass die Österreicher zuvor lange Zeit im Niemandsland (mit Ausnahme von Bachler, der aber meistens die Nerven wegwarf) waren und die Gründer generell mit der Terminisierung der Tournee einen genialen Coup landeten, obwohl es denen vielleicht damals gar nicht so bewusst war.

Die Weihnachtsferien gehörten einfach den Schispringern.

Und so medial übersättigt wie heute waren wir natürlich auch nicht. Da blieben einzelne Sportler viel eher in Erinnerung.

...das war nicht Reinhold Bachler, sondern Reinhold "Kachler". Legendär!

die weihnachtsferien gehörten immer noch der stadthalle! so schauts aus!

und heute ist es das wfv-turnier im dussika stadion!

und was war

dort ? Der wirkola sicher nicht

Nur wen außerhalb Wiens (von mir aus außerhalb Österreichs) hat das wirklich interessiert? Das Neujahrsspringen wurde sogar in England und Holland übertragen.

Aber gut: Tradition hatte es schon. Am 25.12. begann das Grazer Turnier (bis zum. 27.12) und dann am 26.12 (ungefähr bis Dreikönig das Wiener Turnier). Waren tolle Zeiten damals.

Die Alpinen hatten jedenfalls größtenteils Pause und stiegen erst so gegen Dreikönig ein. Bormio und der Semmering kamen erst viel später.

macht mal bitte "Was wurde aus Werner Rathmayr (?)". Er blieb als einer der interessantesten Springer in Erinnerung. Sein Gefuchtel in der Luft. Herrlich.

Hihi, auf Wikipedia steht:

"Rathmayr war für seinen charakteristischen Sprungstil bekannt, der sich durch zahlreiche Korrekturen mit den Händen und Fingern während der Flugphase kennzeichnete und ihm den Beinamen "Pianist der Lüfte" einbrachte."

Was nicht dort steht: Seine Karriere dürfte wohl ein "Team-Bungee-Jump" (bei einem Showevent, glaube ich) zusammen mit seinen Kollegen gekostet haben, als er irgendwo hängenblieb und sich was dabei brach.

Oberschenkel.

War ziemlich arg !

Mit am Seil u.A. Goldberger Andi, Moser Christian und (glaube) Horngacher Steff.

Rathmayr war ein Klassespringer (und -flieger), heute wirkt er etwas verwirrt...

http://youtu.be/utPHY02tBBU
http://youtu.be/LcVDk3psvFs

da sieht man wieder, was so ein tourneesieg wert ist.
er ist untrenbar mit dem österr. wunderteam der 70er in unseren köpfen,
kaum zu glauben, dass er nur ein einziges mal am stockerl war.

16. platz bei der wm in seefeld eines spaniers?
hab ich jetzt in den ergebnissen nichts gefunden

http://www.fis-ski.com/uk/604/61... raceid=296
http://www.fis-ski.com/uk/604/61... raceid=295

aber egal

Bernat Sola hieß der, ...

... bzw. heißt er heut' noch immer ;-)

http://de.wikipedia.org/wiki/Bernat_Sola

Posting 1 bis 25 von 50
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.