Ex-US-Geheimdienstler: "Die Stasi hätte ihre Freude an unserer Ausrüstung"

  • Thomas Drake drohten als Staatsfeind 35 Jahre Haft.
    foto: thomas_drake1 @ twitter.com

    Thomas Drake drohten als Staatsfeind 35 Jahre Haft.

Ehemalige Mitarbeiter der NSA packen am "29c3"-Kongress aus

Zwei ehemalige Mitarbeiter der National Security Agency (NSA), einem US-Geheimdienst der für die globale Überwachung und Entschlüsselung von elektronischer Kommunikation zuständig ist, haben am diesjährigen Chaos Communication Congress (29c3) in Hamburg ausgepackt.

Illegale Überwachung nach 9/11

So sagt etwa einer der beiden, Thomas Drake, dass beim NSA schon kurze Zeit nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vormals für den Einsatz gegen äußere Bedrohungen gedachte Spionagemittel gegen die "eigenen Leute" eingesetzt worden seien, wie heise zitiert. Dies soll ohne richterliche Genehmigung und somit verfassungswidrig geschehen sein.

Dabei hätte der NSA schon damals über ein Filtertool namens ThinThread verfügt, das leistbar und effizient die Daten unverdächtiger Personen aus der Überwachung habe ausschließen können. Drakes Ansicht nach hätten durch den Einsatz von ThinThread die Anschläge von vor elf Jahren verhindert werden können. Jedoch entschied man sich dafür, auf das Trailblazer-System zu setzen, welches 2005 nach einer Kostenexplosion eingestellt wurde.

Vom NSA-Angestellten zum Staatsfeind

Drake, der der Ansicht ist, dass der Staat alles über seine Bürger wissen will, schildert auch seine eigenen Erfahrungen mit der Regierung. So habe er einem Journalisten Einblick in Akten ermöglicht, die jedoch nicht als "geheim" eingestuft waren. In Folge dessen sollen die Dokumente nachträglich als "top secret" klassifiziert und Informationen verzerrt worden sein, um ihn hinter Gitter zu bekommen. Bis zu 35 Jahre Haft drohten Drake, der zweieinhalb Jahre als Staatsfeind betrachtet wurde, ehe er aus Mangel an Beweisen wieder auf freien Fuß kam.

"Wie kann eine Demokratie neben einem Sicherheitsstaat existieren?"

Dystopien, wie sie George Orwell in "1984" beschreibt, sind seiner Ansicht nach bereits Alltag. "Die Stasi hätte ihre Freude an unserer Ausrüstung", meint der Ex-NSA-Mitarbeiter unter Verweis auf das damalige DDR-Regime und seinen weitreichenden Überwachungsapparat. "Wie kann eine lebendige Demokratie neben einem Sicherheitsstaat existieren?", fragt sich Drake

"Krieg" gegen Whistleblower

Seine Anwältin, Jesselyn Radack, spricht gar davon, dass die Regierung "Krieg" gegen jene führe, die mit solchen Informationen an die Öffentlichkeit gehen. Unter der Obama-Regierung sind diesbezüglich bereits mehr Personen angeklagt worden, als unter allen vorhergehenden Administrationen insgesamt. Auch sie selbst sei im Rahmen ihrer Arbeit als Juristin und Menschenrechtsexpertin bereits auf der berüchtigten "No Fly"-Liste vermerkt worden, was zur Folge hatte, dass sie sich bei jedem Flug einer genauen Leibesvisitation unterziehen musste.

Sie hält die neuen Mittel des Digitalzeitalters für eine Chance, sich gegen Despoten zu wehren und hebt die Bedeutung von Organisationen wie WikiLeaks hervor, über die große Mengen an brisantem Material schnell an die Öffentlichkeit gelangen. Sie kritisiert den Staat dafür, diese moderne Technik gegen Aufdecker einzusetzen.

ThinThread analysiert fünf Petabyte an Daten pro Minute

Als zweiter ehemaliger NSA-Angestellter trat auch William Binney ans Rednerpult. Er hatte einst das bereits erwähnte Filterprogramm ThinThread mitentwickelt. Obwohl er über Jahre hinweg versucht habe, die jeweiligen Kongressführer, in Parlaments-Ausschüssen und im Justiz-Ministerium selbst Aufmerksamkeit auf die Missstände innerhalb der Überwachungsprogramme zu schaffen, seien deren Aktivitäten immer stärker ausgeweitet worden.

Nach seiner Pensionierung ging Binney schließlich an die Öffentlichkeit. Er erzählt, dass alleine vom Telekommunikationsdienstleister AT&T tagtäglich mehrere hundert Millionen Spuren an die NSA übermittelt werden. Zu Beginn der der ThinThread-Entwicklung hatte man eine Auswertungskapazität von 20 Terabyte pro Minute angepeilt, mittlerweile dürften im gleichen Zeitraum rund fünf Petabyte an Informationen analysiert werden können. (red, derStandard.at, 29.12.2012)

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