Das Playoff der Rookies

Walter Reiterer
29. Dezember 2012, 10:53
  • Der Rookie des Jahres der Endzone: Robert Griffin III lief sich heuer nicht nur in die Herzen der Redskins Fans. Neujahrswunsch: G'sund bleiben!
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    Der Rookie des Jahres der Endzone: Robert Griffin III lief sich heuer nicht nur in die Herzen der Redskins Fans. Neujahrswunsch: G'sund bleiben!

  • Size doesn't matter. Russell Wilson sieht zwar kaum über seine eigene O-Line, sein NFL-Handicap ist trotzdem auf 0. Neujahrswunsch: Falkenduell im Divisional Playoff.
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    Size doesn't matter. Russell Wilson sieht zwar kaum über seine eigene O-Line, sein NFL-Handicap ist trotzdem auf 0. Neujahrswunsch: Falkenduell im Divisional Playoff.

Die alten Herren sind geschlagen. Pittsburgh verpasst das Playoff in der AFC, der Titelverteidiger wohl das seine in der NFC. Die junge Garde übernimmt

Die Niederlage der Pittsburgh Steelers bei den Cincinnati Bengals war zwar knapp, kam am Ende aber gar nicht mehr so überraschend daher. Die Steelers müssen eine Saison abhaken, in der sie gegen Oakland, Tennessee, Cleveland und San Diego den Kürzeren gezogen haben und damit eine Niederlage gegen mindestens vier Teams erleiden mussten, die ebenfalls nur Zuschauer während der K.O.-Runden sein werden.

Mögen es die zahlreichen Ausfälle gewesen sein oder das voranschreitende Alter mancher Protagonisten - die Steelers Defense war heuer einfach nicht in der Lage, eine vernünftige Zahl an Turnovers zu generieren. Zusammen mit einer Offense, der ein fitter Charlie Batch wohl besser als ein angeschlagener Ben Roethlisberger getan hätte und die von sich aus Spiele meist nicht entscheiden kann, führte das eben zu diesem Ergebnis. Völlig verdient.

Dafür führte Andy Dalton die Cincinnati Bengals auch in seinem zweiten Jahr ins Playoff. Die Arbeit von Marvin Lewis basiert nicht auf Zufällen, denn neben und für Dalton wurde 2010 Receiver A.J. Green von Georgia gedrafted. Zusammen mit BenJarvus Green-Ellis als Runningback verfügen die Tiger Ohios über drei ausgezeichnete Skill-Player in ihrer Offense. Dazu kommt eine kompakte Defense, die gegen den Lauf die #8 und gegen den Pass die #10 der Liga darstellt. Das ist ein Paket, das den Empfänger „Playoff" nun zwei Mal erreicht hat. Bravo. In ihrem letzten Spiel der Regular Season, gegen Baltimore, geht es de facto um nichts mehr. Sollte New England gegen Miami patzen, dann können die Ravens mit einem Sieg noch den dritten Seed einnehmen. Den sie vielleicht gar nicht wollen, schaut man sich die möglichen Szenarien an.

Diese (Szenarien) für die Woche 17 finden sie übrigens hier zusammen gefasst, das aktuelle Playoff-Bild wie immer hier.

Luck & Error

Nicht dass es alleine Glück gewesen wäre, aber die Anzahl der Fehler von Colts-Quarterback Andrew Luck, die lässt kaum einen Rückschluss auf Indys heutiges Standing zu. 18 Interceptions warf der Rookie - der aktuell Spitzenwert in der NFL. Er und illustrer Weise „Sophomore" Andy Dalton sind die einzigen Spielmacher, die mit mehr als 14 geworfenen Picks das Playoff bereits erreicht haben. Lucks Passer-Rating befindet sich mit 75.6 im Keller zwischen Ryan Tannehill (76.9) und Jake Locker (72.9). Es ist die Anzahl der geworfenen Yards (4.183), die den Unterschied zwischen Luck und den hier erwähnten QBs von Miami bzw. Tennessee ausmacht. Auch wo sein Team damit steht, spielt natürlich eine wesentliche Rolle. Luck gab der Franchise in Indianapolis ihr Gesicht zurück und mit 10-5 hat man mehr erreicht, als man in Indiana im Sommer noch zu träumen wagte. Gemotzt und gestritten wird sowieso nur, wenn das Endergebnis nicht passt. Die Zahlen müssen aber berücksichtigt werden, wenn man den Rookie des Jahres sucht. Luck kann das eigentlich nicht sein, er ist „nur" die Story 2012 der AFC.

Dass der Modus Altmeister raus (Steelers) - freche Rookies rein (Indianapolis), kein Zufall ist, das zeigen etliche andere QBs. Die neue Generation kann erstmals weitreichend etwas Unerhörtes, was früher nur Einzelnen vorbehalten war. Sie stecken am College aus, in der NFL ein und machen weiter, als wäre nichts gewesen. Das war schon bei Tebow und Newton so, bei Luck, Russell und Griffin III setzte sich der „Trend" weiter fort, wobei die NFL-Teams ihren Drafts entgegen kamen und - in unterschiedlichen Ausmaßen - ihr Spiel für den Neuankömmling adaptiert haben. Luck ist da nicht das allerbeste Beispiel, Tebow war es dafür umso mehr, als die Broncos plötzlich wie die Gators aussahen. Das ist aber schon wieder Geschichte, wird er (Tebow) womöglich in Jacksonville landen, wo er meiner Ansicht nach schon längst hingehört hätte. Diese Flexibilität der Spielphilosophie findet man in zwei wunderschönen Versionen in der NFC.

Russell Unchained

Haben Sie das neulich von den Seahawks gesehen? Das, was sie mit San Francisco da angestellt haben, war schon allerhand. Die 49ers aufgegabelt, zurecht gelegt und mit Wucht an die Wand des CenturyLink Field gehauen. Das sah man heuer so noch nie. Die beiden Head Coaches trafen sich im November 2009 noch am College. Als Pete Carroll, heute Seahawks Cheftrainer, mit den USC Trojans gegen die Stanford Cardinal von Jim Harbaugh mit 21:55 unterlag und Harbaugh, trotz einer klaren Führung im Rücken, nach einem Touchdown auf eine 2-Point-Conversion ging (die misslang), stellte er (Carroll) die Frage nach der sportlichen Klasse des Harbaugh. Zwei Jahre danach wollte der ehemalige Stanford Student und heutige Seahawks Spieler Richard Sherman „Revanche" für das, was er Carroll damals antat und fragte seinen Coach, ob er nun, wo der Zeiger in die andere Richtung ausschlägt, nicht auch auf zwei Punkte nach einem TD gehen will. Carroll lehnte das ab, denn die Frage damals habe er ganz ernst gemeint. Harbaugh ist für ihn vermutlich ein Top-Coach, aber eben kein Sportsmann, sondern ein alleine vom Ehrgeiz bestimmter Geist. Carroll begreift sich in dem Kontext klar als „Ghostbuster".

Völlig losgelöst in dem Spiel, welches Seattle die Wild Card fixierte und ihnen noch die theoretische Chance auf den Titelgewinn in der NFC West ließ, agierte Quarterback Russell Wilson, der ein bisschen im Schatten von Luck und RG3 spielt, das dafür aber immer besser. Zwar komplettierte Wilson lediglich 15 Pässe (von 21) für 171 Yards, vier Bälle wurden dabei aber zu Touchdowns verwandelt. Den Rest erledigt Marshawn Lynch im Biest-Modus, der auf 4.2 Yards pro Laufversuch (insgesamt 111 +1 TD) gegen die 49ers kam und damit ihren Spielschnitt für zugelassene Rushing Yards Richtung Dreistelligkeit drückte.

Wilsons Auffälligkeit ist seine Unauffälligkeit. 2.868 Passing Yards = Mittelmaß. 25 Touchdowns = oberes Mittelfeld. Zehn Interceptions = mittleres Spitzenfeld. Zusammen ergibt das aber ein wunderbares Rating von 98.0. Auch hier schauen wir uns, wie bei Luck, die Nachbarschaft an. Hinter ihm ist Colin Kaepernick (95.9), knapp davor (98.3) Tom Brady. Der Tom Brady. So wertvoll ist Wilson also als Komplettpaket. Vielleicht hängt ihm die unselige Interception noch nach, die in Woche 3 Sehbeeinträchtigte als Referees verkleidet zum Touchdown erklärten (und was damit GB womöglich die Bye Week kostet), Wilson fliegt tatsächlich aber weit unterm Radar. Die Seahawks als Mannschaft wohl eher nicht mehr, ist ihre Defense statistisch die viertbeste der NFL. Das könnte in der Form durchaus interessant werden in den Playoffs.

Griffin ist der Mann

Mein Rookie des Jahres, egal ob er am Sonntag mit Washington das Playoff erreicht oder nicht, ist Robert Griffin III. Mit einem Rating von 104.1 befindet er sich Tür an Tür mit Peyton Manning (103.7) und Aaron Rodgers (106.2). Er steht sinnstiftend für die Generation Plug&Play, die für so viel Verve in der NFL sorgt. Ankommen, einstecken, spielen. So geht Rock 'n' Roll. Was einfach aussieht, hat Redskins Headcoach Mike Shanahan wohl Monate an Vorbereitungszeit gekostet, denn keine andere Offense als jene Washingtons, wurde so perfekt um- und auf RG3 maßgeschneidert. Der quicke Griffin, zusammen mit dem schnellen Bullen Alfred Morris im Backfield, ist derart orchestriert quasi nicht zu verteidigen. Noch selten hat der Begriff Option so eine Manifestation am Spielfeld gefunden. Die Dinge passieren schnell, die Redskins erhöhen damit Football als TV-Sport. Bitte die Lupe. War das designed? Sagen wir ja. Das Team ist seit Anfang November ungeschlagen. Es wäre schade, wenn ihnen Dallas am Sonntag noch die Saison abschießt, aber die gröbsten Zukunftssorgen - und Washington hatte kürzlich noch sehr grobe - ist man in der Hauptstadt dann los, wenn der junge Mann gesund bleibt.

Der Fünfkampf am Sonntag

Neben dem Duell um den Gewinn der NFC East (Washington-Dallas), ist auch noch eine Wildcard in der NFC zu haben. Auf der sitzt derzeit Minnesota, das am Sonntag Green Bay zu Gast hat. Gewinnen die Vikings das Spiel, dann sind sie durch. Verlieren sie, dann bringt das Chicago (@Detroit) ins Rennen zurück. Verliert auch Chicago, dann könnten bei einem Sieg sogar noch die NY Giants sich die Wild Card holen, vorausgesetzt sie schlagen Philadelphia und Dallas unterliegt in Washington. Gewinnen in dem Fall die Cowboys, dann fällt die Wild Card Washington zu. Die Cowboys selbst können keine Wild Card mehr holen, lediglich der Gewinn der Division = ein Sieg über die Redskins - würde sie in die K.O.-Phase bringen.

Damit wäre möglich, dass nach dem nächsten Sonntag der Titelverteidiger NY Giants raus ist (das ist sogar sehr wahrscheinlich) und zwei Teams mit Rookie Quarterbacks dafür drinnen sind. Insgesamt könnte dann die Hälfte der zwölf Playoff-Teilnehmer (Indianapolis, Cincinnati, Seattle, Minnesota, Washington und San Francisco) mit Quarterbacks in die Playoffs gehen, die in ihrer ersten oder zweiten Saison stehen. Das nennt man wohl Wachablöse.

TV-Programm zur Jahreswende

Der Sonntag beginnt auf ESPN America mit Detroit - Chicago (19:00 Uhr). Nach den Frühspielen, darunter ist auch das möglicher Weise noch relevante Duell New York Giants - Philadelphia, wird es in Minnesota interessant, wenn die Vikings die Packers empfangen. Das Spiel wird sowohl von ESPNA als auch von Puls 4 (22:20 Uhr) live übertragen. Die letzte Entscheidung fällt im Nachtspiel zwischen den Skins und den Boys (2:20 Uhr ESPNA). Michael Eschlböck, meiner einer und die Millenium Dancers werden sie auf Puls 4 in den Silvestertag steppen. Danach sind wir gescheiter. (Walter Reiterer, derStandard.at, 29.12.2012)

NFL Woche 16

Detroit Lions vs. Atlanta Falcons 18:31
Pittsburgh Steelers vs. Cincinnati Bengals 10:13
Tampa Bay Buccaneers vs. St. Louis Rams 13:28
Miami Dolphins vs. Buffalo Bills 24:10
Houston Texans vs. Minnesota Vikings 6:23
Philadelphia Eagles vs. Washington Redskins 20:27
Dallas Cowboys vs. New Orleans Saints 31:34
Kansas City Chiefs vs. Indianapolis Colts 13:20
Carolina Panthers vs. Oakland Raiders 17:6
New York Jets vs. San Diego Chargers 17:27
Jacksonville Jaguars vs. New England Patriots 16:23
Green Bay Packers vs. Tennessee Titans 55:7
Denver Broncos vs. Cleveland Browns 34:12
Baltimore Ravens vs. New York Giants 33:14
Arizona Cardinals vs. Chicago Bears 13:28
Seattle Seahawks vs. San Francisco 49ers 42:13 

Tabellen der Conferences
Playoff-Bild

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effort, wegen Sprachpolizei.

Der "Wynn" lässt Sie nicht los? ^^

war eh eine fehlentscheidung.
wenn ich's recht in erinnerung hab, hat den refs der "2nd act" gefehlt... also das "reaching for the goalline" nach dem catch.
wäre übrigens der dritte TD für die ravens gewesen.

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